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Chaos pur statt Kompetenz?

SBB-Umschülerin Natalie Schmidt
 
Auch an den Schulungsräumen der SBB übten die Umschüler Kritik

Umschüler verzweifelt: Schwere Vorwürfe gegen Bildungseinrichtung SBB in Stade

(tp). Geht es bei den staatlich geförderten Bildungsträgern manchmal nicht mit rechten Dingen zu? Werden Bildungsgutscheine missbraucht? Wer kontrolliert die von den Jobcentern oder der Agentur für Arbeit bezahlten Bildungsinstitute? Diese Fragen stellen sich auch für den Bildungsträger "SBB Kompetenz" in Stade. Glaubt man den Schilderungen einer Gruppe von rund zwei Dutzend Umschülern, herrschen in der Einrichtung chaotische Zustände, die die Umschüler ausbaden müssen.

Bei der gemeinnützigen Gesellschaft SBB mit Sitz in Hamburg absolvieren unter anderem Hartz IV-und Arbeitslosengeldempfänger, alleinstehende Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund eine Umschulung gegen Bildungsgutschein vom Jobcenter. Kosten: rund 10.000 Euro je zweijähriger Umschulung.

Alle Schüler hätten das Ziel, die Umschulung zum/zur Speditionskaufmann- oder Bürokaufmann/-kauffrau erfolgreich abzuschließen, schreiben die Betroffenen in einem offenen Brief an das WOCHENBLATT, doch dazu fehlten wesentliche Voraussetzungen wie verlässliche Stundenpläne, feste Unterrichtszeiten, langfristig unterrichtende Fachdozenten, zumutbare Schulungsräume sowie Kontakt zu den Praktikumsbetrieben und Unterstützung bei den Praktika. Die Ex-SBB-Dozentin, Diplom-Betriebswirtin Angela Tillhon (45) aus Jork, bestätigt die Kritik ihrer Schüler: "Ich bin bereit, zu den Mängeln in einer eidesstattlichen Versicherung Stellung zu beziehen."

Ein Schicksal:
Mit Freude nahm Natalie Schmidt (32) aus Stade im Jahr 2010 ihren Bildungsgutschein im Wert von rund 14.000 Euro vom Jobcenter entgegen und begann mit Elan ihre Umschulung zur Speditionskauffrau beim Bildungsträger SBB Kompetenz in Stade. Doch zum Ende der Maßnahme zieht sie ein ernüchterndes Fazit: "Ich fühle mich ausgenutzt und missbraucht." Sie gibt angeblich katastrophalen Zuständen und Organisationsmängeln bei der SBB Schuld an ihrem persönlichen Bildungsdesaster, das kürzlich mit einer gefloppten Prüfung seinen traurigen Höhepunkt erreichte.

So wie viele ihrer rund drei Dutzend Umschüler-Kollegen bei SBB in Stade hat auch sie einen Migrationshintergrund und lebt von Hartz IV. Die kinderlose, ledige Ukrainerin hält sich seit 2002 in Deutschland auf, hielt sich zunächst mit Jobs in der Hotellerie und bei einer Fastfood-Kette über Wasser. "Doch ich war ständig mit der Idee beschäftigt, dass ich nicht nur einen unqualifizierten Beruf ausüben kann. Ich wollte, dass die deutsche Wirtschaft von meinen Fähigkeiten profitiert", sagt die Einwanderin.

Das Arbeitsamt erkannte ihr das in der Ukraine begonnene pädagogische Hochschulstudium als Mittlere Reife an. Natalie Schmidt begann die Umschulung bei SBB "mit Motivation" die inzwischen in "Frustration" umgeschlagen sei. Vor einigen Wochen fiel sie durch die Abschlussprüfung. Wegen besonderer Umstände wurde diese zwar annulliert und Natalie Schmidt darf die Prüfung im kommenden Jahr wiederholen. Dennoch hat sie viel verloren: Nach ihren Angaben war ihr eine gut bezahlte Anstellung bei einem Großunternehmen sicher, bei dem sie sich im Rahmen eines Praktikums bewährt habe. Doch wegen der Verzögerung macht den Job inzwischen jemand anderes.

Natalie Schmidt nennt viele Gründe für den aus ihrer Sicht von SBB verschuldeten Misserfolg, wie: Lücken im Stundenplan, Verspätung und Abwesenheit sowie eine hohe Fluktuation von Dozenten, fehlende Fachliteratur, Unterrichtsausfall und mangelnde Unterstützung bei der Prüfungsvorbereitung. Sie spricht außerdem von einer unterschwellig ausländer- und frauenfeindlichen Atmosphäre bei der SBB. Sie befürchtet, bei diesen Gegebenheiten erneut durch die Prüfung zu fallen.


Eine weitere Umschülerin klagt: "Ich bin fürs Lernen zur Schule gegangen, ging aber leer nach Hause." Sie bemängelt die "fahrlässige Organisation" bei der SBB.
„Bei der SBB fließen staatliche Gelder ins Leere“, sagt eine andere Teilnehmerin, die aus Angst vor Repressalien anonym bleiben möchte. Sie berichtet von einem gestörten Vertrauensverhältnis zwischen Umschülern und Dozenten. Einer der Fachlehrer habe zu den Schülern gesagt, wer bei der SBB gelandet sei, habe im Leben etwas verbockt.

Die erfahrene Dozentin Angela Tillhon (45) bestätigt die Beschwerden der Schüler. Laut Tillhon würden die Missstände bei der SBB-Ausbildung von einer niedrigen Durchfallquote kaschiert: Dazu werde den Umschülern kurz vor den Prüfungen systematisch abfragbares Wissen eingetrichtert. Aufgrund der aus ihrer Sicht unhaltbaren Arbeitsbedingungen hat sie ihren Dienst bei der SBB quittiert.

Die bisherigen gelegentlichen Kontrollen des Jobcenters und Zertifizierungsstellen bei der SBB waren offenbar mangelhaft. Das Amt will den aktuellen Beschwerden aber sofort nachgehen. Schon seit einigen Jahren empfiehlt die Behörde Bildungsgutschein-Empfängern keinen speziellen Bildungsträger mehr. Stattdessen müssen sich die Umschüler selbst ein geeignetes Institut suchen. Das Jobcenter achtet lediglich darauf, dass der Träger per Zertifikat bescheinigt, die Mindestanforderungen für den jeweiligen Bildungsgang zu erfüllen.

• Wolfgang Möller, SBB-Standortleiter in Stade, sagt: „Wir nehmen uns die Kritik zu Herzen und werden in Zukunft regelmäßige Lernzielkontrollen durchführen. Auch die Stundenpläne werden wir länger im Voraus planen.“ Zu Abweichungen könne es jedoch aufgrund von Krankheitswellen bei den Dozenten kommen. Möller spricht ansonsten von einer hohen Ausbildungsqualität bei überdurchschnittlichem Notenschnitt der Schüler. Viele Schüler würden von den Betrieben übernommen.

• Die Umschüler haben Beschwerde beim Kultusministerium eingelegt.