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"Der Bauer bekommt oft nur den Rest"

Johann Knabbe, Kreislandwirt Stade

Kreislandwirt Johann Knabbe im WOCHENBLATT-Interview zur Milchkrise: "Markteingriff des Staates nicht sinnvoll"

tp. Landkreis. Deutsche Milchbauern in der Krise: Viele Erzeuger - auch aus den Landkreisen Harburg und Stade - berichten von drastischen Rückgängen und einem monatlichem Minus auf dem laufenden Konto. Nach dem Milchgipfel, zu dem Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) geladen hatte, präsentierte die Regierung u.a. Soforthilfe in Höhe von 100 Millionen Euro, vor allem durch steuerliche Vergünstigungen für die Landwirte. Für Kritiker greifen die Hilfen zu kurz. Das WOCHENBLATT bat den Stader Kreis-Landwirt Johann Knabbe in einem Interview um eine Beurteilung der Lage.

WOCHENBLATT:
Den Liter Vollmilch gibt es beim Discounter für 46 Cent - ist das gerecht?
Johann Knabbe: Nein. Handel und die Molkerei schlagen ihre Kosten auf das Produkt auf und verkaufen, der Landwirt bekommt oft nur den Rest, egal, ob der Erlös kostendeckend ist oder nicht.
WOCHENBLATT: 100 Millionen Euro für die Milchbauern - wie setzt man das Geld am besten ein?
Johann Knabbe: Man kann den Umsatzverlust durch niedrige Preise nicht mit Steuergeldern auffüllen, aber staatliche Bürgschaften und Verbesserungen in der fiskalischen Bewältigung solcher Marktkrisen können helfen.
WOCHENBLATT: Ist ein Eingriff des Staates ins Marktgeschehen sinnvoll?
Johann Knabbe: Da die Milchmengensteigerung weltweit stattfindet und die Einflüsse der vorherigen Milchquote auch keinen wesentlichen Einfluss auf den Preis genommen haben und den produzierenden Landwirten Millionen Euro an Quotenkosten gebracht hat, ist es nicht sinnvoll.
WOCHENBLATT: Wie kommt der niedrige Milchpreis zustande?
Johann Knabbe: Ausschreibungskontrakte des Lebensmitteleinzelhandels in den Segmenten Frischmilch, Butter, Käse etc. setzen immer die Wettbewerbsspirale um das günstigste Angebot in Gang, um überhaupt noch liefern zu dürfen. Die Kostenkalkulation des Erzeugers wird dabei völlig außer Acht gelassen.
WOCHENBLATT: Droht ein Sterben der Milchhöfe?
Johann Knabbe: Die Entscheidung, die Kuhhaltung aufzugeben, ist komplex. Schlechte Wirtschaftlichkeit beschleunigt solche Entscheidungen, aber auch die fast unmöglichen Auflagen tun ihr Übriges.
WOCHENBLATT: Wie ist die typische Größe eines Milchbetriebes in der Region und wird sie sich ändern?
Johann Knabbe: Den typischen Milchbetrieb gibt es nicht. Es haben sich aber viele Betriebe zu einer Größe von 100 bis 200 Kühen als Grundlage entwickelt. Über jede Veränderung entscheidet auch in Zukunft hoffentlich noch die Landwirtsfamilie und nicht Banken, Verwaltung oder Politik. Jeder Wirtschaftsbereich hat Marktschwankungen - und Bauer können sie nur werden, wenn man einen Hof hat.
WOCHENBLATT: Warum entscheiden sich Bauern noch für die Milchproduktion?
Johann Knabbe: Die Betriebshistorie und der Standort sind oft die Entscheidungsgrundlage - und dann ist man da erst mal dran gebunden. Und: Jeder Mensch auf der Welt braucht einen Bauern, der ihm Teller und Tasse füllt.
WOCHENBLATT:
Vielen dank für das Interview.