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Stinke-Stadt Buchholz / Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub überschritten

Nicht nur wie hier auf der Schützenstraße, auch auf der Bremer-, Bendestorfer- und Soltauer Straße kommt der Verkehr in Buchholz regelmäßig zum Erliegen (Foto: kb)
bim. Buchholz/Tostedt. Auf deutschen Straßen herrscht dicke Luft. Deshalb war vergangene Woche auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) stellvertretend für Deutschland - wie die Vertreter aus Italien, Spanien, Frankreich, Großbritannien, Rumänien, Ungarn, Tschechien und der Slowakei, die europäische Grenzwerte für saubere Luft verletzen - von der EU-Kommission vorgeladen worden. Das Ultimatum: Präsentieren die Länder keine Lösung, droht ihnen eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof.
Auch um die Luft in Buchholz ist es nicht gut bestellt, wenn man sich das Ergebnis einer Untersuchung vom Staatlichen Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim zur Ermittlung von sogenannten Hotspots, an denen die Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub überschritten wurden, anschaut. Demnach gibt es Straßenabschnitte in der Nordheidestadt, an denen die Belastung im Jahresmittel bei 50 Mikrogramm Stickstoffdioxiden in einem Kubikmeter Luft liegen und damit deutlich höher als der von EU und Bund vorgegebene Grenzwert von 40 Mikrogramm. Diesen erreichen der Untersuchung zufolge neben weiteren Kommunen auch Tostedt, Seevetal und Buxtehude.
Untersucht wurden von 2013 bis zum Herbst 2017 landesweit rund 300.000 Straßenabschnitte. Ermittelt wurden die Werte auf der Grundlage von Daten aus Verkehrszählungen, meteorologischen Daten, Modellrechnungen und der Auswertung von Messungen zurückliegender Jahre. Die Hotspots befinden sich in der Regel in unmittelbarer Nähe zu Straßenabschnitten mit relativ hohem Verkehrsaufkommen.
Bei 14 Gemeinden in Niedersachsen ist diesen Berechnungen zufolge ein Stickstoffdioxid-Wert von 50, bei 29 Gemeinden ein Wert von 40 Mikrogramm/m³ im Jahresmittel überschritten.
Auch die Stadt Buchholz und die Samtgemeinde Tostedt beobachten das Verkehrsaufkommen. Während es in Buchholz seit Jahren um Ostumfahrung und Ausbau des Mühlentunnels geht, wofür 2014 mit einem „implementierten Analyseverkehrsmodell“ die Leistungsfähigkeit des Seppenser Mühlenwegs/Bremer Straße sowie der Canteleubrücke und des Mühlentunnels untersucht wurde, ging es 2015 in Tostedt um eine verkehrstechnische Untersuchung der Knotenpunkte entlang der B75 für die Einrichtung eines Kreisverkehrs.
In Buchholz sei das innerstädtische Straßennetz zumindest abschnittsweise mit mehr als 12.500 Kfz in 24 Stunden „als hochbelastet zu bezeichnen“, heißt es. Jedoch kommt das Gutachten zu dem Schluss: „Die Verkehrsbelastungen aus den letzten zehn Jahren belegen, dass die Gesamtverkehrsbelastungen im Nord-Süd-Verkehr der Stadt Buchholz nicht gestiegen, sondern geringfügig zurückgegangen sind“.
Und weiterhin: „So wurde für die Canteleubrücke im Jahr 2004 noch eine Querschnittsbelastung von 24.200 Kfz/24 h ermittelt. In den Folgejahren ab 2007 liegt die Verkehrsbelastung mit ca. 21.000 Kfz/24 h um rund 13 Prozent niedriger. Diese Verkehrsbelastung wurde bei den Erhebungen im Jahr 2014 bestätigt. Im Bereich des Tunnels weist der Seppenser Mühlenweg derzeit eine Querschnittsbelastung von rd. 8.500 Kfz/24 h auf. Auch diese Belastung liegt gegenüber den Werten aus dem Jahr 2004 um acht Prozent niedriger.“
Und bei einer luftschadstofftechnischen Einschätzung zum Bebauungsplan „Tunnel Seppenser Mühlenweg“ aus dem Jahr 2015 heißt es: „Eine Überschreitung der maßgebenden Immissionswerte kann ausgeschlossen werden. Eine detaillierte rechnerische Luftschadstoffprognose ist nicht erforderlich.“
In Tostedt kommt man hingegen aufgrund hochgerechneter Verkehrszählungen zu einem anderen Ergebnis: Trotz sechsspurigen Ausbaus der A1 und der dadurch erhofften Entlastung hat die Verkehrsbelastung auf der B75 demnach im Vergleich zu Erhebungen aus dem Jahr 2005 weiter zugenommen. Dadurch gibt es Probleme bei den Verkehrsabläufen, u.a. an den Einmündungen Bahnhofstraße (L141, über 11.000 Kfz/Tag), Poststraße (rd. 5.650 Kfz/Tag), Buxtehuder Straße (L141, 5.8000 Kfz/Tag), Todtglüsinger Straße (K57, rd. 5.600 Kfz/Tag). Das Maximum von 19.750 Kfz pro Tag wird zwischen Post- und Buxtehuder Straße und damit in Spitzenzeiten die Grenze der Leistungsfähigkeit der Knotenpunkte erreicht.

Die Zahlen im Vergleich

Die Bevölkerung in Buchholz nahm von 39.113 (inklusive Nebenwohnung) im Jahr 2005 auf 41.077 (ohne Nebenwohnung) im Dezember 2016 zu.
2004 wurden 28.126 Fahrzeuge für Buchholz zugelassen, wobei damals noch die vorübergehend stillgelegten Fahrzeuge eingerechnet waren. Ende vergangenen Jahres waren es 30.016 (ohne stillgelegte Fahrzeuge).
Die Bevölkerung in Tostedt ist von 25.170 im Jahr 2004 auf 26.779 im Jahr 2016 gestiegen.
2004 waren in Tostedt 21.002 Fahrzeuge angemeldet und Ende vergangenen Jahres 23.356.

Nicht auf "Analysen" ausruhen

Das Staatliche Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim sieht in Buchholz den Stickstoffdioxid-Grenzwert an Straßenabschnitten mit relativ hohem Verkehrsaufkommen überschritten. Wer zu den Stoßzeiten im täglichen Stau auf Canteleubrücke oder Bremer Straße ausharrt oder als Radler oder Fußgänger die Blechlawine passiert, kann das bestätigen.
Dennoch kommen die von der Stadt Buchholz beauftragten Analysten zu anderen Ergebnissen - und sogar zu einer geringfügig zurückgegangenen Verkehrsbelastung - als die Tostedter Auftragnehmer. Dort belegen die Zahlen für den gleichen Zeitraum eine Verkehrszunahme, was nachvollziehbarer klingt. Haben doch sowohl in Buchholz als auch in Tostedt Bevölkerung und Kfz-Zulassungen zugenommen.
Auf ein Wort
Die geringere Verkehrsbelastung für Buchholz wird u.a. mit der Inbetriebnahme des Metronom Hamburg-Bremen im Dezember 2003 und die Gebietserweiterung des HVV-Verkehrsverbundes im Jahr 2004 begründet. Aber auch Tostedt hat einen Bahnhof und gehört zum HVV-Verkehrsverbund.
Interessant ist, dass die Grundlage beider Analysen mit diesen sehr unterschiedlichen Ergebnissen das „Handbuch für die Bemessung von Straßenverkehrsanlagen“ (HBS) ist. Aber offensichlich bietet das den Gutachtern reichlich Raum für Interpretationen.
Da stellen sich die Fragen: Sind die Buchholzer Pendler umweltbewusster und nutzen daher vermehrt öffentliche Verkehrsmittel? Oder liegt der Verzicht aufs eigene Kfz in der Verzweiflung begründet, anderenfalls zu den Verkehrsstoßzeiten im Dauerstau festzustecken?
Letztlich können die Verkehrsprobleme in Buchholz nur gelöst werden, wenn sie endlich in Angriff genommen und nicht ständig weitere Gutachter beauftragt werden. Bianca Marquardt