Bitte klicken Sie zur Auswahl auf eines der folgenden vier Logos:

"Die Flucht übers Meer ist gefährlich. Es geht um Leben und Tod"

Rawan Alsaker war glücklich, als die italienische Marine ankam und sie wusste, dass sie und ihre Brüder in Sicherheit sind
bim. Tostedt. Inmitten der vielen jungen Männer ist die hübsche Syrerin ein ungewohnter Anblick: Rawan Alsaker (19) ist eine der wenigen jungen, weiblichen Asylsuchenden. Dass sonst größtenteils nur junge Männer als Flüchtlinge ankommen, ist für sie „natürlich. Die Flucht übers Meer ist sehr gefährlich. Es geht um Leben oder Sterben“, sagt sie in bemerkenswert gutem Deutsch.
Rawan Alsaker kam im April mit ihren Brüdern Waheed (27) und Wassem (26) nach Deutschland. „Ich wollte in Syrien mein Abitur abschließen. Aber das ging nicht“, sagt sie zu der lebensbedrohlichen Situation dort. Weil ihre Familie gegen das Regime von al-Assad ist, war ihr Vater vier Mal im Gefängnis. Auch ihre Brüder waren zwischenzeitlich verhaftet worden. Ihre Heimatstadt in der Nähe von Damaskus ist zerstört. „In unserer Stadt kann man nicht mehr leben. Es gibt keine Häuser und keine Arbeit, nur Polizei“, berichtet Rawan Alsaker.
Ihre Flucht führte sie zunächst mit dem Auto in den Libanon, danach mit dem Flugzeug nach Ägypten und weiter mit dem Auto nach Libyen. „Dort waren wir ein Jahr, um Geld zu verdienen, damit wir mit dem Schiff nach Italien und von dort weiter nach Deutschland fahren konnten“, erzählt Rawan. Allein die lebensgefährliche Schiffsüberfahrt kostete sie jeweils 1.000 Dollar. 18 Stunden lang waren sie und ihre Brüder mit rund 300 weiteren Flüchtlingen auf dem nur 14 Meter langen Schiff unterwegs.
Die drei jungen Leute haben inzwischen ein Bleiberecht. Ihre Eltern, die Ende August nachkamen, erhielten bislang nur eine jeweils dreimonatige Aufenthaltsgestattung.
Ihr karges Zimmer in der Asylunterkunft in Tostedt hat Rawan - soweit das möglich ist - mit Plüschtieren, einem Bild und einer künstlichen Pflanze wohnlich eingerichtet. Sie musste alle ihre Freunde in Syrien zurücklassen und ist froh, mit Mira Kämpker, die sie in einem Flüchtlingscafé kennenlernte, in Deutschland eine gute Freundin zu haben. Die beiden jungen Frauen unterhalten sich gerne - das schult auch die Deutschkenntnisse.
Und wie sehen Rawan und ihre Brüder ihre Zukunft? Rawans Bruder Waheed hat in Syrien Wirtschaft studiert und kann in Deutschland auf seinen Bachelor aufbauen, ihr Bruder Waseem hat Jura studiert. „Aber damit kann er hier nichts anfangen. Er müsste von vorne anfangen“, so die 19-Jährige. Sie weiß genau, was sie möchte: „Ich will in Deutschland Abitur machen und studieren“, sagt Rawan Alsaker.