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Grundschullehrerin aus dem Landkreis Stade: „Wir steuern auf eine Katastrophe zu“

Keine Änderung in Sicht: Auch wenn die Zahl verzweifelter Lehrer zunimmt - Unterstützung gibt es für sie trotzdem kaum (Foto: Fotolia/Victor)

Grundschullehrerin prangert erneut Zustände an und fordert zum Handeln auf / Irgendwann platzt die Bombet


(ab). Die Sommerferien haben begonnen und nicht nur Schüler atmen auf. Auch Lehrer sind angesichts der sechswöchigen Pause erleichtert - vor allem jene, die in ihren Klassenzimmern einen Dauerkampf ausfechten müssen.

Grundschullehrerin Tanja R.* aus dem Landkreis Stade hatte sich vor einiger Zeit an das WOCHENBLATT gewandt und Klartext geredet. Sie hatte geschildert, mit welchen Widrigkeiten Lehrer im Schulalltag zu kämpfen haben - von der ungleichen Zusammensetzung der Klassenverbände und zunehmend aggressiven Schülern über steigende bürokratische Anforderungen bis hin zu beengten Verhältnissen in alten und teilweise maroden Schulgebäuden. Von der Landesschulbehörde, so Tanja R., gebe es keine Unterstützung. Wie sehr das Thema unter den Nägeln brennt, hatten die vielen, überwiegend von Pädagogen verfassten Leserbriefe verdeutlicht, die das WOCHENBLATT daraufhin erhalten hatte.

Bisher hat sich nichts geändert. Grund genug für die Lehrerin, noch einmal Tacheles zu reden. „Wie soll es ohne Unterstützung auch besser werden?“, fragt Tanja R. frustriert und stellt gleich darauf fest: „Im Gegenteil: Es wird immer schlimmer.“ Gerade in den ersten Klassen nähmen die Fälle der Kinder, die in ihrer sozial-emotionalen Entwicklung extrem auffällig seien, besorgniserregend zu. Es handele sich überwiegend um Schüler, die keine Regeln akzeptierten, sich störend und respektlos verhielten, auch gegenüber ihren Mitschülern. „Da müssen Fachleute ran“, so R. Sie fordert: „Wir brauchen dringend Schulsozialarbeiter an den Grundschulen!“

Diese Kinder würden nicht als inklusiv gelten, müssten aber dennoch extra betreut werden, sagt R. „Sie rauben Kraft und Zeit, die ich für meine anderen Schüler dann nicht mehr habe. Wir können die Arbeit eines Sozialarbeiters nicht auch noch leisten - wir sollen schließlich unterrichten.“

Doch die Dringlichkeit der Problematik scheint in ihrem komplexen Ausmaß von der niedersächsischen Landeschulbehörde noch nicht verstanden worden zu sein. Davon ist Tanja R. überzeugt. „Das merke ich schon an Zeitungsartikeln, in denen steht, dass Eltern ihre Kinder mit erhöhtem Förderbedarf begeistert an inklusiven Schulen anmelden“, sagt sie. „Was sollen sie auch machen? Andere Schulen gibt es nicht mehr.“

Befremdlich ist für R. vor allem, wie die Politik mit der Problematik umgeht. „Ich finde es seltsam, wie davor die Augen verschlossen werden.“

Für lernschwache Kinder gebe es Unterstützung - für die verhaltensauffälligen Schüler jedoch nicht. Manche von ihnen werden mittlerweile schon aus dem Klassenverband ausgeschlossen, beispielsweise bei Ausflügen. Oder landen im Flur vor dem Lehrerzimmer. R.: „Einen anderen Platz, um sie von der Klasse zu separieren, gibt es bei uns nicht.“ Für die Grundschullehrerin eine unschöne Lösung, denn: „Ich habe gerne alle Kinder dabei, aber ich muss auch an die anderen denken.“

Wenn die Politik nicht bald handelt, davon ist die Pädagogin überzeugt, wird irgendwann die Bombe platzen. „Dann werden die Lehrer wie die Fliegen ausfallen, weil sie mit ihrer Kraft und ihren Nerven am Ende sind. Wir steuern auf eine Katastrophe zu.“
* Name v.d. Red. geändert