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Stader Politik geht am Stock

(Foto: Fotomontage MSR)
bc. Stade. Mit 39 Jahren ist der Verwaltungsrichter Oliver Kellmer das Nesthäkchen im Stadtrat. Kein anderes Mitglied in der aktiven Stader Ratspolitik ist jünger als der SPD-Ratsherr, dafür aber viele sehr viel älter. Ü70 ist keine Ausnahme.

Das WOCHENBLATT hat vor der immer näher rückenden Kommunalwahl am 11. September 2016 nachgerechnet. Inklusive Bürgermeisterin Silvia Nieber beträgt das aktuelle Durchschnittsalter der 41 Ratsmitglieder rund 58 Jahre.

Führende Politiker sprechen selbstkritisch von „Überalterung“ und „echten Nachwuchssorgen“. Wer soll in dem wichtigsten politischen Gremium der Stadt die Interessen der Jugend und jungen Erwachsenen vertreten, wenn der Rat mehr einem Seniorenbeirat gleicht?

Wichtig wird in dem Zusammenhang sein, junge Leute für die Kommunalpolitik zu begeistern. Die Wahrheit darf beim Werben um den Nachwuchs aber nicht vergessen werden. Ehrenamtliche Kommunalpolitik ist zeitintensiv.

Nur ein Beispiel: In der größten Ratsfraktion, die der Sozialdemokraten, gibt es jede Woche eine Fraktionssitzung. Darüber hinaus ist jeder Mandatsträger in der Regel in zwei Ausschüssen vertreten. Nicht zu vergessen die zehn Ratssitzungen pro Jahr, die vielen Vorgespräche und Nachbereitungen zu den Sitzungen.

„Wenn ich jüngeren Kandidaten den Zeitaufwand deutlich mache, ist das anfängliche Interesse schnell wieder verflogen“, räumt SPD-Fraktionschef Kai Holm ein, mit 51 Jahren der zweitjüngste in seiner Fraktion. Die Aufwandsvergütung von 205 Euro für ein Grundmandat sei keine wirkliche Argumentationshilfe.

Wie viele andere auch beobachtet Holm die Tendenz, dass sich junge Leute durchaus für Politik interessieren, allerdings nur für zeitlich begrenzte Projekte. Beispiel Atomkraft oder Flüchtlingsarbeit. Die wenigsten lassen sich dabei an Parteien binden.

Viele, die in ihrer Schulzeit bei den Jusos, in der Jungen Union oder anderen politischen Nachwuchsorganisationen mitgemacht haben, ziehen zum Studieren oder beruflich in die Metropolen. Das erschwert natürlich langfristige politische Arbeit in Kleinstädten, wie sie Stade eine ist.

Das WOCHENBLATT hat sich bei den Fraktionsvorsitzenden und „Einzelkämpfern“ im Stadtrat umgehört. So sieht bei ihnen die Lage vor der Kommunalwahl aus.



Überalterung: Das sagen die Fraktionsvorsitzenden und „Einzelkämpfer“


• Kai Holm (SPD, Durchschnittsalter 60,2 Jahre): „Die Suche nach jüngeren Kandidaten gestaltet sich sehr schwierig. Die Altersgruppe unter 30 Jahren ist zwar politisch interessiert, möchte aber gerne projektbezogen arbeiten.“

• Kristina Kilian-Klinge (CDU, Durchschnittsalter 60 Jahre): „Unser Ziel ist es, für jede Altersgruppe Kandidaten zu finden. Aber natürlich ist das schwierig, weil sich besonders junge Leute in der Findungsphase befinden, was Job und Studium angeht.“

• Reinhard Elfring (Grüne, Durchschnittsalter 54 Jahre): „Im Moment sieht es finster aus. Ich sehe keine Kandidaten unter 30 Jahren, die sich für die Grünen in den Rat wählen lassen wollen.“

• Hans-Jürgen Nicolai (Wählergemeinschaft/FDP, Durchschnittsalter 59 Jahre): „Wir sprechen junge Leute an. Aber ich kann auch jeden verstehen, wenn er oder sie sagt, dass es aus zeitlichen Gründen nicht machbar sei, im Rat mitzuarbeiten.“

• Holger Dankers (Die Linke, 59): „Das ist eine traurige Entwicklung. Aber nicht nur Parteien haben Probleme, junge Leute zu rekrutieren. Auch Vereine sind betroffen.“

• Horst Deede (Unabhängige Bürgerliste, 71): „Ich suche noch nach Leuten ab 20 Jahren für die Bürgerliste. Wenn sich welche finden, würde ich nicht mehr kandidieren.“

Kommentar



Wer hat Lust, sich zu engagieren?


Es ist nicht wirklich eine Überraschung, dass mehr Silberfüchse als Jungspunde im Stader Stadtrat sitzen. Sie haben mehr Zeit, die Kinder sind aus dem Gröbsten raus, viele haben bereits mit dem Berufsleben abgeschlossen. Politik ist jetzt ihr Berufung.
Ehrlich gesagt, habe auch ich keine Ahnung, wie man jungen Leuten zwischen 20 und 30 Jahren Kommunalpolitik schmackhaft machen soll. Ich weiß nur, dass ohne diese Altersgruppe ausgewogene Politik schwerlich funktionieren kann. Also nutze ich diesen Kommentar mal für einen Appell: Wer Lust hat, sich an der Entwicklung in seiner Stadt aktiv zu beteiligen, darf sich gerne einbringen und für die anstehende Wahl kandidieren. Die Parteien und Wählergemeinschaften werden sich freuen.
Björn Carstens