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Steht die Schulsozialarbeit mal wieder auf der Kippe?

Jan Golombek im "Trainingsraum" der Hauptschule, in dem Schüler ihr Fehlverhalten reflektieren
(bim). Wenn es in der Pause zu Rangeleien auf dem Schulhof kommt, Schüler die Hausaufgaben vernachlässigen oder nicht pünktlich zum Unterricht erscheinen und Eltern Hilfe bei den Anträgen auf Förderung aus dem Bildungs- und Teilhabepaket benötigen, sind das nur einige Situationen, in denen die 32 Schulsozialarbeiter im Landkreis Harburg gefragt sind. Sie sind wichtige Ansprechpartner für Schüler, Schule und Elternhaus. Doch das Land, das für die Finanzierung der Stellen zuständig ist, lässt Kommunen und Kreise seit Jahresbeginn buchstäblich im Regen stehen. Die sahen sich genötigt, jeweils die Hälfte der Kosten selbst zu übernehmen, damit die Schulsozialarbeit fortgesetzt werden kann. Mit dem Thema befasst sich der Kreistag am kommenden Montag, 21. Dezember.
„Ich bin ja noch in der guten Lage, dass die Samtgemeinde Tostedt den Bedarf anerkennt und die Förderung über das Schuljahresende 2015/16 hinaus bis 2017 verlängert“, sagt Jannik Golombek (29), der seit drei Jahren als Schulsozialarbeiter an beiden Standorten der Grundschule Tostedt und an der Hauptschule eingesetzt ist. Ende vergangenen Jahres war nicht klar, wie es beruflich für ihn weiter geht. „Wir haben erst am 20. Dezember 2014 Bescheid bekommen, dass die Stellen ab 2015 weiter finanziert werden. Das war ein unhaltbarer Zustand“, erläutert Jannik Golombek.
Spannend werde es für ihn erneut, wenn sich der Landkreis 2016 aus der Förderung zurück ziehe. „Es ist nicht bekannt, ob ich weiter an der Hauptschule eingesetzt werde, die in Trägerschaft des Landkreises ist.“ Hauptschulleiter Stefan Brandt: „Den Einsatz von Jannik Golombek beim Übergang von der Grundschule auf eine weiterführende Schule erachte ich als ganz wichtig, auch als Unterstützung für Eltern und Lehrkräfte“, betont er.
Jannik Golombek steht mit seinen Kollegen an den Schulen in Neu Wulmstorf, Hollenstedt und Moisburg in Kontakt. „Sie alle wissen nicht, ob sie über den Sommer 2016 hinaus beschäftigt werden.“
Andy Troska (40), der seit April an der Glockenberggrundschule in Hollenstedt Schulsozialarbeit leistet, ist sauer und enttäuscht: „Ich bin überwältigt von der Ignoranz, die unserer Arbeit entgegengebracht wird“, sagt er zu der unsicheren Perspektive und den befristeten Verträgen. „Für meine Arbeit, die mir sehr viel Spaß macht, ist es wichtig, Vertrauen zu den Kindern aufzubauen und dass es eine Weiterbeschäftigung gibt. Sonst macht meine Arbeit keinen Sinn“, so Troska. Sein Vertrag endet Ende Juni 2016. „Dann würde ich meine Konzepte, etwa für das Sozialtraining, mitnehmen“, sagt er.
Die Buchholzer Ratsfrau Claudia Cornels-Selke findet die Schulsozialarbeit äußerst wichtig und dass an jeder Schule im Prinzig eine ganze Schulsozialarbeiterstelle angemessen wäre. „Was wir für die Kinder tun, tun wir letztlich für unsere Zukunft, für die Sicherheit und Wohlbefinden in der Gemeinschaft“, sagt sie.
Deutliche Worte für die Situation findet Tostedts Samtgemeinde-Bürgermeister Dr. Peter Dörsam: „Das Land stiehlt sich aus der Verantwortung.“ Kommunen und Landkreis seien als Schulträger für Gebäude und Hausmeister zuständig, nicht aber für die pädagogische Arbeit, zu der die Schulsozialarbeit gehöre. „Wenn wir nichts tun, wird es auf dem Rücken der Kinder ausgetragen“, so Dörsam.
• Die CDU-/WG-Kreistagsfraktion hat nun eine Anfrage zur Schulsozialarbeit gestellt und erwartet im Kreistag Antworten auf die Fragen:
Liegt dem Landkreis zwischenzeitlich ein Konzept der Landesregierung vor bzw. zu welchem Termin ist es angekündigt?
Gibt es einen Meinungsaustausch zwischen Landkreis bzw. den Spitzenverbänden und der Landesregierung über ein ggf. nach wie vor fehlendes Konzept?
Sollte das Konzept weiterhin auf sich warten lassen, welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Schulsozialarbeit ab dem Schuljahr 2016/17?
• Die Kreistagssitzung in der Burg Seevetal in Hittfeld beginnt um 13 Uhr.

Zum Hintergrund

Die Schulsozialarbeiter wurden u.a. aus dem Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes finanziert, der bis 2013 in Niedersachsen jährlich 36 Millionen Euro zur Verfügung stellte. Weder das Land noch der Bund haben seither eine Anschlussfinanzierung geregelt.
Seit 2012 unterstützt der Landkreis Harburg die Schulsozialarbeit - im Jahr 2013 mit rund 927.000 Euro - und hatte bis zum Ende des Schuljahres 2015/16 weitere 1,2 Millionen Euro pro Schuljahr übernommen, um die Fortführung der Arbeit sicherzustellen. Auch die Kommunen waren mit 50 Prozent der Kosten mit „in die Bresche“ gesprungen.
Die Samtgemeinde Tostedt hatte z.B. für die Finanzierung ihres Anteils rund 47.000 Euro jährlich bis Mitte 2017 in den Haushalt eingestellt, die Stadt Buchholz sogar jährlich rund 170.000 Euro für die kommenden Jahre und weitere Mittel für den Träger A & A.