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Die Wachtmeister am Amtsgericht Tostedt haben mit weitaus mehr Briefen als mit "bösen Buben" zu tun

 
Friedrich-Wilhelm Albers und Anja Post bei der Taschenkontrolle einer Kundin
bim. Tostedt. Sie kontrollieren am Eingang der Gerichte die Besucher, führen Gefangene vor, sichten und sortieren die ein- und ausgehende Post und sind erste Ansprechpartner für Besucher, Sachbearbeiter und Richter: die Wachtmeister in den Gerichten. Was von der Öffentlichkeit unbemerkt bleibt: Die Männer und Frauen sind die Schaltstelle für viele Dinge und erledigen selbst Hausmeistertätigkeiten von Reparaturen bis zum Laubfegen. Die Wachtmeisterei am Amtsgericht Tostedt gewährte dem WOCHENBLATT einen Blick hinter die Kulissen.
Friedrich-Wilhelm Albers ist seit 31 Jahren am Amtsgericht und Leiter der Wachtmeisterei. Er und seine vier Kollegen sind vorsichtshalber mit Schlagstock, Pfefferspray und Handschellen ausgerüstet. „Aber all das brauchten wir hier noch nicht“, erzählt er. Auch habe er in all der Zeit noch nie Handgreiflichkeiten oder gewalttätige Zwischenfälle erlebt.
Das liegt daran, dass bei allem, was die Wachtmeister machen, Deeskalation und Sicherheit oberste Priorität haben. Da braucht es schon Einfühlungsvermögen und Menschenkenntnis. Sollte ein Bürger zum Beispiel verärgert sein, suchen die Wachtmeister das Gespräch. „Man muss immer ruhig bleiben, gut zuhören, aber auch reden, damit sich die Leute beruhigen“, so Albers. Diese Kompetenz ist eher bei Scheidungsverfahren als bei Strafprozessen gefragt. „Da geht es häufiger zur Sache, weil Familienangelegenheiten emotionaler sind“, weiß Albers.
In manchen Prozessen nehmen die Wachtmeister die Gefangenen am Hintereingang in Empfang, führen sie bis zum Prozessbeginn in eine Vorführzelle und zum richtigen Zeitpunkt dem Richter vor. Das dient einerseits der Sicherheit der Zeugen und des Publikums, andererseits werden die Gefangenen so vor den neugierigen Blicken der Öffentlichkeit geschützt.
Auch die Einlasskontrollen, die Anlass-unabhängig in regelmäßigen Abständen durchgeführt werden, dienen der Sicherheit aller Beteiligten. Die Besucher müssen dann ihre mitgeführten Gegenstände kurz abgeben, durch eine Sicherheitsschranke mit Metalldetektor gehen und sich in die Handtaschen schauen lassen. Dabei sind die Wachtmeister stets freundlich und beweisen durchaus Humor, vergleichen die Kontrollen gerne mit dem Einchecken am Flughafen.
Das rote Licht blinkt, wenn ein Schlüssel, das obligatorische Schweizer Messer oder ein Cutter-Messer in der Tasche vergessen wurden. „Wir hatten aber noch keinen Besucher mit einem Messer, das unter das Waffengesetz fällt“, berichtet Albers.
Mitarbeiter des Amtsgerichtes und Richter können die Wachtmeister außerdem anfordern, damit diese etwa einer Verhandlung beiwohnen. Und bei größeren Prozessen unterstützen die Wachtmeister aus Tostedt ihre Kollegen am Landgericht Stade.
Bei vielen spannenden Einsätzen nimmt allerdings den weit größten Teil der Arbeitszeit der „Papierkram“ und das Verteilen von Akten auf die Geschäftsstellen ein. „Der erste, der morgens seinen Dienst antritt, leert den Nachtbriefkasten, bearbeitet Faxe, holt die Briefe vom Postamt, sichtet und sortiert diese.“ Diese Tätigkeiten, so betont Amtsgerichtsdirektorin Dr. Astrid Hillebrenner, seien nicht zu unterschätzen. So kommen ca. 200 Faxe pro Tag am Gericht an, das monatliche Porto-Aufkommen beträgt rund 15.000 Euro.
Um die Aktenverteilung in dem Gericht mit 4.000 Quadratmetern Büro- und Nutzfläche möglichst effizient zu erledigen, haben die Wachtmeister ein ausgeklügeltes System an Laufwegen.
„Eigentlich ist unser Job unspektakulär. Aber wir sind auf alle Situationen vorbereitet. Und das ist schließlich das, worauf es ankommt“, so Albers.