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Sinkende Milchpreise: Die Misere der Milcherzeuger ist groß

Elisabeth und Henrik Dallmann im Stall ihrer Milchkühe. Sie vermarkten die Hälfte ihrer Milch und Milchprodukte direkt
(bim). Sinkende Milchpreise auf der einen, steigende Futter-, Gebäude- und Lohnkosten sowie immer höhere staatliche Auflagen auf der anderen Seite: Die Milchviehhalter in den Landkreisen Harburg und Stade haben wie alle ihre Kollegen in Deutschland und der EU mit dem massiven Milchpreisverfall zu kämpfen. Jetzt hat der Discounter Aldi die Milchpreise erneut gesenkt - um fast ein Viertel von 59 auf 46 Cent pro Liter. Das hat erfahrungsgemäß Auswirkungen auf den gesamten Handel. Den Erzeugern bleiben im Schnitt 22 Cent und weniger.
Durchschnittlich erhielten die deutschen Milcherzeuger in den vergangenen zehn Jahren 30 bis 32 Cent pro Liter Milch. Nachdem im April 2015 die Milchquote, mit der 30 Jahre lang die Produktivität künstlich zurückgehalten wurde, ausgelaufen war, produzierten einige Milchviehhalter mehr Milch. Die Preise sanken auf 27 Cent je Liter ab Hof. Und mit diesem Überangebot argumentieren die Discounter beim weiteren Verramschen der Milch.
„Es hat niemand mit einem so katastrophalen Tief gerechnet“, sagt Landwirt Arne Bliwernitz aus Wümme (Samtgemeinde Tostedt). Er hält 250 Milchkühe und rechnet mit einer durchschnittlichen monatlichen Einbuße von rund 20.000 Euro. „Die Misere ist groß, gerade für die Landwirte, die u.a. wegen steigender Auflagen investiert haben. Die Verluste sind aber bereits seit einem Jahr spürbar. 2015 war ein schwieriges Milch-Jahr“, berichtet Arne Bliwernitz. Einige Kollegen würden jetzt vermutlich ihre Viehbestände sukzessive abbauen, die Milchmenge werde insgesamt tendenziell sinken.
Manche Landwirte werden aber sicherlich auch auf der Strecke bleiben.

„Die aktuelle Preissenkung ist das Ergebnis der Verhandlungen des Lebensmitteleinzelhandels mit den Molkereibetrieben über den Trinkmilchbereich, weil es den Mengenverwertungsdruck gibt“, erläutert Stades Kreislandwirt Johann Knabbe. „Den Landwirten tut es weh, auch, weil sich das landwirtschaftliche Kostenniveau, etwa bei Maschinenteilen, Fachkräften und Futtermitteln, verteuert hat.“
Derzeit erhalten die Milchbauern pro Liter Milch 22 Cent und weniger. 30 bis 40 Cent pro Liter müssten es zur Kostendeckung mit einem Erlös-Anteil sein. „Ob ich die Familie davon vernünftig ernähren und absichern kann, ist eine andere Sache“, sagt Knabbe. Betriebe mit 60 bis 80 Kühen seien kaum noch rentabel.
Johann Knabbe fordert von der Politik mehr Unterstützung und dass auf immer wieder neue kostenträchtige Auflagen, wie z.B. die Modernisierung der Silolagerplätze oder Gebührenerhebungen für bestimmte Satzungen, verzichtet wird. Vielmehr solle sich der Staat die Exportförderung auf die Fahnen
schreiben. „Deutschland ist ein Land des Bieres, des Brotes, der Wurst und der Milchprodukte“, so Knabbe. Und diese Marken ließen sich schließlich auch im Ausland vermarkten.
„Den wesentlichen Grund für den Milchpreisverfall sehe ich in dem berühmten Waggon zu viel, der solange für sinkende Erlöse sorgt, bis die Nachfrage das Angebot wieder übersteigt“, sagt Rudolf Meyer vom Landvolk Lüneburger Heide. „Die Auswirkungen für unsere Betriebe sind dabei höchst unterschiedlich. Gefährlich wird es für diejenigen, die mit Blick auf die Zukunft mit großer Risikobereitschaft investiert haben und deshalb auf höhere Milchpreise angewiesen sind“, so Meyer.
Das Auslaufen der „politischen Milchverknappung“ sieht er nicht als Ursache, denn niedrige Milchpreise habe es auch während der drei Jahrzehnte währenden Milchquote gegeben.
Auch Rudolf Meyer beurteilt die teils teuren Auflagen kritisch. „Es gibt viele Gegenden in der Welt mit günstigeren natürlichen Produktionsbedingungen als in Deutschland. Auschlaggebend für mich sind die Wettbewerbverzerrungen, die z.B. durch bürokratische Auflagen bei uns entstehen. Dadurch ergibt sich eine Kostensituation, die man woanders nicht hat“, sagt Meyer.Kurzfristig hätten die Milchbauern keine Möglichkeit, auf die Milchpreise Einfluss zu nehmen. Soweit an Genossenschaftsmolkereien geliefert wird, gebe es Einflussmöglichkeiten über die gewählten Gremien. Davon werde reger Gebrauch gemacht. „Wir fordern als Landvolkverband flankierende politische Maßnahmen. So haben z.B. viele Landwirte parallel mit hohen Steuerlasten aus ertragreichen Vorjahren zu kämpfen. Mit Hilfe von Stundungen wäre manchen Bauern zunächst geholfen“, so Meyer.
Mindestens 34 Cent müsste ein Liter Milch erzielen, damit es wirtschaftlich ist, erklären Henrik und Elisabeth Dallmann vom Milch-Hof Dallmann in Dohren (Samtgemeinde Tostedt), die mit 100 Kühen zu einem der kleineren Betriebe gehören. Für einen Liter Milch seien 14 bis 15 Cent an Futterkosten, 3 bis 6 Cent an Personalkosten und 3 bis 4 Cent für Gebäudekosten aufzuwenden, um das Wesentliche abzudecken, rechnet Henrik Dallmann vor. Bei 22 Cent und weniger zahle der Landwirt drauf. Für die Familien sei es nervenaufreibend, wenn jeder Euro zweimal umgedreht werden muss.
Der Hof Dallmann liefert die Hälfte seiner Milch an die Molkerei und vermarktet die andere Hälfte seiner Milch und Milchprodukte aus eigener Herstellung direkt. Für die hohe Qualität und die Gewissheit, dass die Kühe wie bei den Dallmanns artgerecht gehalten und gefüttert werden, sind viele Verbraucher auch gerne bereit, einen angemessenen Preis zu bezahlen.