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"Keine Buxtehuder Verhältnisse"

Dr. Jürgen Schneider (77) lässt nur höchst selten Journalisten in seine vier Wände. Für das WOCHENBLATT machte er eine Ausnahme
bc. Stade. Dr. Jürgen Schneider ist ein bedeutender Name an der Schwinge. 22 Jahre lang zeichnete er als Stadtdirektor in Stade für zahlreiche Projekte verantwortlich, ehe er 1994 als Staatssekretär ins Innenministerium Sachsen-Anhalts wechselte. Ein Stadtdirektor war damals das, was heute der hauptamtliche Bürgermeister ist. Als Schneider in Stade anfing, waren die Stadtfinanzen desolat, Industrieansiedlungen gab es nicht. Die Verwaltung litt unter den Nachwirkungen des zum Skandal aufgebauschten Krankenhaus-Neubaus. Das WOCHENBLATT traf den Pensionär daheim in seinem Haus im Stadtteil Hohenwedel und sprach mit ihm über sein früheres Wirken und die aktuellen Stader Verhältnisse. Eine seltene Ehre, lässt Schneider ansonsten nur sehr selten Journalisten in seine vier Wände.

WOCHENBLATT: Sie waren 22 Jahre lang Stadtdirektor, eine lange Zeit: Welche Meilensteine wurden in Stade während Ihrer Amtszeit gesetzt?

Schneider: Wir haben die Altstadtsanierung begonnen und kontinuierlich vorangetrieben. Insbesondere auch ein Verdienst des leider jüngst verstorbenen Stadtbaurates Bruno Jalaß. Stade sah schlimmer aus als viele Städte in der DDR. Anders als es Gutachten von Experten vorsahen, haben wir es geschafft, nur 25 Prozent der Häuser abzureißen. Erhalt und Modernisierung standen im Mittelpunkt. In dieser Zeit ist auch die Fußgängerzone von der Bahnhofstraße bis zum Schwedenspeicher entstanden. Ein Grund, warum Stade heute touristisch so attraktiv ist. Ein weiterer Themenschwerpunkt meiner Arbeit war die Industrieentwicklung in Bützfleth. Auch damals gab es schon Kläger, mit denen verhandelt werden musste. Eine meiner weiteren Hauptaufgaben war es, der Verwaltung wieder Selbstbewusstsein einzuhauchen.

WOCHENBLATT: Wie verfolgen Sie die Entwicklung der Stadt? Nehmen Sie als Zuhörer noch an Ratssitzungen teil?

Schneider: Nein, schon lange nicht mehr.

WOCHENBLATT: Warum nicht?

Schneider: Wissen Sie: Ich habe ein distanziertes Verhältnis zu zwei Berufsgruppen: Journalisten und Politikern. Ich habe es früher immer rigoros unterbunden, falls Politiker versucht haben, eigene Interessen zu verfolgen, und prägte den heute noch bekannten Satz: "Ich möchte keine Buxtehuder Verhältnisse."

WOCHENBLATT: Haben Sie ein Beispiel?

Schneider: In Buxtehude wurde Politik selten im Rathaus betrieben... Aber ich werde bei dem Thema nicht ins Detail gehen. Das Kriegsbeil zwischen allen Akteuren ist längst begraben. Zwar nicht tief, aber es ist begraben.

WOCHENBLATT: Sie sind Sozialdemokrat, Bürgermeisterin Silvia Nieber auch: Haben Sie Kontakt?

Schneider: Ja, natürlich. Obwohl ich keine Ratssitzungen verfolge, bin ich sehr gut informiert, was aktuelle Entwicklungen angehen.

WOCHENBLATT: Frau Nieber ist zuletzt in die Schusslinie der Politik geraten.

Schneider: Silvia Nieber hat ein schweres Erbe ihres Vorgängers angetreten, was zum Beispiel die Situation beim früheren Technik- und Verkehrsmuseum und die Pläne für das Hertie-Gelände angehen. Die Auseinandersetzung mit der Politik gehört bei dem Amt jedoch dazu. Was habe ich mich damals mit Horst Eylmann (Anm. d. Red.: CDU-Ratsmitglied) immer gekeilt! (schmunzelt)

WOCHENBLATT: Als Staatsekretär in Sachsen-Anhalt hatten Sie damals Anteil am Aufbau Ost, haben hautnah miterlebt, was dort nach der Wende investiert wurde und entstanden ist. Neue Autobahnen wurden innerhalb kürzester Zeit gebaut. Was sagen Sie zum Bau der A26, die - vorsichtig formuliert - nur schleppend vorankommt?

Schneider: Seit 1971 wird an der A26 herumgekaspert. Die jetzige Situation ist der größte Schildbürgerstreich, den man sich vorstellen kann. Hier ist Mut gefordert, umgehend die zwei Spuren von Horneburg nach Jork zu öffnen. Auf mögliche Klagen sollte man es gelassen ankommen lassen. Die Autobahnen im Osten wären heute größtenteils noch nicht fertig, hätte man zuvor Planfeststellungsverfahren durchführen müssen. Diese komplizierten Verfahren verzögern oder blockieren hier wichtige Großprojekte.

WOCHENBLATT: Nach Ihrer Zeit in Magdeburg haben Sie den Ostbürgern in einem Spiegel-Artikel Hochmut, Neid und mangelndes Rechtsempfinden vorgeworfen: Wie fiel die Reaktion auf den Artikel aus?

Schneider: Teilweise heftig. Vor allem vonseiten der Linken, der Grünen und einigen systemtreuen Ostdeutschen. Seitdem hat sich aber viel verändert. Trotzdem wird es meiner Einschätzung nach immer noch einige Zeit dauern, bis sich das Rechtsempfinden angeglichen hat.

WOCHENBLATT: Vielen Dank für das Gespräch.


Promoviert in Göttingen


Dr. Jürgen Schneider stammt aus dem Oberharz. Nach dem Abitur studierte er Jura und promovierte an der Universität Göttingen. Anschließend wechselte er zur damaligen Bezirksregierung nach Stade, schließlich zum Landkreis Stade und danach für zwei Jahre ins Innenministerium nach Hannover, bevor er 1972 Stadtdirektor in Stade wurde. 1994 ging Schneider als Innenstaatssekretär nach Magdeburg, um am Aufbau Ost mitzuwirken. Aus politischen und persönlichen Gründen ließ er sich 1998 mit 60 Jahren pensionieren. Von 2000 bis 2007 war er Richter am Niedersächsischen Staatsgerichtshof. Dr. Jürgen Schneider ist 77 Jahre alt. Viel Freude bereiten ihm seine zwei Enkelkinder.