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"Alle Früherkennungsuntersuchungen wahrnehmen" / WOCHENBLATT-Interview mit Dr. Thilo Töllner über Brustkrebsrisiko

Um beim Mammographie-Screening gut lesbare Röntgenbilder zu bekommen, werden die Brüste dann mit einer Plexiglas-Platte kurz zusammengedrückt. Von jeder Brust werden zwei Bilder angefertigt (Foto: Kooperationsgemeinschaft Mammographie / Viviane Wild)
 
Dr. Thilo Töllner (Foto: lt)
(bim). Die Mammobile, mobile Untersuchungsstationen zur Früherkennung von Brustkrebs, machen derzeit in den Landkreisen Harburg (Tostedt) und im Kreis Stade (Horneburg) Station. Das nahm das WOCHENBLATT zum Anlass, mit Dr. Thilo Töllner, verantwortlicher Arzt im Mammographie-Screening-Programm Elbe-Weser und leitender Arzt der Abteilung für Brustdiagnostik im MVZ Radiologie und Nuklearmedizin Klinik Dr. Hancken, ein Interview zu führen über Brustkrebsrisiko.
WOCHENBLATT: Warum wird das Mammographie-Screening-Programm nur für Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren angeboten?
Dr. Töllner: Die Altersgruppe wurde vor der Einführung des Programms im Jahr 2002 von der damaligen Bundesregierung und den Krankenkassen, die das Programm finanzieren, festgesetzt. Statistisch gesehen tritt bei Frauen dieser Altersgruppe am häufigsten eine Brustkrebserkrankung auf. In anderen Ländern wurde die Altersgrenze für die Teilnahme an solchen Programmen auf 74 Jahre gelegt. Dafür gibt es aus unserer Sicht gute Gründe.
WOCHENBLATT: Wie wird die Brustkrebs-Früherkennung bei Frauen ab 70 Jahren durchgeführt?
Dr. Töllner: Auch nach dem 70. Geburtstag sollten Frauen alle Termine für Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen wahrnehmen. Dazu gehören Tastuntersuchungen durch die Frau selbst und durch die Frauenärzte. Bei Auffälligkeiten oder Veränderungen sollten sich Frauen von ihrem Haus- oder Frauenarzt zur Mammographie an einen auf Brusterkrankungen spezialisierten Radiologen überweisen lassen. Dort können dann auch ihre alten Aufnahmen aus dem Screening-Programm zum Vergleich für die Diagnose herangezogen werden.
WOCHENBLATT: In welcher Altersgruppe ist die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken, am höchsten?
Dr. Töllner: Brustkrebspatientinnen sind bei der Erstdiagnose im Schnitt 62,3 Jahre alt. Mit steigendem Lebensalter der Frauen nimmt zwar die Häufigkeit von Brustkrebserkrankungen zu, häufig handelt es sich dabei aber um weniger aggressive Tumore.
WOCHENBLATT: In den vergangenen Jahren wurde das Thema Brustkrebs gerade durch jüngere Erkrankte wie die Moderatorinnen Sylvie Meis und die daran verstorbene Miriam Pielhau ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Welche Brustkrebs-Früherkennungsmaßnahmen gibt es für jüngere Frauen? Und werden diese auch von den Krankenkassen getragen?
Dr. Töllner: Auch junge Frauen sollten alle Früherkennungsuntersuchungen bei ihren Frauen- oder Hausärzten wahrnehmen. Dabei sollte auch das individuelle Risiko einer Frau, an Brustkrebs zu erkranken, ermittelt werden. Dazu gehört die Anamnese von Brust- und/oder Eierstockkrebserkrankungen in der Familie. Gibt es etwa mehrere direkt verwandte Frauen (Mutter, Schwestern, Töchter), die bereits in frühen Jahren an Brust- und oder Eierstockkrebs erkrankt sind? Sollte sich durch die gezielten Fragen nach der Familiengeschichte der Verdacht ergeben, dass die junge Frau zu einer Risikogruppe gehört, kann sie mittels eines Gentests feststellen lassen, ob sie tatsächlich ein erhöhtes Risiko hat, an einem genetisch bedingten Brustkrebs zu erkranken. Die Entscheidung für oder gegen einen Gentest liegt ausschließlich bei der Frau.
Wird ein genetisch bedingtes Risiko nachgewiesen, erfolgt eine ausführliche Beratung durch Spezialisten. Die Betroffene kann u.a. in ein spezielles Früherkennungsprogramm aufgenommen werden, das in diesen Fällen Untersuchungen im Kernspin und mit Ultraschall in regelmäßigen Abständen vorsieht. Diese Untersuchungen werden auch von den Krankenkassen bezahlt. Hier arbeiten wir eng mit spezialisierten Zentren an der Medizinischen Hochschule Hannover und dem UKE in Hamburg zusammen.
WOCHENBLATT: Die Schauspielerin Angelina Jolie hat sich die Brüste abnehmen lassen, weil sie wegen eines Gendefekts anfällig für eine Krebserkrankung ist. Welche Früherkennungsmaßnahmen gibt es bei genetischer Veranlagung?
Dr. Töllner: Im Deutschen Konsortium Familiärer Brust- und Eierstockkrebs, in dem 17 deutsche Universitätskliniken interdisziplinär zusammenarbeiten, wird ein dem individuellen Risiko und dem Lebensalter der Frau angepasstes Früherkennungsprogramm mit Kernspintomographie, Ultraschall und Mammographie angeboten. Dadurch können über 80 von 100 Brust- und Eierstockkarzinome in einem frühen Stadium entdeckt und behandelt werden. Das Brustzentrum Stade-Buxtehude ist Kooperationspartner des Konsortiums und bietet Brustkrebspatientinnen in der Elbe-Weser-Region eine genetische Beratung an.
WOCHENBLATT: Würden Sie zu solch drastischen Maßnahmen wie dem Abnehmen von Brüsten raten? Und bezahlen die Krankenkassen Implantate oder einen Brustaufbau?
Dr. Töllner: Das ist eine sehr individuelle Entscheidung, bei der die betroffene Frau und ihre Ärzte vieles bedenken und abwägen müssen: Das Alter der Frau spielt eine Rolle und die Lebensphase, in der sie sich befindet: Hat sie ihre Familienplanung abgeschlossen, wie hoch ist ihr individuelles Risiko? Eine allgemeingültige Antwort gibt es in diesen Fällen nicht. Außerdem ist es bei genetisch-bedingten Hochrisiko-Patientinnen nicht mit der Entfernung der Brüste getan, auch die Eierstöcke sollten entfernt werden, um eine Krebserkrankung in diesen Organen auszuschließen. Die Krankenkassen übernehmen in diesen Fällen die Kosten für Implantate und Brustaufbau.
WOCHENBLATT: Wenn Brustkrebs diagnostiziert wurde, welche Therapiemöglichkeiten gibt es und wie erfolgreich sind diese?
Dr. Töllner: Es gibt nicht nur einen Brustkrebs, sondern viele unterschiedliche Formen von Mammakarzinomen. Deshalb ist die Wahl der Therapie vor allem abhängig von der Größe des Tumors und seiner Biologie. Bei kleinen Tumoren, wie wir sie häufig im Screening finden, gibt es gute Heilungschancen. Kleine Tumore können in den meisten Fällen lokal - brusterhaltend - operiert werden, anschließend folgt eine Strahlentherapie sowie eine systemische, medikamentöse Behandlung mit Antihormonpräparaten und/oder eine Chemotherapie, um ein Wiederauftreten der Krankheit zu verhindern.
WOCHENBLATT: Dr. Töllner, wir danken für das Gespräch.


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