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Hausärzteversorgung auf dem Land: "Eine Katastrophe rollt auf uns zu"

Gerade auf dem Land mangelt es an Haus- und Fachärzten (Foto: contrawerkstatt / fotolia)
 
Jörn Jepsen, Arzt in Hanstedt und Kreissprecher der Kassenärztlichen Vereinigung
 
Reiner Kaminski, Fachbereichsleiter Soziales beim Landkreis Harburg
(kb/bim). "Nein, das geht nicht, wir nehmen keine Patienten mehr auf." Mit dieser Reaktion hatte ich, Redakteurin Katja Bendig, nicht gerechnet, als ich vor einiger Zeit versuchte, einen Termin bei einem Allgemeinmediziner vor Ort zu bekommen. Es war ein Notfall, ich hatte keine Langeweile, sondern Grippe. Ich rief in nicht nur einer Praxis an, bis ich die Nase voll hatte und mich mit Fieber in mein Auto setzte, um zum 40 Kilometer entfernt praktizierenden Hausarzt meiner Familie fahren. Kein Einzelfall. Als ich zum Orthopäden musste, wurde ich auf die Notfallsprechstunde verwiesen. Dort reihte ich mich in den frühen Morgenstunden mit 20 anderen Patienten in die Warteschlange vor der Praxistür ein. Nach über fünf Stunden kam ich dran.
"Wir würden gerne mehr Ärzte zulassen, wenn wir die rechtlichen Grundlagen hätten", sagt Dr. med. Jörn Jepsen, Kreissprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und Facharzt für Allgemeinmedizin in Hanstedt. Seit Jahren wird insbesondere auf dem Land der Mangel an Haus- und Fachärzten beklagt. Doch die Rahmenbedingungen bei der Ausbildung des Nachwuchses und der Ansiedlung von Medizinern sind so schlecht, dass beides erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht wird.
"Es rollt eine Katastrophe auf uns zu", prophezeite Jepsen für die Hausärzte-Versorgung in der Zukunft. Gründe seien eine Überalterung der Kollegen, das Bevölkerungswachstum und der Mangel an Studienplätzen.
"Die meisten Kollegen sind über 40 Jahre alt. In den kommenden Jahren werden viele Ärzte, vor allem Hausärzte, in Rente gehen", so Jepsen.
Immer weniger Ärzte seien für die Versorgung einer wachsenden Anzahl an Patienten zuständig - inzwischen kämen auf einen Arzt über 1.600 Patienten. "Die Anzahl der Studienplätze in der Humanmedizin ist aber nicht entsprechend dem Bevölkerungswachstum gestiegen", so Jepsen.
Außerdem: Neueinstellungen dürften nur erfolgen, wenn der von der KV und den Krankenkassen erstellte Bedarfsplan es zulasse. Beispiel Hautärzte: Laut dem Bedarfsplan gibt es im Landkreis Harburg einen 120-prozentigen Versorgungsgrad - obwohl die Wartezeit auf einen Termin vier bis acht Monate dauern könne.

(bim). Das Dilemma bei der Ärzteversorgung ist groß: Im Landkreis Harburg sind derzeit über 50 Hausärzte-Stellen frei. Aber es mangelt an Nachwuchskräften oder ansiedlungswilligen Ärzten. "Die Politik hat in den vergangenen Jahrzehnten versäumt, mehr Studienplätze zu schaffen. Der hohe Numerus-Clausus schreckt viele Interessenten ab, Medizin zu studieren. Bei einem Abiturdurchschnitt von 2,0 zum Beispiel betrage die Wartezeit sechs Jahre", sagt dazu Allgemeinmediziner Dr. Jörn Jepsen.
"Der Landkreis Harburg ist der Kreis in Niedersachsen mit den meisten freien Hausärzte-Stellen", sagt Reiner Kaminski, Fachbereichsleiter Soziales beim Landkreis. "Wir müssen in Deutschland die Rahmenbedingungen für Hausärzte ändern. Die Gesundheitsversorgung ist viel zu bürokratisch."
Um die Hausärzte-Versorgung zu verbessern und junge Medizinier für eine Niederlassung im Landkreis zu gewinnen, hat der Landkreis Harburg 2011 die Initiative "stadt - land - praxis" ins Leben gerufen (das WOCHENBLATT berichtete mehrfach). Dabei werden u.a. Stellen für Weiterbildungsassistenten, Praktika und Anstellungsstellen vermittelt, angehende Ärzte bei der Niederlassung, bei der Bildung von Praxisverbünden oder Anträgen auf Landesförderung unterstützt. Dabei knüpft der Landkreis bereits Kontakt zu Medizinstudenten. Mit diesen Maßnahmen hat der Landkreis auch schon etliche Erfolge erzielt und elf Ärzte als niedergelassene oder angestellte Ärzte gewonnen.
Bei der Fachärzte-Versorgung hingegen schiebt derzeit der von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Zusammenarbeit mit den Landesverbänden Kranken- und Ersatzkassen erstellte Bedarfsplan einen Riegel vor weitere Ansiedlungen.

Bedarfsplanung
Die Bedarfsplanung wurde in den 1990er Jahren unter dem damaligen Gesundheitsminister Horst Seehofer (68, CSU) eingeführt. Den Erfordernissen der Bevölkerung angepasst, sollte eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Ärzte sichergestellt werden, erläutert Uwe Köster von der Pressestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN).
Durch die Bedarfsplanung wird festgelegt, wieviele Ärzte in einem bestimmten räumlichen Bereich tätig sein dürfen. Die räumliche Grundlage der Bedarfsplanung sind sogenannte Planungsbereiche. Der Versorgungsgrad je Arztgruppe wird in einem Plaungsbereich anhand einer Verhältniszahl (Ärzte pro Einwohner) berechnet.
In welcher Relation das geschieht, werde vom Bundesausschuss der Ärzte und der Krankenkassen festgelegt, so Köster.
Demnach ist ein Hausarzt derzeit jeweils für 1.671 Patienten zuständig. Bei den Fachärzten variieren die Zahlen je nach Planungsbereich, die den Landkreisen entsprechen. Ein Augenarzt ist im Landkreis Harburg zum Beispiel für 24.729 Patienten, im Kreis Stade für 22.151 Patienten zuständig und ein Hautarzt für 42.820 bzw. 41.924 Patienten.
Diese Zahlen sagen aber nichts über den tatsächlichen Versorgungsbedarf aus, bestätigt Uwe Köster auf WOCHENBLATT-Nachfrage. Denn je älter die Bevölkerung, desto häufiger wird ein Arzt in Anspruch genommen. "Das schlägt sich in den Praxen in den Wartezeiten nieder", so Köster.
Zudem gebe es für Ärzte pro Quartal ein Behandlungsbudget, das die KVN in Verhandlung mit den Krankenkassen festlege. Das richte sich nach der Anzahl der behandelten Patienten des Vorjahresquartals. So kann es sein, dass ein Hausarzt ein ruhiges Jahr hat, im Folgejahr aber aufgrund einer Grippewelle mehr Patienten behandeln muss, wodurch das festgelegte Budget schneller ausgeschöpft ist.
"Bei den Fachärzten gibt es derzeit Millionen Überstunden, die nicht vergütet werden", so Köster.
Ein anderes Problem für häufige Frequentierung der Arztpraxen ist ein ganz modernes, wie Dr. Jörn Jepsen berichtet. Es gebe inzwischen eine sehr hohe Anspruchshaltung der Bevölkerung. "In den vergangenen 20 Jahren haben sich die Einsätze verändert. Manche Leute rufen heute wegen Kleinigkeiten wie Nasenbluten oder einer Magen- und Darmverstimmung an", so Jepsen. Oder sie suchten bei Krankheitssymptomen übers Internet selbst nach einer Diagnose und würden dann so lange verschiedene Ärzte konsultieren, bis diese bestätigt werde.