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Alice Schumacher erinnert sich an das Ende des Zweiten Weltkriegs: "Für uns war das keine Befreiung"

Gaben sich in schweren Stunden gegenseitig Halt: Mutter Luzie mit den Töchtern Trautel und Alice (re.) (Foto: privat)
bim. Tostedt. Das Ende des Zweiten Weltkrieges ruft bei Alice Schumacher (83) aus Tostedt noch heute schlimme Erinnerungen hervor. Mit ihrer Familie lebte sie in Hirschberg im Riesengebirge in Niederschlesien, als am 8. Mai die Russen einmarschierten. „Für uns war das keine Befreiung“, sagt sie. Denn die Monate danach waren der Beginn ihrer Vertreibung.
„Mein Vater hatte viel mit Hoteliers zu tun. Der war bei der Stonsdorferei angestellt und verkaufte den echten Stonsdorfer“, erzählt Alice Schumacher. Aus Angst, ihren Mann nicht mehr wiederzusehen, war ihre Mutter Luzie Klötzel ihm ins Sudetenland nachgereist. Alice, damals 13-jährig, und ihre 20-jährige Schwester Edeltraut, genannt Trautel, waren in der Obhut von Tante, Onkel und Oma. „Um uns vor den Russen zu verstecken, sind wir nach Krummhübel gegangen. Jede Nacht haben wir woanders geschlafen. Einmal musste ich mit ansehen, wie die Russen eine junge Mutter aus ihrem Haus warfen und sie die ganze Nacht vergewaltigten“, erzählt Alice Schumacher. Die Russen hätten Schienen und Fabriken abgebaut, den Zurückgebliebenen Klaviere und Radios weggenommen. Zwischenzeitlich sei ihre Familie wieder in ihr Haus zurückgekehrt.
Nach etwa acht Wochen hätten die Russen die Kommandatur den Polen übergeben. „Von da an mussten die Deutschen weiße Binden am Arm tragen, durften nicht mehr auf dem Bürgersteig gehen“, so Alice Schumacher. Ihre Familie sei von den Polen aus dem Haus geworfen worden und nur durch Beziehung ihrer Schwester in einer Baracke notdürftig untergekommen.
Im Juni 1946 seien sie dann endgültig vertrieben worden. „Am Güterbahnhof in Hirschberg war eine Sammelstelle. Wir mussten in Güterzüge, mit denen wir acht Tage lang nach Westen fuhren. Nach Überquerung der Neiße haben wir die weißen Arm-Binden weggeworfen.“
Ihre Odyssee führte weiter nach Uelzen und von dort nach Winsen in eine Viehhalle. Von dort wurden die vertriebenen Deutschen Richtung Bremen gefahren. Unterwegs wurde auf jedem Bahnhof ein Wagen mit Vertriebenen abgehängt. So kam Alice Schumacher mit Mutter und Schwester nach Tostedt. „Wir waren 15 Millionen Flüchtlinge aus dem Osten und sind alle in Deutschland untergekommen. Es war festgelegt, dass jeder, der eine Wohnung oder ein Haus in bestimmter Größe hatte, Flüchtlinge aufnehmen musste“, erinnert sich die 83-Jährige.
Ihr Vater stieß im Herbst nach russischer Gefangenschaft zur Familie, die sich in Tostedt ein neues Leben aufbaute.
Ihre Erinnerungen hat Alice Schumacher, die zuletzt als Realschullehrerin arbeitete, in einem Buch festgehalten, das 2008 erschienen ist. „Damit wollte ich den Müttern, die sich in dieser schweren Zeit so rührend um ihre Kinder gekümmert haben, ein Denkmal setzen.“ „Weißt du noch, Muttel?“, ISBN: 978-3-86805-131-5.