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Die Siedlung aus der „Retorte“

Eine Siedlung am Reisbrett geplant - so sah die Ausstellung mit 72 Fertighäusern 1977 aus. Wer die Ausstellung besichtigen wollte, musste Eintritt zahlen

Heute kaum noch zu sehen: In Buchholz wurde 1977 die größte Fertighausausstellung der Welt eröffnet

mi. Buchholz. Im Jahr 1977 wurde in Buchholz am Vaenser Weg in Steinbeck die größte Fertighausausstellung der Welt eröffnet. Auf 100.000 Quadratmetern boten ca. 50 Anbieter 72 komplette Wohnhäuser zum Verkauf. Heute ist kaum noch zu sehen, dass vor 40 Jahren in Buchholz in Rekordzeit ein ganzes Wohngebiet quasi aus der „Retorte“ entstand.
„Mit steigendem Wohlstand wuchs auch der Bedarf nach angemessenem Wohnraum“, erklärt Prof. Dr. Rolf Wiese vom Freilichtmuseum am Kiekeberg. „Ging es kurz nach dem Krieg noch darum, möglichst schnell für viele Menschen eine Bleibe zu finden, verlagerte sich der Trend jetzt zum privaten Eigenheim“, so Wiese. Im Rahmen des Forschungsprojekts „Bauen und Wohnen nach 1945 im Landkreis Harburg“ untersucht das Museum gemeinsam mit den Universitäten Hamburg und Kiel, wie sich das Wohnen und Leben der Menschen seit 1945 verändert hat.
Die Fertighausbauweise im Allgemeinen und die Ausstellung im Speziellen trugen den Bedürfnissen nach gehobenem Wohnraum Rechnung. Die Häuser stehen auf Grundstücken von 800 bis 1.000 Quadratmetern und waren für die damalige Zeit höchst modern mit riesigen Wohnzimmern und teilweise mit Schwimmbädern ausgestattet. Das Angebot reichte vom eingeschossigen Bungalow mit 99 Quadratmetern bis zum Haus mit ausgebautem Dachgeschoss und 244 Quadratmetern Wohnfläche. Für die Ausstellung waren alle Objekte komplett möbliert. Pflanzungen, Grünanlagen, Ruhebänke und Kinderspielplätze sollten schon, bevor das erste Haus verkauft war, den Eindruck einer belebten Siedlung vermitteln. Wer die Häuser besichtigen wollte, musste übrigens Eintritt zahlen.
Dennoch: „Die Nähe der Stadt Buchholz zu Hamburg wirkte als Magnet, Interessenten aus ganz Deutschland strömten zu der Ausstellung, um sich ein Haus zu sichern“, erklärt Nina Streibel, wissenschaftliche Volontärin im Freilichtmuseum am Kiekeberg, die das Projekt betreut.
In den 1970er Jahren erlebte die Fertighausbauweise einen regelrechten Boom. Rund zehn Prozent der 1976 errichteten Einfamilienhäuser waren Fertighäuser. Der Vorteil lag vor allem im geringeren Preis und der planungssicheren Bauzeit. Auch in Buchholz war die Nachfrage so groß, dass bereits 1978 auf 53.000 Quadratmetern eine zweite Fertighaussiedlung mit 53 neuen Häusern entstand.
• Für das Forschungsprojekt werden noch Kataloge und Werbematerialien zu Fertighäusern aus der damaligen Zeit gesucht. Wer entsprechende Materialien besitzt, wendet sich an Nina Streibel unter Tel. 040-79017629.