Bitte klicken Sie zur Auswahl auf eines der folgenden vier Logos:

Emanzipation im Buddelkasten

Oliver Kellmer (SPD) macht hinischtlich der Gleichberechtigung von Jungen und Mädchen auf dem Spielplatz "Erleninsel" kleine Verbesserungsvorschläge
 
Seile und Balken zum Balancieren an der Sandkiste

Anstoß der SPD: Gendergerechter Spielplatz in Stade / München ist das Vorbild

tp. Stade. Für die einen sind sie neumodischer Schnickschnack, für die anderen ein früher Schritt zur Chancengleichheit im öffentlichen Raum: gendergerechte Spielplätze. Erste Anlagen, die Jungen und Mädchen bewusst gleichberechtigte Nutzungsmöglichkeiten bieten, sind in München in Planung. Und bald auch in Stade? Auf der jüngsten Sitzung des Jugendausschusses zumindest überraschte SPD-Sozialpolitiker Oliver Kellmer, Vater eines kleinen Sohnes (2), die Fachpolitiker mit einer entsprechenden Anfrage.

Kellmer wollte wissen, ob bei den städtischen Spielplätzen das Konzept der gendergerechten Spielraumgestaltung angewandt wurde, sie also ohne Benachteiligung eines Geschlechts (englisch: Gender) gestaltet sind. Und: "Gibt es Erhebungen über die Nutzung der Spielräume im Hinblick auf die Geschlechter?" Erster Stadtrat Dirk Kraska verneinte das.

Die Fraktionen äußerten sich nicht weiter zum Thema. Wohl zu neu und unbekannt - und vielleicht auch ein bisschen zu abgehoben - ist den Ausschussmitgliedern das Münchener Konzept, das auf einer Untersuchung der dortigen AG „Gendergerechte Spielraumgestaltung“ basiert.

Politiker hatten Untersuchungen veranlasst, nachdem aufgefallen war, dass viele Spielplätze fast ausschließlich von Jungen genutzt wurden. Im Münchener Stadtrat wurde schließlich das Ergebnis als schriftliche Handlungs- und Planungsempfehlung "Spielangebote für Mädchen und Jungen - Gendergerechte Spielraumgestaltung“ vorgestellt.

Auch in Berlin befasst man sich mit dem Thema, wo die Bezirke im Rahmen einer teuren Studie die Gleichberechtigung auf den Spielplätzen untersuchen. Nach ersten Ergebnissen gibt es dort mehrere Anlagen, die ganz klar Jungen bevorzugen.

Dem neuen Trend zufolge sollen Spielplätze im Hinblick der Fläche gerecht aufgeteilt werden, zurückhaltende Nutzer nicht gegenüber den aktiveren benachteiligen und beiden Geschlechtern gleich viele und gleich gute Bewegungsangebote machen.

Vermieden werden soll z. B., dass Mädchen am Rand von Bolzplätzen in die Zuschauerrolle gedrängt werden. Kellmer merkte an, dass teilweise Mädchen von ihren Eltern mit der Aufsicht der jüngeren Geschwister beauftragt würden. Für sie fordert er besondere Bewegungsangebote. Zudem würden sich Mädchen sichtgeschützte Plätze, etwa zum gemeinsamen Tanzen, sowie sichere und beleuchtete Wege und saubere Toiletten wünschen. Beim Bau der bei Mädchen beliebten Schaukeln sollen diese im Kreis angeordnet werden, sodass sie sich beim Schaukeln ansehen unterhalten können

Beim WOCHENBLATT-Ortstermin nahm Oliver Kellmer exemplarisch den modernen Spielplatz "Erleninsel" am Stader Burggraben unter die Lupe. Die saubere Anlage präsentiert sich in weiten Teilen vorbildlich: Direkt neben dem Buddelkasten für die Kleinsten sowie bei der Wasserpumpe gibt es Balancier-und Sitzmöglichkeiten für ältere Kinder. Der Spielplatz liegt geschützt am Fuß eines Walls. Die zugleich offene Lage mit regem Fuß-und Radverkehr auf mehreren Wegen gewährt gibt Sicherheit.

Erst kürzlich ließ die Stadt an den benachbarten Kindergarten einen bunt bemalten WC-Container für Spielplatzbesucher anbauen. Verbesserungsmöglichkeiten sieht Kellmer bei der Anordnung der Schaukeln, die hier nebeneinander hängen.

Als "etwas zu raumgreifend" empfindet er den überwiegend von Jungen genutzten Bolzplatz - zum Ausgleich schlägt er einen größeren Platz mit Turnstangen für Mädchen vor. "Außerdem könnte man bei den Sitzgruppen einige kleine Spiegel anbringen", so Kellmer, dies sei auf vielen neuen Spielplätzen inzwischen üblich.


Auf ein Wort: "Kinder müssen auf die Schnauze fallen"

Kellmer möchte, dass Politik und Verwaltung in Stade bei künftigen Planungen, etwa beim angedachten Spielplatz am Neuen Pferdemarkt und bei der Auflösung kleiner Spielplätze in den Wohngebieten zugunsten attraktiver zentraler Anlagen berücksichtigen.
Er erhofft sich zum Thema eine breite politische Diskussion. Dabei sollen auch Fragen geklärt werden, wie: Ist das unterschiedliche Freizeitverhalten von Mädchen und Jungen anerzogen oder haben es die Geschlechter gewissermaßen "in den Genen"? Werden möglicherweise auch Jungen auf Spielplätzen diskriminiert?

Es ist leicht, sich über das Thema gendergerechte Spielplätze lustig zu machen. Irgendwie zu leicht: Mädchen tanzen und turnen gerne, Jungs spielen gerne Fußball. Mehr Klischee geht nicht. Ob eine solche Geschlechtertrennung sinnvoll ist oder nicht, sei dahingestellt.

Ich finde vielmehr, dass der Frage der politischen Korrektheit einer Spielplatz-Gestaltung nicht zu viel Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte. Wehret den Anfängen.

Sicher, Spielplätze sind wichtig, aber nur als Ergänzung. Viel wichtiger ist es doch, Kinder mal an der "ganz langen Leine" laufen zu lassen. Kinder brauchen letztlich keine vorgefertigten Spielplätze. Der größte Spielplatz ist doch eh die "freie Wildbahn".
Wohl konzipierte "Hochsicherheits"-Spielplätze mit weichen Fallschutzmatten unter den Klettergerüsten - im schlimmsten Fall noch die elterliche "Anschubs- und Hochheb-Polizei" im Schlepptau - ermuntert den Nachwuchs nicht gerade zur freien Entfaltung. Die Lust am Risiko wird abtrainiert.

Draußen, abseits hermetisch abgeriegelter Spielplätze, darf Kind auch mal gepflegt auf die Schnauze fallen. Ich bin mir sicher: Es wird wieder aufstehen und hat dann im Zweifel mehr gelernt, als wenn es immer weich landet.

Björn Carstens