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Tarifkonflikt auf dem Rücken der Fahrgäste

Walter Galli erlebte eine Irrfahrt mit der Deutschen Bahn (Foto: oh)
(bc). Walter Galli muss regelmäßig zur Behandlung nach Köln. Dafür benutzt er den Zug. Was er vor wenigen Tagen durchmachen musste, beschreibt das Wort Odyssee am besten: eine 14-stündige Irrfahrt quer durch die Republik - inklusive Übernachtung auf dem Bahnsteig.

Selten wird es so deutlich, wie in diesem Beispiel: Der Arbeitskampf der Lokführer-Gewerkschaft GDL wird auf dem Rücken der Fahrgäste ausgetragen! "Das kann es doch nicht sein", schimpft der 66-Jährige aus Drochtersen.

Der 1. September: Der Kehdinger will mit der Bahn von Köln über Harburg nach Stade fahren. Start 16.20 Uhr, planmäßige Ankunft 21 Uhr. Angekommen ist er am nächsten Morgen um 6 Uhr: "Ich war völlig frustriert."

In Köln fiel zunächst der ICE aus, der Ersatzzug hatte 20 Minuten Verspätung. Zwischen 18 bis 21 Uhr blieb die Bahn komplett stehen. Als Walter Galli endlich in Harburg ankam, war die S-Bahn schon weg, der Bahnhof dunkel, kein Personal mehr da. "Ich habe die Nacht allein auf dem Bahnsteig verbracht", erzählt er, "ich hatte richtig Angst."

Solche Streik-Erlebnisse lassen sich in Deutschland tausendfach erzählen. Vergangenen Samstag legte die GDL das jüngste Mal den Zugverkehr lahm. 90 Prozent der Züge der DB standen still oder hatten Verspätung. Für Abertausende Reisende könnte es im Oktober noch viel schlimmer kommen.

Die GDL hat am Donnerstag die Urabstimmung über einen Arbeitskampf für die Mitglieder des Zugpersonals beschlossen. Gewerkschaftsvorsitzender Claus Weselsky: "Wer nicht hören will, muss fühlen.“ Soll heißen: unbefristeter Streik und schwere Störungen im Zugverkehr. Die Auszählung der Urabstimmung findet am 2. Oktober statt. Bis dahin will die GDL auf Streiks verzichten.

Gewerkschaft und Deutsche Bahn finden bislang nicht zueinander, auch das dritte Angebot der DB hat die GDL abgelehnt. „Die Verantwortung trägt alleine die Deutsche Bahn“, sagt Weselsky. „Mit ihrer Weigerung über unsere Forderungen zu verhandeln, verärgert sie mutwillig die Reisenden und brüskiert die eigene Belegschaft.“

Hintergrund: In dem Tarifstreit geht es nicht nur um fünf Prozent mehr Lohn und eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit um zwei auf 37 Stunden, sondern auch um einen Machtkampf zwischen GDL und der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Es geht um die Frage, wer für welche Mitarbeitergruppe zuständig ist.

Weselsky: "Die Deutsche Bahn will ihre Hausgewerkschaft EVG mittels Kooperationsabkommen in die Führungsrolle hieven." Und das, obwohl die GDL mehr als 80 Prozent der Lokomotivführer und 30 Prozent der Zugbegleiter in den Eisenbahnverkehrsunternehmen organisiere. Das seien mehr als 51 Prozent des Zugpersonals, so der GDL-Chef. Auf Zeit spielen und dabei weiter vom Zugpersonal Überstunden verlangen, werde es mit der GDL nicht geben.

Für die vielen Bahnreisenden bleibt zu hoffen, dass sich die Tarifpartner schnell einigen werden. Auf eine weitere Nacht in Harburg kann Walter Galli gerne verzichten.