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"Nichts von Folterungen mitbekommen"

Elisabeth Luck wurde in der sogenannten "Alten Feuerwache" geboren (Foto: Luck privat)

Zeitzeugin korrigiert Bild der "Alten Feuerwache" / Planung der "Initiative gegen Verdrängung“ schreitet voran

tp. Stade. In die von der SPD in Stade angefachte Diskussion um das ehemals von den Nazis genutzte Ex-Jugendamt an der Kleinen Beguinenstraße meldet sich nun Zeitzeugin Elisabeth Luck (77) zu Wort: "Von Folterungen habe ich nichts mitbekommen", versichert Luck.

Wie berichtet, soll in dem mit „Alte Feuerwache“ beschrifteten Backsteinbau laut SPD-Fraktions-Chef Kai Holm (45) eine Nebenstelle der Gestapo untergebracht gewesen sein, in der Folter und andere Verbrechen gegen Menschen begangen wurden. Die echte Feuerwache habe sich im Nachbarkomplex befunden.

"Anscheinend hat man in Stade vergessen, dass das Gebäude nicht nur von der Polizei einschließlich Gestapo und von der Feuerwehr, sondern auch als Wohnhaus genutzt wurde", sagt Elisabeth Luck, die ihre Kindheit in dem Haus verbrachte und inzwischen in Hemer im Sauerland lebt. Lucks Vater, der Polizeibeamter war, bezog mit der Familie im Jahr 1930 eine Dienstwohnung in der ersten Etage. Dort wurde Elisabeth Luck 1936 geboren. Weitere Wohnungen habe es in der ersten und zweiten Etage sowie im Hinterhaus gegeben.

Nach Lucks Schilderungen stand das Gebäude vom Dachboden bis zum Keller den Kindern zum Spielen offen. Die Polizisten seien ihre Freunde gewesen. Ihrer Meinung nach sei es "unwahrscheinlich, dass den Bewohnern angebliche Folterungen verborgen geblieben sind". Um Keller hätten die Mieter Vorräte und Kohle gelagert. Weitere Zeugen könnten ihre Aussagen bestätigen, sagt die Buchhalterin im Ruhestand.

Kai Holm dazu: "Wenn Frau Luck nichts von Folterungen mitbekommen hat, ist das selbstverständlich zu glauben." Allerdings habe die Gestapo seines Wissens die Maßnahmen gegen missliebige Menschen nicht so durchgeführt, dass andere - insbesondere Kinder - davon etwas mitkriegen konnten.

Die heutige Bezeichnung "Alte Feuerwache" hält Luck übrigens für nicht ganz treffend. Von dem Haus aus sei zwar die angrenzende Feuerwehrgarage mit ihren zur Waldstraße gerichteten Toren zugänglich gewesen, und in der zweiten Etage habe der Schlauchwart eine Dienstwohnung bewohnt, doch von "Wache" im engeren Sinn könne keine Rede sein, so Luck. Es habe sich da um eine freiwillige Feuerwehr gehandelt. Deren Mitglieder hätten in dem Gebäude keinen Wachdienst geleistet, sondern seien von zu Hause aus zu den Einsätzen ausgerückt.

• Die Gründung der von der SPD geforderten „Initiative gegen Verdrängungsmechanismen“ zeichnet sich ab: Verwaltung und Politik werden eine Arbeitsgruppe bilden, um eine umfassende Bestandsaufnahme zu machen", sagt Kai Holm. Der "AG Verdrängung" sollen unter anderem Stadtarchivarin Dr. Christina Deggim als Leiterin und Stadtarchäologe Dr. Andreas Schäfer angehören. Später soll der Kulturausschuss über die Gründung der Initiative beraten.