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Die unsichtbaren Millionen

Abdulhamit Sari: "Wenn man sagt, wo man wohnt, gucken einen die Leute anders an"
 
"Man ist abgestempelt": Cindy F. und Ahmed B. mit ihren Kindern Manjana (li.) und Samira

Altländer Viertel: Bewohner spüren wenig vom teuren Sanierungsprogramm / Müll, Stigmatisierung und soziale Abgrenzung

tp. Stade. Wo ist das Geld geblieben? Diese Fragen stellen viele Bewohner des Altländer Viertels in Stade angesichts der 16 Millionen Euro Fördermittel, die die Stadt im Rahmen des Programms "Soziale Stadt" seit dem Jahr 2000 in die Sanierung des Multi-Kulti-Quartiers investierte. Weitere 10 Millionen Euro flossen in private Bauvorhaben.

Auf der einen Seite stehen 117 fertige oder noch laufende ehrgeizige bauliche und soziale Projekte vom Treffpunkt Stadtteilhaus mit Qualifizierungsküche über Feste, Betreutes Wohnen für Senioren, Frauen- und Kinderfreizeitangebote, Hausinstandsetzungen über den Einsatz eines Streetworkers und einer Viertelmanagerin und Müllprogramme bis zur Durchmischung der tristen Mietskasernen-Bauweise mit neuen, schmucken Einfamilien-Eigenheimen - auf der anderen Seite der subjektive Eindruck von Viertelbewohnern, dass sich in all den Jahren "kaum etwas verändert" habe.

Das wurde bei einer Straßen-Umfrage des WOCHENBLATT mit zufällig ausgewählten Passanten deutlich:

"Da leben doch nur Verbrecher": Gegen dieses Vorurteil wehrt sich Abdulhamit Sari (49), seit er vor Jahrzehnten ins Viertel zog. Der gebürtige Türke, der als Gärtner arbeitet und eine kleine Eigentumswohnung besitzt, leidet unter der Stigmatisierung: "Wenn man sagt, wo man wohnt, gucken einen die Leute anders an." Außer dem regelmäßigen Stadtteilfest, das er gerne mit seinen vier Kindern besucht, hat er von Kultur-, Freizeit- und Bildungsangeboten wie Malkurse, Nachbarschafts-Café oder "Fußball ohne Abseits" nichts in Anspruch genommen. Positiv aufgefallen sei ihm die bauliche Instandsetzung des Wohnblocks an der Grünendeicher Straße 1. Der Anblick des achtlos in der Landschaft geworfenen Unrats trübe jedoch den optischen Eindruck. Die vielerorts aufgestellten Wertstoffpavillons und Müllschleusen werden offenbar nur von einem Teil der Quartiersbewohner genutzt.

Am Müllproblem stört sich auch Mariella Klug (63). Die aus Italien stammende Sprachdozentin meint: "Die Stadt müsste die Leute mit einem besonderen Programm zu mehr Umweltbewusstsein erziehen." Kritisch betrachtet Mariella Klug, die mit ihrer Familie in einem Eigenheim am Rand des Viertels an der Liegnitzer Straße wohnt, die soziale Abgrenzung der Viertelbewohner untereinander in Menschen mit und ohne Arbeit oder Wohneigentum, Deutsche oder Ausländer verschiedener Nationen: "Die Türken bleiben unter sich." Insgesamt sei das Zusammenleben friedlicher geworden - mit Ausnahme wiederholter Sachbeschädigung durch Vandalen an Eingangstüren der Mietshäuser: "Der Alkohol ist schuld", verweist Mariella Klug auf die Häufung von Menschen mit Suchtproblemen. Mit dem schlechten Ruf der Wohngegend geht die redegewandte Seniorin offensiv um. "Ich erzähle den Leuten, ich wohne in der Stader Bronx."

"Die meisten hier sind arbeitslos. Im Viertel sammelt sich die ärmere Bevölkerung. Man ist abgestempelt", meint Cindy F. (33). Die Mutter zweier Kinder wuchs im Altländer Viertel auf, vier Generationen ihrer Verwandten leben hier. Erfolge der Millionen-Investitionen sind für sie kaum spürbar: "Hier fehlen zum Beispiel noch immer Spielangebote für Kinder." Die Umbenennung der negativ behafteten Straßennamen, etwa der "Breslauer Straße" in "Grünendeicher Straße", ist für sie eine Farce. Cindy F.: "Sage ich einem Taxifahrer, er soll mich in die 'Bresse' bringen, wird er auch noch in 20 Jahren dorthin finden."

• Weitere Stimmen: "Von sozialen Angeboten kriege ich nichts mit", sagt der ältere Türke Ramazan Cicek. "Die Hauseigentümer vermieten und kassieren. Hier bleibe ich nicht", schimpft Rentner Klaus Noworolnik. "Komme hier nur zum Schlafen her", berichtet eine junge Polin. "War geschockt vom ersten Anblick der Häuser", sagt der Serbe Ahmed. B. (32).

• Bei der Stadt Stade weiß man um die Herkulesaufgabe und will bis zum Abschluss des Sanierungsprogramms im Jahr 2020 am Ball bleiben: Ein Großprojekt ist in Arbeit: Eine neue Straße zur Anbindung des in einer Sackgasse liegenden Altländer Viertels an den Bahnhof.