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"Milchpreis-Misere kann durch eine freiwillige Mengenreduzierung gelöst werden"

bim. Königsmoor. Landauf, landab wird derzeit über den niedrigen und zum Teil existenzbedrohenden Milchpreis diskutiert. Wie es den Familien hinter den Zahlen geht, ist dennoch kaum bekannt. „Man hat trotz der vielen Arbeit Liquiditätsschwierigkeiten. Das ist eine enorme psychische Belastung für die Familien. Man hat schlaflose Nächte und muss sich dennoch morgens zum Melken aufraffen und die Mitarbeiter motivieren“, sagt Christiane Fritz. Mit ihrem Mann Dietmar führt sie einen Betrieb mit rund 250 Milchkühen in Königsmoor (Samtgemeinde Tostedt). Die Milchpreis-Krise, die sich bereits 2014 abgezeichnet hat, hat ein historisches Ausmaß erreicht. Zu den jetzt in Aussicht gestellten Hilfen sagt Dietmar Fritz, der auch Ansprechpartner für den Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) im Landkreis Harburg ist, allerdings: „Wir wollen keine Steuerzahler belasten, sondern das Problem in der Branche selbst lösen. Wir brauchen eine freiwillige Mengenreduzierung.“
100 Milllionen Euro würden ohnehin nichts bringen. Die 70.000 Milchviehbetriebe in Deutschland würden jeweils 1.400 Euro bekommen.
Milchmengensteigerung:
Seit 2014 habe es EU-weit eine Milchmengensteigerung um 6 Millionen Tonnen gegeben, 2015 seien es weitere ca. 4 Millionen Tonnen und allein im ersten Quartal dieses Jahres 2 Millionen Tonnen gewesen. Auch wenn schon bei der früheren Milchquote eine leichte Steigerung wegen des zu erwartenden Bevölkerungswachstums einkalkuliert worden sei, gebe es innerhalb Deutschlands keinen steigenden Verbrauch.
Das Handelsvolumen auf dem Weltmarkt, das aus den Milchüberschüssen der Kontinente resultiert, liege aktuell bei 60 Millionen Tonnen. „Das ist die doppelte Milchmenge, die Deutschland in einem Jahr produziert hat“, so Dietmar Fritz.
„Die Europäer und die Neuseeländer sind die größten Player auf dem Weltmarkt“, so Fritz. Während Neuseeland seine Milchanlieferung um 800.000 Tonnen reduziert habe, hätten die Europäer die Menge aber um die genannten 12 Millionen Tonnen gesteigert. Aufgrund der wachsenden Bevölkerung steige der Bedarf jährlich nur um 1 bis 1,5 Millionen Tonnen. Die Europäer würden sich die Preise also selbst kaputt machen.
Große Molkereikonzerne hätten aber kein Interesse an einer Mengenreduzierung, weil sie günstig Rohstoffe einkaufen und weltweit konkurrenzfähig bleiben wollten.
Milchpreis:
Der günstige Milchpreis, von dem derzeit im Schnitt 21,5 Cent bei den Erzeugern ankommen, Tendenz fallend, ist das Ergebnis der Verhandlungen des Lebensmitteleinzelhandels mit den Molkereibetrieben über den Trinkmilchbereich mit Milch, Käse und Joghurt. Der mache aber nur 30 Prozent aus. „Die restliche Milch wird verarbeitet, z.B. in Schokolade, Keksen und Milchpulver“, erläutert Fritz. Allerdings sind die Preise für diese Produkte nicht günstiger geworden.
Wertschöpfungsverlust:
Insgesamt würden in der EU aktuell 151 Millionen Tonnen Milch im Jahr produziert. Deutschland sei mit 31 Millionen Tonnen Milch im Jahr in der EU der größte Milchproduzent. Bei 10 Cent Wertschöpfungsverlust, die je Liter Milch nun nicht mehr bei den Landwirten landen, würden den Milchviehhaltern 3,1 Milliarden Euro verlorengehen. In Niedersachsen sind es rund 840 Millionen Euro, davon im Landkreis Harburg 13,7 Millionen Euro und im Landkreis Stade 46,5 Millionen Euro.
BDM-Vorschläge als Weg aus der Krise:
„Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter hat 2014 ein Konzept vorgelegt, wie man eine mögliche Krise, die jetzt eingetreten ist, lösen kann - mit einer freiwilligen Mengenreduzierung“, so Fritz. Er hält eine EU-weite Reduzierung von 4 bis 6 Millionen Tonnen Milch für realistisch. Das könne umgesetzt werden, indem vorübergehend auf Sonderfuttermittel verzichtet, die Kraftfuttergabe gesenkt und die Zeit vor dem Kalben, die sogenannte Trockenstehzeit, um ein paar Tage verlängert würde.
Als Ausgleich könnten die Milchviehhalter für jeden nicht produzierten Liter Milch ein Jahr lang 30 Cent aus den Quoten-Strafgeldern erhalten. Denn pro über der Quote gelieferten Liter Milch mussten die Milchviehhalter zuvor 27 Cent Strafe zahlen. 2014 betrugen diese Strafabgaben EU-weit 900 Millionen Euro und im vergangenen Jahr 350 Millionen Euro. Dieses Geld sei in den EU-Haushalt geflossen.
Einlagerung:
Den EU-Vorschlag, die Menge nicht gebrauchter Milch, die Molkereien als Pulver oder Butter vorübergehend einlagern, zu erhöhen, bis sich der Markt wieder erholt hat, hält Dietmar Fritz für keine sinnvolle Lösung. Es sei denn, die in den Lagern zurückgehaltenen Produkte würden anschließend nicht wieder auf den Markt gebracht, sondern kämen in den Energie- oder Futtermittelsektor, so Fritz.
Er sieht insgesamt die Tendenz, dass große Konzerne die Lebensmittelproduktion ohne eigenständige Landwirte steuern wollen, wie es zum Teil schon in der Geflügelindustrie laufe. „Bei dem jetzigen Preisniveau kann kein Betrieb mehr wirtschaftlich arbeiten. So sterben allerdings ganze Regionen flächendeckend aus, was auch volkswirtschaftliche Auswirkungen hätte. Daher ist es wichtig, eine eigentümergeführte Landwirtschaft zu erhalten“, so Dietmar Fritz.