Bitte klicken Sie zur Auswahl auf eines der folgenden vier Logos:

Langsamer auf Landstraßen

Sind ein gefährliches Pflaster: Auf schmalen Landstraßen müssen Autofahrer aufpassen, nicht in den unbefestigten Seitenraum zu gelangen. Sonst kann die Fahrt schnell im Graben enden
(jd). Verkehrsexperten fordern ein Tempolimit von 80 Stundenkilometern / Das WOCHENBLATT machte den Praxistest. Freie Fahrt für freie Bürger: Als Verkehrsexperten dieses Prinzip kürzlich wieder einmal antasten wollten, ging ein Aufschrei durch die Medien. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR), der sich in Zusammenarbeit mit Straßenbehörden, Juristen, Versicherern und Automobilclubs regelmäßig mit der Sicherheit auf deutschen Straßen beschäftigt, empfahl die Einführung von Tempo 80 auf kleineren Landstraßen. Gerade dort lassen verhältnismäßig viele Unfallopfer ihr Leben. Der Vorschlag stößt aber auf wenig Gegenliebe: Politiker aller Couleur - allen voran Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt - beeilten sich, dem Absenken des Tempolimits eine Absage zu erteilen. Doch sind 80 km/h auf der Landstraße tatsächlich eine Zumutung? Das WOCHENBLATT ging im Landkreis Stade auf Probefahrt.

Laut Statistik lauert der Verkehrstod weniger auf den Autobahnen, sondern meist auf kleinen, kurvigen oder holperigen Pisten, die zudem noch von Alleebäumen gesäumt sind. Ursachen sind meist unangepasste Fahrweise, riskante Überholmanöver und Raserei in gefährlichen Kurven. Vor diesem Hintergrund erscheint die Forderung des DVR durchaus plausibel. Denn schließlich werden Landstraßen nicht genutzt, um quer durch Deutschland zu fahren. Dieser Straßentyp dient vor allem dazu, ländliche Regionen zu erschließen.

Das WOCHENBLATT wollte es nun genau wissen: Sind 20 km/h weniger wirklich eine Gängelung der Autofahrer? Wie groß ist der Zeitverlust, wenn man auf einer typischen Landstraße nur mit Tempo 80 "zockelt" anstatt die erlaubten 100 km/h zu fahren? Beim Praxistest auf drei ausgewählten Routen gab es Unterstützung vom Straßenverkehrsamt des Landkreises: Ein Mitarbeiter nahm sich die eine vielgenutzte Pendlerstrecke vor: die L 124 von Wangersen über Harsefeld nach Stade (27 Kilometer). Außerdem fuhr ein WOCHENBLATT-Reporter auf schmalen Kreisstraßen von Ahrenswohlde über Bargstedt und Fredenbeck nach Stade (30,6 Kilometer) sowie von Jork über Harsefeld und Brest nach Reith (30,4 Kilometer).

Das Ergebnis ist eindeutig: Der zeitliche Unterschied im Vergleich zu Tempo 100 beträgt höchstens zweieinhalb Minuten - bei Fahrzeiten zwischen 29 und 34 Minuten. Die geringe Differenz liegt vor allem daran, dass auf vielen Abschnitten schon jetzt höchstens 70 km/h gefahren werden darf. Hinzukommen dann noch die Ortsdurchfahrten, wo Tempo 50 gilt. Der Anteil der Bereiche, in denen Tempo 100 zulässig ist, lag bei den drei Strecken lediglich zwischen 40 und 56 Prozent.

Doch selbst das ist nur Theorie: Viele Straßen lassen es vom Zustand der Fahrbahn her gar nicht zu, die Höchstgeschwindigkeit auszureizen. Der Testfahrten haben außerdem ergeben, dass die unfestigten Seitenstreifen eine starke Gefährdung darstellen. Oftmals sind die Straßen so eng, dass zwei Pkw knapp aneinander vorbeipassen. Gerät ein Fahrzeug dann in den Seitenraum, kann die Fahrt schnell im Graben enden.

KOMMENTAR: Tempo 80 reicht aus

Tempo 80 auf kleineren Landstraßen wäre wirklich kein Drama. Viele Kreisstraßen sind so schmal und so kurvig, dass die erlaubten 100 Stundenkilometer ohnehin kaum ausgereizt werden können. Wer auf solchen Strecken dennoch mit Vollgas auf die Tube drückt, weil es eben erlaubt ist, geht ein hohes Risiko ein. Ob es das wert ist, um zwei Minuten früher am Ziel anzukommen, erscheint mehr als fraglich.
Jörg Dammann