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Früh präventiv eingreifen, um kriminelle Karrieren früh zu unterbrechen

In Tostedt rasten Jugendliche auf dem Rad an Passanten vorbei und ergriffen Handtaschen. Hier eine nachgestellte Situation
 
Hans-Jürgen Scholz mit dem Akten-Berg eines jugendlichen Straftäters
bim. Tostedt. Vandalismus im Jugendzentrum und im Freibad in Tostedt, beschädigte Firmenwagen, Graffiti-Schmierereien und dreiste Raubdelikte - in Tostedt treiben seit einigen Monaten jugendliche (deutsche) Straftäter ihr Unwesen. Der Schaden geht in die Tausende, die Opfer fühlen sich machtlos und sind entsetzt über das teilweise rücksichtslose Vorgehen. „Vornehmlich im vergangenen Sommer hatten wir täglich mit auffälligen Jugendgruppen zu tun“, sagt Hans-Jürgen Scholz, Leiter der Polizeistation in Tostedt. Die Tostedter Polizei kam den Tätern jeweils zügig auf die Schliche. Doch hapert es noch häufig an der schnellen Strafverfolgung.

Es gibt Straftaten von Jugendlichen, die in die Kategorie „Übermut nach Alkoholkonsum“ fallen. Nichtsdestotrotz ist der Sachschaden mitunter hoch, so wie im vergangenen Sommer im Tostedter Freibad, als eine Gruppe Jugendlicher Startblöcke und eine große Reinigungsmaschine ins Becken warf. Andere junge Leute bemühen sich um Ansehen unter Gleichaltrigen. Wie die Graffiti-Sprüher, die offenbar dem verstorbenen Graffiti-Künstler „Oz“ († 2014) nacheiferten und öffentliche Gebäude und Stromverteilerkästen „verschönerten“.

Besonders beunruhigend war die Kriminalitätssteigerung bei einem 14-jährigen Teenager. Er beging zunächst „eine rekordverdächtige Anzahl an Fahrraddiebstählen“ und konnte nach wenigen Wochen überführt werden. „Mit dem Jungen kann man reden“, sagt Scholz, „das Problem war, dass er nie ein richtiges Elternhaus hatte und wegen diverser Vorfälle auch die Schule verlassen musste.“ Das Sorgerecht hatte die Mutter aufs Jugendamt überragen, der Junge kam ins Kinderheim. Ohne Familie und schulische Verpflichtungen hing er praktisch auf der Straße. Sein geringes Taschengeld konnte seine Wünsche nicht ansatzweise erfüllen.
Um an Geld zu kommen, bestahl der Teenager vorwiegend ältere Menschen. „Wir telefonierten häufig mit dem Jugendamt und haben unsererseits versucht, ihm sein Unrecht klar zu machen. Die polizeiliche Bearbeitung erfolgt durch speziell beschulte Jugend-Sachbearbeiter“, erläutert Hans-Jürgen Scholz. „Außerdem fuhren eine Kollegin und ich zur Staatsanwaltschaft Stade, um das Verfahren zu beschleunigen. Denn ein Problem ist, dass zwischen der geahndeten Tat und der Strafe noch Wochen vergehen.“ Es sei ein schwieriger Prozess, eine sich verfestigende kriminelle Karriere zu unterbrechen.

Nach einigen Fahrraddiebstählen bestahl der 14-Jährige auch ältere Menschen, die vom Einkaufen kamen. Mit anderen Jugendlichen raste er auf dem Rad an ihnen vorbei und ergriff Handtaschen. Opfer wurden auch ältere Menschen, die auf den Tostedter Friedhof kamen, um zu trauern oder Gräber zu pflegen.
Weiterhin überführte die Polizei mehrfach einen 15-Jährigen, der 2014 für über 50 Einbrüche in der Samtgemeinde Tostedt verantwortlich war oder als Mittäter in Erscheinung trat.
Der 14-jährige Fahrraddieb und der 15-jährige Einbrecher wurden über das Jugendamt an anderen Orten in Einrichtungen wie Heimen oder Wohngruppen untergebracht. Damit hatten sich die Vorfälle zumindest in Tostedt erledigt. Allerdings sind beide Jugendliche entweder an anderen Orten oder bei Wochenendaufenthalten auch wieder in Tostedt kriminell in Erscheinung getreten. Der 15-Jährige konnte letztlich nur durch Untersuchungshaft von weiteren Taten abgehalten werden.
Ein Patentrezept, Jugendliche von weiteren Straftaten abzuhalten, gebe es nicht, sagt Hans-Jürgen Scholz. Jeder Einzelfall sei gesondert zu betrachten. „Zunächst suchen wir das unmittelbare Gespräch. Bei Jugendlichen bis 18 Jahren laden wir die Erziehungsberechtigten mit ein und informieren begleitend das Jugendamt. In der weit überwiegenden Zahl aller Fälle reicht diese Art der Intervention aus, um zukünftige Delinquenz zu verhüten“, so Scholz.

Eine Möglichkeit, die jugendlichen Serien-Straftäter aufzufangen, sei eine durch das Jugendamt initiierte Intensivbetreuung, die sei aber eben auch teuer. Auch hätten die Gerichte die Möglichkeit, bestimmte Sanktionen zu verhängen, z.B. Therapien und gemeinnützige Arbeit oder bei Ersttätern einen Täter-Opfer-Ausgleich oder Schadenswiedergutmachung zu verlangen (im Detail nachzulesen unter www.gesetze-im-internet.de/jgg/). „Eine rechtzeitige gute jugendspezifische Kriminalitätsprävention wird im Regelfall von mehreren Institutionen getragen und kann verhindern, dass wir in näherer Zukunft schwerere Verbrechen erleben müssen“, so Scholz.

• Auch in Winsen hat die Polizei Probleme mit einigen Jugendlichen. Ein 14-Jähriger, der bereits über 100 Straftaten begangen hat, sitzt derzeit das erste Mal im Gefängnis.