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Ewige Ruhe in der neuen Heimat in Stade

Die Moslems Muhammet Aydin (li.) und Cengiz Yilmaz auf dem Horst-Friedhof
 
Friedhofsverwalter Helmut Engelbrecht (Mitte) mit Muhammet Aydin (re.) und Cengiz Yilmaz auf dem Horst-Friedhof

Linke beantragen muslimisches Gräberfeld / Trauer-Tourismus kommt aus der Mode

tp. Stade. Die Gesellschaft in Deutschland ist längst multikulturell - auch auf dem Land. Das hat auch Auswirkungen auf die Bestattungskultur in der Stadt Stade. Dort befasst sich die Politik nun intensiv mit einem in den Landkreisen Stade und Harburg eingigartigen Vorstoß des Linken-Ratsherren Nusrettin Avci auf Einrichtung eines muslimischen Gräberfeldes für Erdbestattungen. Das Thema wurde jüngst im Finanzausschuss beraten, dessen Mitglieder einstimmig einen entsprechenden Prüfauftrag an die Verwaltung auf den Weg brachten.

Nun soll die Stadtverwaltung Kontakt zu den muslimischen Gemeinden aufnehmen, um sich über besondere Anforderungen zu informieren, einen geeigneten Standort vorzuschlagen und die Kosten zu kalkulieren.

Laut Nusrettin Avci gibt es geeignete Flächen auf den kommunalen Gottesäckern in Campe und auf dem Geestberg sowie auf dem kirchlichen Horst-Friedhof. Während die Stadt noch prüft, ist man bei der Kirche schon weiter und steht in dieser Angelegenheit seit Jahren mit den verschiedenen muslimischen Glaubensgemeinschaften im Dialog. Ziel der Gespräche ist die Vereinbarkeit hiesiger Bestattungssitten mit denen im arabischen Raum. Bei einem WOCHENBLATT-Ortstermin auf dem Horst-Friedhof erklären zwei in Stade lebende, integrierte Moslems die Besonderheiten der Bestattungskultur ihrer Heimat und die Hintergründe des von ihnen unterstützten Linken-Antrages: der Türke Muhammet Aydin (37), Anlagenmechaniker und Vater von drei Kindern, und der türkischstämmige Deutsche Cengiz Yilmaz (44), Elektromechaniker, dreifacher Familienvater und Sprecher der türkisch-islamischen Gemeinde Stade Zentrum.

Beide leben in zweiter bzw. dritter Generation in Stade. Nach ihren Schilderungen nehmen immer mehr Landsleute von dem Wunsch einer Bestattung in der türkischen Heimat Abstand. Als Gründe nennen sie die aufwändige und teure Überführung. Komplikation bereitet die im Glauben begründete Vorschrift der Bestattung spätestens 48 Stunden nach Eintritt des Todes.

Erst kürzlich half Muhammet Aydin als Fahrer mit, um insgesamt 27 Hinterbliebene aus dem Stader Raum für eine Trauerfeier in der Türkei eilig auf die Flughäfen in Hannover, Bremen und Hamburg zu bringen. Die Bereitschaft zum Trauer-Tourismus sinke. Vielmehr, so Aydin und Yilmaz, wünschten sich viele der in Stade lebenden Muslime inzwischen, die Gräber ihrer Verstorbenen in der Nähe ihres Wohnortes zu haben oder träfen eine entsprechende Entscheidung für sich zu Lebzeiten. Bislang bleibe ihnen zumeist nur die knappe Urlaubszeit, die Ruhestätten in der Ferne zu besuchen. Alternativ gibt es muslimische Gräberfelder in Hamburg-Ohlsdorf und Öjendorf. Auch die Muslime in Buxtehude suchten nach einem Gräberfeld.

Bei der Stader Kirche ist man aufgeschlossen: Der Verwalter des Horst-Friedhofs, Helmut Engelbrecht, sieht sie Sache global und spirituell: "Wir haben denselben Gott und uns nährt dieselbe Erde, und zu ihr kehren wir am Ende zurück." Nach seinen Angaben fanden bereits vereinzelt muslimische Bestattungen auf dem Horst-Friedhof statt, allerdings unter Akzeptanz der hiesigen Bedingungen. Für die große Lösung eines eigenen muslimischen Gräberfelder müssen Details geklärt werden - insbesondere bei der Dauer der Grabnutzung. Während hierzulande der Erwerb eines Reihengrabes für 25 Jahre - mit der Möglichkeit der Verlängerung - üblich sei, seien muslimische Gräber auf ewig angelegt und dürften nicht aufgelöst werden. Die vermutlich hohe Gebühr für die "Dauerbelegung" sei, neben dem Platzbedarf, einer der wichtigsten zu klärenden Punkte.

Hinsichtlich der Grabgestaltung sieht Engelbrecht kaum Probleme: Die vorgeschriebene Ausrichtung der rechten Körperseite des Verstorbenen in Richtung Mekka oder die geschmacklichen Unterschiede bei der Bepflanzung der Gräber und die Verzierung der Grabsteine im orientalischen Stil ließen sich mit der ohnehin immer vielfältiger werdenden norddeutschen Bestattungskultur vereinbaren.

Auch Superintendent Dr. Thomas Kück, der sich in der Sache seit Jahren und als einer der ersten um eine Lösung bemüht, gibt den Plänen gute Chancen. Die nach islamischem Brauch übliche Bestattung männlicher Verstorbener in Leinentüchern verlangte noch die Zustimmung der örtlichen Gesundheitsbehörden - eine Formalie. Zudem könne die Horst-Kapelle für muslimische Trauerfeiern zur Verfügung gestellt werden.

Dem Wunsch der Stader Muslime nach einem besonderen Gebäude zur Totenwaschung direkt auf dem Friedhof gibt Dr. Kück wenig Aussicht auf Erfolg. Alternativ schlägt er vor, unter vertraglichen Vereinbarungen, die Waschungen in den dafür geeigneten Räumen der Stader Bestatter durchzuführen. Insgesamt sieht Thomas Kück die gemeinsame Arbeit an dem Projekt als "gutes Zeichen für die Verständigung der Religionen" und geht von einer Zustimmung der Kirchenvorstände aus.

Auch im Kreis Harburg, wo es bislang nur vereinzelt Bestattungen von Muslimen - allerdings nach deutscher Sitte - gab, ist man offen für die Idee eines Gräberfeldes. Im Kirchenkreis Hittfeld würde man eine entsprechende Nachfrage "wohlwollend prüfen", so Superintendent Dirk Jäger. Irmtraud Albers, Verwalterin des Waldfriedhofs in Winsen, gibt zwar Platzmangel auf dem kirchlichen Gottesacker zu bedenken, würde aber sogar die geweihte Kapelle für muslimische Trauerfeiern zur Verfügung stellen. Das Symbol "Jesus am Kreuz" dürfe aber weder von der Wand genommen noch bedeckt werden.
Auch in Buchholz gab es schon einige muslimische Begräbnisse, bislang aber keinen Antrag auf ein eigenes Gräberfeld.