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Seehafen als Müll-Drehscheibe

Der lange Weg des Mülls: Von Irland über Stade geht die Reise weiter nach Hamburg
 
Ein Bagger verlädt in Stade irischen Hausmüll auf einen Lkw der Himmelpfortener Spedition HVG

Tausende Tonnen Unrat aus Irland werden in Stade angeliefert / Transport zur Vattenfall-Verbrennungsanlage

bc/tp. Stade. Die schwere Baggerschaufel pendelt behäbig über dem Müllberg am Stader Seehafen und entlädt im Schutz der meterhohen Containerburg die stinkende Fracht auf Lastwagen. Der Betreiber des Umschlagplatzes, die Hamburger Buss Ports Logistik GmbH, fasst den Begriff "Vielzweck"-Terminal weit: Nach Windrad-Flügeln wird jetzt an der Waterkant im Stader Industriestadtteil Bützfleth im großen Stil Hausmüll aus Irland von Schiffen auf Lkw verladen. Damit ist Stade, das ein Image als saubere Touristen- und Hansestadt pflegt, zur Reisestation des globalen Mülltourismus geworden. Bis zu 50.000 Tonnen Unrat könnten in Stade angeliefert werden.

Auf dem internationalen Markt ist Restmüll ein gefragtes Gut zur Befeuerung von Müllverbrennungsanlagen. Um Unterauslastungen auszugleichen, importieren die Betreiber Müll aus dem Ausland. Großen Bedarf hat die Anlage von Vattenfall an der Borsigstraße in Hamburg. Dorthin wurden jüngst rund 1.500 Tonnen irischen Hausmülls über den Seeweg nach Deutschland verfrachtet. Die Ware wurde in Bremerhaven im Fischereihafen angelandet und durch die Spedition HVG aus Himmelpforten weiter nach Hamburg kutschiert.

Doch weil sich immer mehr Anwohner in Bremerhaven über die extreme Geruchsbelästigung beschwerten, schaltete sich der dortige Umweltsenator ein. Laut dessen Sprecher Jens Tittmann habe die HVG die letzte Fuhre Müll am 6. August abtransportiert. Das letzte Müllschiff lief Bremerhaven Anfang Juli an.
Seit Anfang August ist nun der im Sommer 2012 eröffnete Terminal in Stade Ziel der Müllfrachter. Bislang wurden hier rund 10.000 Tonnen von drei Schiffen umgeschlagen. "Die internationale Genehmigung zur Abfallverbringung erlaubt uns, insgesamt bis zu 50.000 Tonnen Ersatzbrennstoff aus aufbereitetem Abfall in Stade umzuschlagen", sagt Vattenfall-Sprecherin Karen Kristina Hillmer.

Im Stader Seehafen läuft die Genehmigung für den Transport gewerblichen Abfalls aus dem europäischen Ausland (Notifizierung) bis Ende Mai 2015. "Ob sie ausgeschöpft wird, hängt von der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung der Müllverbrennungsanlage ab", so Hillmer.

Laut Buss-Pressesprecherin Karin Lengenfelder gab es aus Stade und der Ortschaft Bützfleth bislang keine Beschwerden über Geruchsbelästigung. Die aus Containern aufgetürmte Mauer diene der Eindämmung lästiger Gerüche und verhindere, dass Wind den Müll fortbläst. Rundum wurden Rattenfallen aufgestellt.
Vier bis fünf Lkw sind laut Buss im Pendeleinsatz zwischen Stade und Hamburg unterwegs, um täglich rund 300 Tonnen Müll bei Auftraggeber Vattenfall abzuliefern. Lieferant ist ein Abfallaufbereitungsunternehmen aus Dublin.

Wie mehrfach berichtet, lief der Betrieb des 3,5 Hektar großen Seehafen-Umschlagplatzes mit 210 Meter langer Kaimauer zunächst schleppend an. Die Anlage wird laut Buss-Srecherin Lengenfelder inzwischen immer häufiger gebucht. In diesem Jahr seien in Stade unter anderem 290 Rotorblätter für Winkraftanlagen sowie Windanlagen-Bauteile aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK), Industrieschornsteine und Filterkohle umgeschlagen worden. Mit Hausmüll habe Buss kein Problem, so Lengenfelder: "Geschäft ist Geschäft."

Kommentar:

Vom Öko-Gedanken abgekoppelt
Die Verladung irischen Hausmülls in Stade ist formal legal. Dennoch stinkt mir die Angelegenheit: Die Mehrheit der kleinen Leute ließ sich von der Politik zu folgsamen Müllmarionetten erziehen. In der Hoffnung, der Umwelt etwas Gutes zu tun, trennen sie in den Haushalten brav jeden winzigen Fetzen Abfall fürs Duale System. Viele Macher aus der privaten Abfallwirtschaft haben sich längst vom Öko-Gedanken gelöst und karren munter Müll über den Globus. Hautsache, der Rubel rollt.
Thorsten Penz