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Gregor Gysi - von politisch bis persönlich / Linken-Politiker war in Talkshow in Tostedt zu Gast

Tom Baetzel und Moira Serfling vom Duo "Nervling", Dr. Gregor Gysi, Samtgemeinde-Bürgermeister Dr. Peter Dörsam und Moderator Erwin Hilbert
 
Erwin Hilbert (re.) plädierte dafür, den Tostedter Hindenburg-Platz in Dr. Gregor-Gysi-Platz, hier Tostedts Samtgemeinde-Bürgermeister Dr. Peter Dörsam mit dem Schild, umzubenennen. Gysi winkte ab
 
Medienwerkkulturbeauftragter Erwin Hilbert moderierte die Veranstaltung mit Gregor Gysi
bim. Tostedt. Ob Welt-, Bundes- oder Kommunalpolitik: Linken-Politiker Dr. Gregor Gysi (68) bewies am Freitagabend in Tostedt, dass er auf jedem "Parkett" zuhause ist. Schlagfertig und mit viel Humor gab er beim Talk mit Moderator Erwin Hilbert im Medienwerk 15 nicht nur Auskunft über teils komplexe politische Zusammenhänge, sondern plauderte auch sehr Persönliches aus. Auf der Bühne sprach er außerdem u.a. mit Eike Holtzhauer, Vize-Chef des Todtglüsinger Sportvereins, mit Tostedts Samtgemeinde-Bürgermeister Dr. Peter Dörsam und der Beatles-Expertin Stefanie Hempel.
Anlass für die Gysi-Einladung war die Aussage von Medienwerk-Inhaber Klaas Dittmer: „Den hätte ich gerne hier.“ Erwin Hilbert als Medienwerk-Kulturbeauftragter, der Gysi einst sein Maulwurf-Buch „Eduard Kratzfuß“ geschenkt und über soziale Netzwerke Kontakt zu Gysi gehalten hatte, stieß bei dessen Sekretärin für den Tostedt-Besuch des Linken-Politikers auf offene Ohren.
Im Austausch mit Stefanie Hempel über die prägende Musik der Beatles räumte Gysi einen Stasi-Kontakt ein - zumindest einen indirekten. Er geriet als 14-Jähriger ins Visier der Staatssicherheit der DDR, als er der Schulband seine original Beatles-Schallplatte auslieh, die ihm seine in Paris lebende Oma besorgt hatte. Vom Rektor zur Rede gestellt, ob er der Band zum Proben Tonbänder geliehen habe, antwortete Gysi wahrheitsgemäß: „Ich habe gar keine Tonbänder.“

Einige Stichworte der Talkrunde:
Nato-Pakt: Auf die wegen der Spannungen mit Russland geplante Aufstockung der "Speerspitze" in Osteuropa auf bis zu 40.000 Soldaten durch die Nato angesprochen, nannte Gysi Versäumnisse nach Ende des Kalten Krieges. "Die fünf Veto-Mächte haben 1990 versagt. Die Ordnung war für den Kalten Krieg geschaffen. Wir brauchen ein anderes Verhältnis zu Russland als die USA. Die Sanktionen gegen Russland treffen unsere Wirtschaft inzwischen mehr", sagte er.

Flüchtlinge: "Wir haben doch in Europa so unbehelligt gelebt, weil viele Menschen in Afrika nicht wussten, wie gut wir hier leben. Jetzt gibt es aber das Handy und das Internet", sagte Gysi. "Wir müssen die Fluchtursachen so schnell und konsequent wie möglich bekämpfen und u.a. den Krieg in Syrien beenden." Aufgrund der in dem Krieg von den USA, Russland, Saudi Arabien, dem Iran und der Türkei verfolgten unterschiedlichen Ziele gebe es nur eine Lösung für Frieden: "Russland und die USA müssen sich auf einen Kompromiss verständigen und ihn durchsetzen."
Was das Bewältigen der Flüchtlingssituation in Deutschland angeht, sagte Gysi: "Es gibt eine völlig falsche Finanzstruktur zwischen Bund, Land und Kommunen. Wenn die Kanzlerin sagt: 'Wir schaffen das', dann muss sie auch das Geld, das dafür notwendig ist, an die Kommunen überweisen."

Alternative für Deutschland (AfD): "Das Schlimme ist, dass die Abgehängten sie wählen, die bisherigen Nicht-Wähler. Von der CDU bis zur Linken gibt es eine Einheit. Die Leute fühlen sich nicht mehr wahrgenommen. Die Linke funktioniert nicht mehr als Protest-Partei. Die CDU muss wieder konservativ werden und die Sozialdemokraten so sozial wie unter Willy Brandt."

Präsidentschaftswahl in den USA: "Die USA hat die Wahl zwischen Pest und Cholera. Dass in den USA endlich mal eine Frau Präsidentin wird, wünsche ich mir, aber nicht Clinton, sondern Michelle Obama."

Europa:
"Noch nie war die EU so gefährdet wie jetzt. Überall herrscht Rechtsdruck. Unsere Jugend ist so europäisch aufgewachsen. Wir können doch nicht zurück zum Pickelhaubenstaat. Ich fürchte, wenn wir in alte Nationalstaaten zerfallen, haben wir die alten Konflikte, wegen denen Kriege geführt wurden."

Seine größte turnerische Leistung? "Zum Abi konnte ich auf der Matte eine Rolle rückwärts in den Handstand machen", so Gysi. Mit TSV-Vize Eike Holtzhauer hat er gemeinsam, dass beide im Judo aktiv waren - Gysi allerdings nur bis zum grünen Gürtel, Holtzhauer bis zum vierten Dan.

Bürokratie:
Im Gespräch klagte Eike Holtzhauer über die Schwierigkeiten bei der Integrationsarbeit von Flüchtlingen, für die der TSV kreisweit bekannt ist. "Es gibt Probleme mit Behörden, im täglichen Leben, wo eigentlich die Politik eingreifen sollte. Die Entwicklung lähmt", so Holtzhauer.
Von überbordender Bürokratie konnte auch Gysi berichten: Einem Fährmann mit Ruderboot, einer Touristenattraktion in seinem Wahlkreis Berlin Treptow-Köpenick, wurde gekündigt, weil das Boot nicht behindertengerecht sei. Er habe dann die Behindertenverbände mobilisiert mit dem Ergebnis, dass das Boot zumindest am Wochenende wieder fahren darf.

Sommerzeit: "Ein überflüssiges Instrument, das auch mich durcheinander bringt."

Personenkult: Erwin Hilbert machte den Vorschlag, den Tostedter Hindenburg-Platz in Dr. Gregor Gysi-Platz umzubenennen. Ein entsprechendes Schild hatte er bereits fertigen lassen. Doch Gysi winkte ab.

„Hütchen-Spiel“: Für den guten Zweck ließ sich Gysi auf ein „Hütchen-Spiel“ ein. Per Applaus wurde ermittelt, ob die Spenden für den Nigerianer Idrissa, der zu erblinden droht, in einer Kappe, im Bauarbeiterhelm oder im Udo Lindenberg-Hut gesammelt werden sollen. Letztlich ging der Hut rum, in den das Publikum 945 Euro spendete. Außerdem hatte Panikrocker Udo Lindenberg ein selbst gemaltes Bild für eine Versteigerung zugunsten Idrissas Augenoperation in Deutschland zur Verfügung gestellt (das WOCHENBLATT berichtete). Für 5.000 Euro erhielt ein Fliesenlegermeister aus Kiel den Zuschlag.

Wird es ein Gysi-Comeback geben? "Ich werde immer politisch wahrnehmbar bleiben. Dafür brauche ich nicht das Amt des Fraktionsvorsitzenden."

Zum Abschluss schenkte Erwin Hilbert dem Linken-Politiker "Gregors goldenes Tagebuch", dessen "Gegenstück" er selbst führen will. "Dort hinein schreibst Du: 'Was habe ich heute für mich gemacht?', und im nächsten Jahr lesen wir uns gegenseitig daraus vor", so Hilberts Vorschlag, den Gysi aber nicht so recht annehmen wollte.
Geschrieben hat Gysi dann doch noch: Er signierte zahlreiche seiner Bücher, die die Zuschauer am Büchertisch von "Buch & Lesen" erworben hatten.

Erwin Hilbert als Kulturbeauftragtem des Medienwerks ist es gelungen, mit Gregor Gysi den ranghöchsten Berliner Politiker, der je in Tostedt war, in das Nordheidedorf zu holen und ein dazu passendes Rahmenprogramm mit der eigenwilligen und doch eingängigen Musik des Duos "Nervling" aus Hamburg sowie der Beatles-Expertin Stefanie Hempel auf die Beine zu stellen. Im kommenden Jahr - so kündigte Hilbert an - werden alle Musiker erneut im Medienwerk auftreten. Und er erwartet Gregor Gysi im November 2017 erneut im Tostedter Medienwerk.