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Plötzlich mitten drin im Praxisalltag: Modellprojekt zur Facharztausbildung

Prof. Margit Fisch (Foto: Krankenhaus Buchholz)
(nw). Marian Howaldt und Malte Vetterlein sind im vierten Jahr ihrer fünfjährigen Facharztausbildung am Hamburger Universitätskrankenhaus (UKE) und seit Anfang Januar in der urologischen Belegarztpraxis in Winsen beschäftigt. Ein Modellprojekt ermöglicht den jungen Ärzten, die Fähigkeiten zu erwerben, die sie für den Betrieb einer eigenen Praxis benötigen.
Täglich steuern die Hamburger entweder die Belegarztpraxis in Winsen oder das Krankenhaus in Buchholz an, wo die Belegarztpraxis über Betten verfügt. „Wir bekommen hier Einblick in den Alltag der Urologie“, sagen die beiden. An der Urologischen Klinik des UKE haben sie bisher Arztbriefe geschrieben, Befunde gesammelt, bei hochkomplexen operativen Eingriffen assistiert und Spezialsprechstunden betreut. Dabei haben sie seltene Krankheiten gesehen und Patienten erlebt, die nach einer regelrechten „Krankenhauskarriere“ sehr viel Wissen gesammelt haben. Doch ob das genügt, um den vielseitigen Beruf des Urologen zu bewältigen? Diese Frage stellte sich Dr. Andreas W. Schneider, der mit seinen Kollegen Dr. Kilian Rödder, Tim Neumann und Dr. Philip Reiß in Winsen die urologische Belegarztpraxis betreibt.
Dr. Schneider, Vorsitzender des Bundesverbandes der Belegärzte, entwarf gemeinsam mit Professor Dr. Margit Fisch, Direktorin der Urologischen Klinik am UKE, ein Modellprojekt, dessen Vertrag schnell unter Dach und Fach war: Seit Anfang 2016 ist die Winsener Belegarztpraxis jeweils für ein Jahr verantwortlich für die Ausbildung von ausgewählten UKE-Ärzten. Für das Jahr in der Belegarztpraxis sind diese vom UKE freigestellt.
Ihr Wechsel in die Provinz war für Marian Howaldt und Malte Vetterlein gleichzeitig ihre Praxispremiere. Statt ausgewählter Spezialfälle bekommen sie nun im Minutentakt immer neue Patienten mit den unterschiedlichsten Symptomen von Nierenschmerzen bis hin zu Entleerungsstörungen zu sehen. Krankheiten, die zwar den Großteil der urologischen Befunde ausmachen, aber nicht zu den Behandlungsschwerpunkten in einem Haus wie dem UKE gehören. In der Kürze der Zeit eine Diagnose zu stellen und Therapievorschläge zu machen, verlangt den jungen Medizinern viel ab. „Man lernt, ökonomisch zu arbeiten“, erzählt Marian Howaldt. Für beide Praxisnewcomer ist ein gutes Gefühl, dass stets erfahrene Kollegen im Hintergrund sind, die ihnen helfen und die sie fragen können.
„Unser Pilotprojekt erlaubt meinen ärztlichen Mitarbeitern, frühzeitig den Praxisalltag kennen zu lernen und sicher in der Erkennung und Behandlung ‚normaler’ urologischer Krankheitsbilder zu werden, während an der Universitätsklinik Eppendorf mehrheitlich schwerere oder komplexe Erkrankungen behandelt werden. Zudem erleichtert es ihre eigene
Karriereentscheidung zwischen Praxis, Krankenhaus oder Belegarztsystem“, so Professor Dr. Fisch.
Niedergelassene Ärzte sind auch Unternehmer. Deshalb müssen sich die Nachwuchskräfte in der Praxis nun verstärkt mit Abrechnungsschlüsseln und -Ziffern beschäftigen. Routinen, die für die erfolgreiche Arbeit als selbständiger Facharzt unabdingbar sind.
Auch die Kliniktätigkeit gestaltet sich für die Ärzte aus der Hansestadt völlig anders als gewohnt, „Wir bekommen reichlich Gelegenheit zu operieren“, freut sich Malte Vetterlein. In der urologischen Abteilung im Krankenhaus Buchholz, der einzigen im Landkreis Harburg, ist immer viel zu tun, die Auslastung liegt bei über 100 Prozent.
Die Patienten von der Diagnosestellung in der Praxis über die Operation im Krankenhaus bis hin zur ambulanten Nachbehandlung durchgängig betreuen zu dürfen, finden Marian Howaldt und Malte Vetterlein ausgesprochen motivierend. Dr. Schneider sieht es mit Genugtuung: „Das Belegarztprinzip ist für Ärzte gut. Und auch für Patienten“, sagt er.