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"Die sollen uns lieber einen Wall bauen"

Gerhard Grenz in seinem Wohn- und Schlafzimmer: "Hier ist es schön"
 
Arm aber zufrieden: Hanna Witthein lebt seit 41 Jahren in der städtischen Notunterkunft. Sie hat sich ihre winzige Wohnung gemütlich eingerichtet

Freiwillig im Obdachlosenheim / Gerhard Grenz und Hanna Witthein: "Hier ist es schön" / Bald "reiche Nachbarn"

tp. Stade. Niemand will in einem Obdachlosenheim wohnen. In Stade gibt es zwei Ausnahmen: Gerhard Grenz (52) und Hanna Witthein (74). Beide leben seit vielen Jahren in der städtischen Obdachlosen-Siedlung am Fredenbecker Weg in Stade und sagen unisono: "Hier ist es schön. Wir wollen hier nicht weg." Unterdessen bereiten ihnen Gerüchte Sorge, nach denen die Stadtverwaltung im Rahmen der Planung des Neubau-Viertels "Heidesiedlung Riensförde" eine Umsiedlung der Barackenanlage plant.

In der seit der Nachkriegszeit bestehenden städtischen Notunterkunft, die abgeschieden zwischen Bäumen und Feldern im grünen Süden der Stadt liegt, herrschen bescheidenste Lebensbedingungen: Unter den Welldächern der grob verputzten Baracken leben zeitweise mehr als 50 Arme und Gestrandete - zumeist in engen Einzelzimmern. Duschen und Toiletten liegen separat in einem Sanitärhäuschen. Der Weg dorthin führt an Müllbergen vorbei, die Bewohner auf der Wiese oder in offen stehenden Schuppen aufgetürmt haben.

Eine der wenigen 15-Quadratmeter-Wohnungen mit eigener Kochnische und Duschbad mit WC hat Gerhard Grenz ergattert. Der arbeitslose Maler und trockene Alkoholiker landete nach seiner Scheidung vor 21 Jahren am Fredenbecker Weg. Nach Jahren in einem kleinen Zimmer bezog er das an eine Datsche erinnernde Apartment. Was als Überbrückung gedacht war, ist für ihn zur Dauerlösung geworden. Hartz-IV-Empfänger Grenz hat es sich im wahrsten Wortsinn "eingerichtet": Er blickt stolz auf seine spärlich mit vorwiegend gebrauchten Möbeln und ausrangierter Unterhaltungselektronik eingerichteten vier Wände, die er mit Kater "Batman" (3) teilt. Grenz zeigt auf seinen Boller-Ofen, den er mit Kohle und Holz heizt: "Im Winter ist es hier mollig warm." Er hat beschlossen: "Ich will hier nicht mehr weg."

Den Rekord im Dauer-Bewohnen der Obdachlosen-Siedlung am Fredenbecker Weg hält Grenz' Nachbarin Hanna Witthein (74). Die ehemalige Putzfrau lebt hier seit 41 Jahren. Das Heim der Rentnerin ist picobello sauber und adrett dekoriert. Im Zentrum der Wohnstube thront ein geschenkter Riesenfernseher, auf dessen XXL-Flachbildschirm eine Nachmittags-Soap flackert. Vor der Tür laden Plastik-Gartenmöbel zum Verweilen ein. Auch Hanna Witthein will ihr bescheidenes Reich nicht mehr verlassen.

Schon bald rücken Baufahrzeuge an und erschließen einen Katzensprung vom Fredenbecker Weg die moderne Neubausiedlung. Witthein und Grenz beobachten die Entwicklung mit Skepsis. Sie wollen mit den anderen Mittellosen unter sich bleiben und scheuen den Kontakt zu den neuen, wohlhabenden Nachbarn. Grenz sagt: "Die Stadt soll uns bitte einen Wall bauen, dahinter können die Reichen ihre Gärten anlegen und Blümchen pflanzen."

Überdies bittet Grenz die Stadt um Bereitstellung von Feuerholz und eine Entrümpelung des Geländes und um Reparatur und Modernisierung der Baracken. Er hat einen Brief an Bürgermeisterin Silvia Nieber geschrieben.

Die Verwaltungschefin verweist bei "dringend zu erledigenden Dingen am Gebäude" auf den zuständigen Sachbearbeiter. Hinsichtlich der "zu gegebener Zeit erforderlichen Umsiedlung" dürfe Grenz sicher sein, dass die Stadt entsprechende Wohnmöglichkeiten zur Verfügung stellt und die derzeitigen Bewohner rechtzeitig informiert. "Gleichzeitig", so Nieber, "erlaube ich mir an den Zweck der Unterkünfte zu erinnern: die vorübergehende Wohnmöglichkeit für Obdachlose."