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Im Kampf gegen Online-Handel: Heimische Fachgeschäfte verzichten dennoch auf Beratungsgebühr

Milena Sievers vom Fachmarkt „Baby One“ mit einer Kindertrage, für deren Beratung im Kinderkaufhaus in Münster eine Beratungsgebühr erhoben wird
 
Ralf Kleinknecht hat ein Fachgeschäft für Fahrräder und nimmt sich Zeit für die Beratung seiner Kunden, wie hier für Tanja Weber
(bim). Sie sind freundlich, erläutern kompetent und geduldig die Bedienungsweise neuester Technologien, beraten individuell in modischen Trends oder der richtigen Passform: die Inhaber und Angestellten der heimischen Fachgeschäfte. Doch statt diesen Service wertzuschätzen, ein paar Euro mehr auszugeben und damit Arbeitsplätze vor Ort zu sichern, nehmen immer mehr Kunden das "Beratungsbonbon" gerne mit und lassen ihr Geld dann doch lieber im Online-Handel. Ein Kinderkaufhaus in Münster wollte sich das nicht länger bieten lassen und erhebt nun für die intensive Beratung rund um Kindertragen eine Gebühr von 25 Euro, die beim Kauf verrechnet werden.
Anfassen, fühlen, an- oder ausprobieren - das geht eben nur in den Geschäften vor Ort.
Was viele Kunden auf der Jagd nach Schnäppchen im Internet nur allzu gerne vergessen: Der örtliche Fachhandel mit seiner Beratungskompetenz bleibt auf der Strecke. Kleinere Geschäfte schließen, die Innenstädte veröden. Außerdem: Die Preise im Fachhandel sind nicht unbedingt höher als im Internet. Deshalb wirbt das WOCHENBLATT mit seiner Kampagne "Wir kaufen lokal" für den Einkauf bei heimischen Dienstleistern.

Das sagen die Unternehmen in den Landkreisen Harburg und Stade

(red). Eine Beratung für eine Baby-Bauchtrage, einen Kindersitz fürs Auto oder den passenden Kinderwagen dauert im Schnitt eine halbe bis dreiviertel Stunde, berichtet Milena Sievers von „Baby One“ in Buchholz. Bei einer Bauchtrage zum Beispiel, für die das Kinderkaufhaus in Münster nun eine Beratungsgebühr erhebt, müsse genau geschaut werden, ob das Kind vernünftig sitzt und sich für Kind und Eltern angenehm anfühlt. „Klar gibt es immer mal wieder Kunden, die nach einer Beratung bei uns danach im Internet bestellen. Doch bei 'Baby One' ist eine Beratungsgebühr derzeit kein Thema.“
• „Ich kann nachvollziehen, dass manche Geschäfte eine Beratungsgebühr erheben“, sagt Ralf Kleinknecht vom „Fahrradschloss“ in Holm-Seppensen. Besonders bei Elektrofahrrädern könne eine fachkundige Beratung durchaus bis zu zwei Stunden dauern, weil es allein ca. zwölf Antriebsarten gebe. „Wir hatten schon mal einen Kunden, der sich lange beraten ließ, und drei Tage später sahen wir den mit einem anderen Rad am Geschäft vorbeifahren, ohne dass er uns abgesagt hat. Das ist natürlich ärgerlich“, so Kleinknecht, der trotzdem unbeirrt weiter auf Kundennähe und -zufriedenheit, Service und Freundlichkeit setzt. So seien jederzeit Probefahrten möglich oder das Ausprobieren eines Vorführrades übers Wochenende, was selbst Neu-Kunden gestattet werde. „Denn wir wollen ja, dass es Stammkunden werden“, erklärt Ralf Kleinknecht. Und er betont: „Bei uns bleibt die Beratung weiter kostenlos.“ Wer allerdings mit einem Internetkauf im „Fahrradschloss“ bei Reparaturen sofort auf einen Termin drängt, müsse sich hinten anstellen. „Eigene Kunden werden natürlich bevorzugt behandelt“, so Kleinknecht.
• „Eine Beratungsgebühr ist bei uns kein Thema“, sagt Markus Johannsen, Geschäftsführer des Winsener Modehauses Düsenberg & Harms. „Wir bieten unseren Kunden einen Erlebniseinkauf, bei dem sie die Ware sehen und fühlen können. Dazu bekommen sie eine individuelle Typberatung.“
• „Das erleben wir jeden Tag“, sagt Birte Bellmann von EP Bellmann in Buchholz dazu, dass Kunden sich Elektrogeräte im Internet bestellen und anschließend weiteren Beratungsbedarf haben oder sich erst beraten lassen und dann im Internet kaufen. „Es gibt zum Beispiel Leute, die ein Fernsehgerät nicht angeschlossen oder richtig eingestellt bekommen oder Informationen fehlen, was das Gerät alles können sollte“, erläutert die Elektro-Fachhändlerin. Und die neuen Fernsehgeräte oder die verschiedenen Empfangsarten seien schon beratungsintensiver. Die Einführung einer Beratungsgebühr kommt für sie dennoch nicht infrage. „Ich glaube, das kann sich der Fachhandel nicht leisten, weil er damit Kunden vergrault.“
• „Wir halten nichts davon, eine Beratungsgebühr zu erheben“, sagt Dieter Stackmann, Inhaber von Modehaus Stackmann in Buxtehude. „Auch in der Zukunft wird es das bei uns nicht geben.“
• „Sicherlich kommt es in unserem Fachgeschäft mal vor, dass sich ein Kunde ausführlich beraten lässt und anschließend nichts kauft“, sagt Mathias Kerst vom Zweirad Fachgeschäft Kerst in Stade. „Das heißt für uns jedoch nicht zwingend, dass derjenige anschließend online kauft. Vielleicht hat er durch unsere Beratung ja auch festgestellt, dass das Produkt für ihn nicht das Richtige ist.“ Er kann sich nicht vorstellen, für die Beratung eine Gebühr zu verlangen. „Das gehört für uns zum Service und würde eventuell sogar potenzielle Käufer abschrecken“, sagt er.
• Wolfgang Drusell, Inhaber des First Reisebüros in Stade, ist skeptisch, ob sich Beratungsgebühren am Markt durchsetzen werden. Zumal es in seiner Branche fast keine Preis-Unterschiede mehr zwischen Online- und stationärem Handel gebe. „Seit zwei Jahren beobachten wir ein anderes Phänomen: Kunden informieren sich im Internet, buchen aber letztlich bei uns, um im Zweifel einen Ansprechpartner zu haben“, so Drusell.
• Michael Schreder, Geschäftsführer bei Multimedia Bencke in Stade: „Für unser Geschäft kommt das nicht in Frage. So funktioniert der Einzelhandel nicht.“ Die Mitarbeiter von Multimedia Bencke verstünden sich als „Kümmerer“ für die Kunden, die nach dem Kauf einer Ware - etwa eines Fernsehers - vor Ort auf verschiedene, im Preis inbegriffene Serviceleistungen zurückgreifen könnten. Ohnehin sei die Preisdifferenz zum Internet nur noch gering.
• „Prinzipiell kann ich es verstehen, wenn ein Geschäft Beratungsgebühren erhebt“, sagt Anna-Lena Koch von der Falken-Apotheke in Horneburg (Landkreis Stade). Es sei schließlich ärgerlich, wenn ein Kunde nach einer intensiven Beratung im Laden dann doch im Internet kaufe. Für ihre Apotheke kann sich Koch aber nicht vorstellen, Gebühren zu kassieren: „Die Beratung betrachten wir als Serviceleistung gegenüber unseren Kunden, die selbstverständlich kostenlos ist.“

• Liebe WOCHENBLATT-Leserinnen und -Leser: Was halten Sie von einer Beratungsgebühr? Würden Sie diese zahlen und wenn ja, wie hoch dürfte sie sein? Mailen Sie uns Ihre Meinung an bim@kreiszeitung.net.