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25 Jahre Palliativversorgung in Deutschland: "Niemand sollte allein und unter Schmerzen sterben"

Palliativmedizinerin Andrea Sprogies
(bim). Wer mitten im Leben steht, setzt sich ungern mit dem Thema Tod auseinander, weil der Gedanke an das Sterben häufig mit der Vorstellung von Schmerzen in Verbindung steht. Doch das Ende muss nicht schmerzhaft und würdelos sein. Dank der Palliativmedizin, der medikamentösen und seelsorgerischen Sterbebegleitung, können die Schmerzen von Todkranken gelindert und ihnen ein würdevoller Abschied Zuhause ermöglicht werden. Eine von 13 Palliativmedizinern im Landkreis Harburg ist Andrea Sprogies aus Tostedt, die schon Hunderte Menschen in den letzten Tagen begleitet hat. Anlässlich der 25-jährigen Palliativversorgung in Deutschland berichtet sie im WOCHENBLATT-Interview von ihrer Arbeit.
WOCHENBLATT: Wieso hat es so lange gedauert, bis die Palliativmedizin anerkannt wurde?
Andrea Sprogies: Das ist zum Teil historisch begründet wegen der Euthanasie im Dritten Reich. Manche Ärzte vertreten auch das Dogma: "Leiden muss ja sein." Das ist überholt. Um als Palliativmediziner tätig werden zu können, war bisher eine Zusatzausbildung nötig. Erst seit diesem Jahr ist die Palliativmedizin Bestandteil des Arztstudiums.
WOCHENBLATT: Mit welchen Krankheiten sind Sie bei der Palliativ-Behandlung konfrontiert?
Andrea Sprogies: Mit allen Erkrankungen, die zum Tod führen. Unter anderem mit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), einer neurologischen Erkrankung, bei der nach und nach die Organsysteme versagen und die Patienten letztlich langsam ersticken. Außerdem mit Krebserkrankungen, Tumoren, Nekrosen und Blutungen.
WOCHENBLATT: Wie wird den Patienten geholfen?
Andrea Sprogies: Es geht um Schmerzkontrolle und Symptombehandlung. Die Patienten erhalten starke Beruhigungs- oder Schmerzmittel. Die Palliativmedizin sorgt dafür, dass schwer kranke Menschen binnen weniger Minuten schmerzfrei sind. Für mögliche Not-Operationen arbeiten wir auch eng mit dem Krankenhaus Buchholz zusammen. Meine Kollegen und ich gewährleisten einen 24-Stunden-Notfalldienst an sieben Tagen in der Woche.
Ich gehöre übrigens auch zu den Kämpfern für die Freigabe von Cannabis, das bei bestimmten Krebsarten Schmerzlinderung bringt.
WOCHENBLATT: Wie kommen Sie mit dem Leid zurecht, das Sie erleben?
Andrea Sprogies: Es gehört viel Liebe dazu. Ich sehe nicht vorrangig die Krankheit, sondern den Menschen dahinter, dem ich helfen möchte. Ich denke, jeder hat seinen Augenblick, sich von der Welt zu verabschieden, wie ein Buch, das geschlossen wird. Der jüngste Patient, den ich betreut habe, war 14 Jahre jung. Als er starb, hatte ich das Gefühl, dass er sein Ziel erreicht hat. Ich helfe den sterbenden Menschen, ihre letzten Tage so toll wie möglich zu machen, und ihren Angehörigen, bei denen ich bei Bedarf auch die Nachbetreuung übernehme. Wichtig ist auch, unausgesprochene Dinge zu klären. Manchmal entscheidet das darüber, ob ein Mensch in Ruhe sterben kann. Dafür habe ich auch schon Angehörige kontaktiert, zu denen der Sterbende jahrelang keine Verbindung hatte. Denn niemand sollte alleine gehen.
• Andrea Sprogies (50) ist seit 25 Jahren Fachärztin für Allgemeinmedizin und Chirotherapeutin. 2011 ließ sie sich zur Palliativmedizinerin ausbilden. Seit 20 Jahren hat sie eine Praxis in Tostedt.