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Obdachlosen-Umzug in Stade: Konflikte sind programmiert

Am Fredenbecker Weg gestrandet: Joachim Kruse verbrennt Müll vor seiner Baracke

Wohnungsloser Joachim Kruse (46) wehrt sich gegen Unterbringung im Doppelzimmer

tp. Stade. Mit Widerstand reagieren einzelne Bewohner der Obdachlosen-Baracken am Fredenbecker Weg auf die Umsiedelungspläne der Stadt. Den sprichwörtlichen "Mord und Totschlag" erwartet Joachim Kruse (46) mit Blick auf die beengten Verhältnisse in den Neubauten an der Bundesstraße 73 in Wiepenkathen.

Joachim Kruse, der seit anderthalb Jahren allein in einer Wohnung der Nachkriegsbaracken am Fredenbecker lebt, und ein Nachbar, zeigen sich zudem irritiert über ein Gerücht, nach dem die Umsiedlung noch mindestens drei Jahre dauern wird.
Nach Angaben der beiden Männer wolle sich der Großteil der Bewohner am Fredenbecker Weg gegen den Umzug zur Bundesstraße 200 wehren. "Wir werden öffentlich protestieren", sagt Joachim Kruse. Er hat größte Bedenken wegen der Unterbringung in Doppelzimmern mit Etagenbetten am neuen Standort. Der frühere Elektriker und Koch verweist in diesem Zusammenhang auf angebliche wiederholte Gewaltausschreitungen am Fredenbecker Weg, teils mit schwerer Körperverletzung.

Bei der Stadt, die langfristig auf dezentrale Unterbringung der Obdachlosen in verschiedenen, auf das Stadtgebiet verteilten Wohnungen setzt, äußert man sich nur indirekt zu den Einwänden: "Wir werden zunächst ein Gesamtkonzept erarbeiten, bevor wir weitere Schritte unternehmen", sagt Pressesprecherin Myriam Kappelhoff. Während die Stadt keine Zeitangaben macht, rechnet der SPD-Politiker und Gründer des "Runden Tischs gegen Obdachlosigkeit", Oliver Kellmer, mit den ersten Umzügen in einem Vierteljahr. "Selbstverständlich kann eine Zweier-Belegung nur zwischen Personen erfolgen, die ohne Konflikte miteinander umgehen können. Bei schwierigen Persönlichkeiten muss notfalls auf eine Einzelunterbringung zurückgegriffen werden." So sei der Plan an der B73 auch angelegt. Die elf Wohnungen sollen durchschnittlich mit insgesamt 17 Personen belegt werden.

Langfristig soll laut Kellmer die Obdachlosenunterbringung "zeitlich sehr verkürzt" werden: "Durch die sozialpolitischen Projekte, die wir am Runden Tisch mit Hilfe des Herbergsvereins planen." Er nennt als Beispiel das in Lüneburg und Verden erfolgreiche sogenannte Clearing-Verfahren, bei denen die beteiligten Träger frühzeitig gemeinsam mit den Betroffenen nach individuellen Wegen zurück in die eigene Wohnung suchen. Ebenfalls ein erfolgversprechendes Konzept sei das "Wohn-Coaching", das den Übergang von der Obdachlosenunterbringung zurück in die eigene Wohnung begleiten soll.

Betroffene werden für einen bestimmten Zeitraum begleitet und unterstützt. "Erfreulicher Nebeneffekt" sei, dass Vermieter dann eher bereit seien, Mietverträge abzuschließen, so Kellmer. Das könnte auch Joachim Kruse helfen: Er beklagt, bei potenziellen Vermietern in Stade abzublitzen, sobald er den Fredenbecker Weg als Wohnadresse angibt.