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„Man muss Menschen die Ängste nehmen“ / WOCHENBLATT-Interview mit der farbigen Autorin Mo Asumang über ihre Erfahrungen mit Rassismus

Mo Asumang bei ihrer Begegnung mit einem KuKlux-Klan-Mitglied in den USA (Foto: Y. Gärtig)
 
Mo Asumang ist mit Filmförderer Reinhard Hinrichs aus Kakenstorf, hier mit dessen Tochter Miriam Ihnen und Enkelin Emilia, seit Jahren befreundet und liest auf seine Initiative hin bereits zum dritten Mal in Tostedt (Foto: privat)
bim. Tostedt. Wohl niemand, der diese Gesinnung nicht teilt, würde es wagen, an einer Nazi-Demo teilzunehmen oder sich mit einem Mitglied des KuKlux-Klans zu treffen. Doch Autorin und Moderatorin Mo Asumang (53) tat es. Das ist umso erstaunlicher, da sie als Tochter einer Deutschen und eines Ghanaers eine dunkle Hautfarbe hat. Ihre Erfahrungen hat sie in ihrem aktuellen Buch „Mo und die Arier“ festgehalten. Daraus liest sie am 1. August in Tostedt. WOCHENBLATT-Redakteurin Bianca Marquardt sprach mit ihr.
WOCHENBLATT: Sind Sie in Ihrem Alltag Anfeindungen ausgesetzt, und war das auch in Ihrer Kindheit schon so?
Mo Asumang: Wir wurden aus der Wohnung geworfen, als ich zwei Jahre alt war. Weil mein Vater und ich eine dunkle Hautfarbe haben, hat man uns gekündigt. Das hat vermutlich unbewusst eine Wunde auf meiner Seele hinterlassen. In der Schulzeit war es meist in Ordnung, ich hatte super Schulkameraden und kaum Probleme. In meinem Umfeld gab es in den 1960er Jahren keine anderen Schwarzen, dafür Deutsch-Türken und Deutsch-Jugoslawen, eine bunte Mischung. Wegen meiner Hautfarbe wurde ich vermehrt nach der Wende angefeindet. Heute erhalte ich ab und zu anonyme fremdenfeindliche E-Mails mit Drohungen wie: „Im nächsten Rassenkampf wirst Du vernichtet.“
WOCHENBLATT: In Ihrem Buch schreiben Sie von der Konfrontation mit dem Neonazi-Lied mit dem Inhalt „Die Kugel ist für dich, Mo Asumang, die Kugel ist für dich!“ Was ist in Ihnen vorgegangen, als Sie davon erfuhren?
Mo Asumang: Von diesem Lied habe ich 2003 erfahren. Das ist eine Morddrohung, die für mich schlimm war, und sie hat aus mir einen völlig anderen Menschen gemacht.
WOCHENBLATT: Welche Konsequenz haben Sie daraus gezogen?
Mo Asumang: Dieser Hass war für mich der Auslöser, mich aktiv mit dem Rassismus auseinanderzusetzen und vor allem herauszufinden, wie Nazis ticken. Dazu musste ich Nazis kennenlernen.
WOCHENBLATT: Wie haben Sie Kontakt zu ihnen bekommen?
Mo Asumang: Einmal habe ich mich mit einem Foto meiner Mutter als Moni aus Berlin auf einer Online-Plattform angemeldet, auf der Nazis Sexpartnerinnen suchen, und mit Nazis geflirtet. Einer wollte mich in seine „Wolfsschanze“ einladen. Ein anderer pries sich als zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl an.
WOCHENBLATT: An welche persönliche Begegnung erinnern Sie sich besonders?
Mo Asumang: Das war in Gera auf der Nazi-Veranstaltung „Rock für Deutschland“ mit 750 Nazis. Erst gab es sehr viele verbale Anfeindungen wie: „Du gehörst nicht hierher. Geh‘ zurück nach Afrika.“ Aber nach einer Weile hörten sie damit auf. Es endete damit, dass einige Selfies mit mir machten, und ein besonders überzeugter Nazi kaum ein Lächeln zurückhalten konnte, während ich nett mit ihm redete.
WOCHENBLATT: Sie haben sich in den USA auch mit KuKlux-Klan-Mitgliedern getroffen. Wie kam es dazu?
Mo Asumang: Ich fuhr hunderte Kilometer durchs Land und suchte nach dem Klan. Über einen Flyer, mit dem die „Royal Knights of KuKlux-Klan“ eine Kreuzverbrennung ankündigten, und mehreren Anrufen auf der dort angegebenen Telefonnummer erhielt ich Kontakt.
WOCHENBLATT: Hatten Sie keine Angst?
Mo Asumang: Ich traf mich mit zwei Mitgliedern nachts am Waldesrand. In Gedanken sah ich Horden dieser Anhänger auf mich zurennen. Real sah ich zwei Maschinengewehre auf einem Pick up-Truck liegen. Das war schon unheimlich.
WOCHENBLATT: Wie lief das Gespräch?
Mo Asumang: Es war schwierig. Ich stand noch nie vor einem Menschen, dessen Gesicht ich nicht sah. Ich wusste nicht, was unter der Kapuze vorgeht, ab welchem Satz er womöglich ausflippt. Aber ich habe im Laufe der Jahre gelernt, Körpersprache zu deuten. Die zeigte mir, dass der junge Mann vor mir völlig verunsichert war, weil er vielleicht erstmals mit einem seiner „Feinde“ sprach.
WOCHENBLATT: Wie beurteilen Sie die aktuelle gesellschaftliche und politische Situation in Sachen Fremdenfeindlichkeit in Deutschland?
Mo Asumang: Ich finde es schlimm, dass fremdenfeindliche Menschen die Ängste der Bürger bei dem Flüchtlingszustrom, den wir hatten, ausnutzen. Natürlich darf man Angst haben, wenn sich etwas verändert. Das Wichtigste ist aber, den Leuten die Ängste zu nehmen und sie nicht zu schüren. Das machen Rassisten, Hassprediger und auch die AfD. Frauke Petry von der AfD sagte zum Beispel: „Wir brauchen die Ängstlichen, um Mehrheiten zu bewegen.“ Statt die Leute in Ängste zu treiben, sollte man sie ihnen lieber nehmen. Man kann viele Probleme lösen, wenn man Menschen einfach mal in die Augen sieht - den Fremden oder sogar den Nazis.
WOCHENBLATT: Frau Asu­mang, ich bedanke mich für das Gespräch.
• „Mo und die Arier - Allein unter Rassisten und Neonazis“, 256 Seiten, 14,99 Euro, ISBN: 978-3-596-03443-7, www.fischerverlage.de.
• Aus ihrem Buch liest Mo Asumang am Montag, 1. August, um 18.30 Uhr in Tostedt in Bostelmanns Hotel, Unter den Linden 1. Der Einritt ist frei. „Buch & Lesen“ ist mit einem Büchertisch vertreten.