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Nach den Erfahrungen im Flüchtlings-Erstaufnahmelager: "Wir sind auf den Ansturm vorbereitet"

Vor der Küche (v. li.): Oliver Voß vom DRK Neu Wulmstorf, Jan Bauer, Sprecher Kreisbereitschaft des DRK-Kreisverbandes Harburg-Land, Thomas Karnstedt, Leiter des Verpflegungsbereiches, und Roger Grewe, Geschäftsführer des DRK im Kreis Harburg
 
Flüchtlinge, die wie deutsche Gleichaltrige ein Selfie machen (li.), und spielende Kinder, die den deutschen Helfern freundlich zuwinken
 
Mit selbstgemalten Schildern vor der Kaserne werden die Flüchtlinge willkommen geheißen
bim. Schwanewede. Kinder toben auf dem Rasen oder spielen Fußball, Frauen gehen mit Kinderwagen oder Babys auf dem Arm spazieren, viele Männer haben ein Handy am Ohr - Idylle pur, könnte man meinen. Auch die rund 40 Ehrenamtlichen der DRK-Kreisverbände Harburg-Land und Stade sind gut drauf. Man merkt ihnen nicht an, dass sie eine extrem kurze Nacht hatten. Das Gelände der Lützow-Kaserne in Schwanewede (Kreis Osterholz) ist Flüchtlings-Erstaufnahmelager für bis zu 1.200 Menschen. Von der Arbeit der Rotkreuzler dort machten sich Roger Grewe, Geschäftsführer des DRK im Kreis Harburg, und WOCHENBLATT-Redakteurin Bianca Marquardt ein Bild.
Der letzte Bus aus Passau mit rund 50 Flüchtlingen, überwiegend Syrer, die eine wochenlange Flucht hinter sich haben, kam nachts um halb eins an. Sie alle mussten registriert und medizinisch versorgt werden - ein anstrengender Job für die Helfer, die seit eineinhalb Wochen vor Ort sind. Das gilt auch für Jan Bauer, Sprecher der Kreisbereitschaft des DRK-Kreisverbandes Harburg-Land. "Wie ist der letzte Stand?", fragt er einen Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes am Kasernentor, das nur Flüchtlinge mit gelben Bändern und die Helfer passieren dürfen. "1.065 Flüchtlinge mit 19 Sprachen", antwortet der Mann.
Diese Zahl sowie die selbstgeschriebenen und -gedruckten Schilder belegen, vor welchen Herausforderungen die Ehrenamtlichen stehen und wie schnell die Organisation aufgebaut werden musste.
Die ankommenden Flüchtlinge werden zunächst in einem früheren Unterrichtsraum registriert und dann untersucht. "Viele Menschen sind auf der langen Reise erkrankt und benötigen dringend medizinische Betreuung", sagt Oliver Voß vom DRK Neu Wulmstorf, der den Bereich der Flüchtlingsbetreuung leitet. Auf den Fluren riecht es eindringlich nach Desinfektionsmitteln. Die Helfer tragen Handschuhe und Mundschutz.
Andere Krankheiten werden im Sanitätsbereich behandelt. Dort baut das DRK zusammen mit der Bundeswehr und in Abstimmung mit der Strahlenschutzbehörde derzeit einen Röntgenapparat auf, mit dem vor allem Tuberkulose frühzeitig erkannt werden soll.
Nach der Registrierung werden die Flüchtlinge auf die Kasernengebäude verteilt. In einem kleinen Raum müssen jeweils drei Personen schlafen. Tagsüber haben sie auf dem großen Gelände aber mehr Bewegungsfreiheit als andere Asylsuchende, die in Containern oder Zelten untergebracht sind.
In der zu festen Zeiten geöffneten Kleiderkammer mit Spenden aus der Umgebung sowie aus den Sozialkaufhäusern aus den Kreisen Harburg und Stade können sich die Flüchtlinge einkleiden. "Hier wird auch Markenbekleidung von Dolce und Gabbana oder Adidas und Nike gespendet", erklärt Jan Bauer einer Polizeibeamtin, die sich über die hochwertigen Schuhe einiger Flüchtlinge wundert. Dennoch: Neben Männerkleidung in kleinen Größen und Damenbekleidung bis Größe 42 sind Schuhe Mangelware. Umso dankbarer sind die Helfer, dass ein großer Händler eine Spende von 3.000 Paar Schuhen angekündigt hat.
Hochwertig sind häufig auch die Handys, die die Flüchtlinge nutzen. Aber das hat seinen Grund. "Es ist für sie die einzige Möglichkeit, Kontakt zu ihren Angehörigen zu halten, die teilweise noch in den Kriegs- und Krisengebieten sind", erläutert Jan Bauer. "Man kann beim Gros zwischen Wirtschafts- und Kriegsflüchtlingen unterscheiden. Viele der hier Ankommenden haben Angst", so seine Erfahrung.
Damit die Flüchtlinge Ansprechpartner für ihre Sorgen und Nöte haben, gibt es in einem Gebäude eine 24-Stunden-Bereitschaft. "Wir hören von bewegenden Schicksalen. Man muss aufpassen, dass man das Geschilderte nicht zu nah an sich heran lässt und die Helfer regelmäßig abgelöst werden", weiß Jan Bauer.
Viel gelernt haben die DRK-Kräfte in den vergangenen Tagen über die kulturellen und ethnischen Unterschiede. "Die Flüchtlinge kennen zum Beispiel kein Pfandsystem und keine Mülltrennung", sagt Oliver Voß. So musste ihnen vermittelt werden, die Pfandflaschen zurück zu bringen und den Müll nicht einfach irgendwo hinzuwerfen. Der Müll sei ohnehin ein großes Problem: Auf dem Gelände werden täglich bis zu 3.500 Becher verbraucht, bis zu 1.500 Aluboxen der Fertigmenüs fallen an.
Auch im Bereich der Lebensmittel mussten die DRK-Helfer umdenken. "Anfangs hatten wir Mineralwasser mit Kohlensäure. Die Flüchtlinge dachten, wir wollten sie vergiften. Jetzt bieten wir nur noch stilles Wasser an", so Oliver Voß. Für Verunsicherung sorgten bei den muslimischen Flüchtlingen auch Schweinebraten-Fotos auf den Fertigmenü-Boxen. "Wir konnten den Flüchtlingen nicht klar machen, dass es sich dabei um ein Werbefoto und nicht um den Inhalt handelt", sagt Voß.
Thomas Karnstedt, Leiter des Verpflegungsbereiches, kennt die Vorlieben der meisten Flüchtlinge inzwischen gut: Südfrüchte, Weißbrot und viel gesüßte Milch. "Die Lebensmittel werden alle ein, zwei Tage frisch geliefert, weil es keine Lagermöglichkeiten gibt", erläutert er.
In dem Flüchtlingslager geht das DRK auch einer seiner ureigensten Aufgaben nach: der Familienzusammenführung. "Ein älteres Ehepaar war extra aus Kiel nach Schwanewede gekommen. Die Frau lebt schon länger in Deutschland und suchte ihren Bruder, den sie zehn Jahre lang nicht gesehen hatte und der hier im Lager sein sollte. Anhand der Registrierung bekamen wir dessen Namen heraus und konnten die Geschwister zusammen bringen. Das war einer der schönsten Momente, der für die Strapazen der vergangenen Tage entschädigt", sagt Oliver Voß.
Vor dem, was die Ehrenamtlichen des DRK leisten, habe ich größten Respekt. Es braucht großen Durchhaltewillen und überzeugtes Engagement, tagelang auf diesem Gelände, das an vielen Stellen trotz vieler Helfer und Flüchtlinge verwaist wirkt, die Stellung zu halten.
DRK-Geschäftsführer Roger Grewe räumt ein: "Ich habe die Flüchtlingsproblematik zu Anfang völlig unterschätzt und nicht daran gedacht, dass man auch Nachbarschaftshilfe leisten muss." Weltweit kenne man das Deutsche Rote Kreuz und wisse, dass man sich auf die Ehrenamtlichen verlassen könne, so Grewe. Was ihn ärgert, ist, "dass wir behandelt werden wie ein gewerblicher Anbieter." So wünscht er sich mehr Rückhalt für die ehrenamtlichen Einsatzkräfte.
Für die DRK-Kreisverbände aus Harburg und Stade ist der Einsatz in Schwanewede erstmal beendet. Den weiteren Betrieb des Erstaufnahmelagers sollen nun die DRK-Kreisverbände Osterholz, Wesermünde und Bremervörde übernehmen. Doch mit Blick auf die Flüchtlingszahlen wird der nächste Einsatz - möglicherweise schon bald in der näheren Umgebung - nicht lange auf sich warten lassen. Jan Bauer ist sicher: "Wir sind auf den weiteren Flüchtlingsansturm vorbereitet."