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Konsum-Köder für Azubis - auch in den Landkreisen Stade und Harburg

Azubi im Glück: Vor dem Vertragsabschluss locken Unternehmen mit Reisen und Elektronik-Artikeln. Geködert wird auch mit Bonuszahlungen, Mopeds und Gratis-Führerschein (Foto: MSR_Collage_Bonus_Fotolia_IoannisKounadeas_nb2801_ferkelraggae_KlausEppele)

Lehrstellen-Überschuss: Unternehmen locken mit Handys und Auslandstrips / Führerschein für den Bäckerlehrling

(tp). Smartphones, Laptops, Autos, Auslandsreisen, Lohnbonus im ersten Lehrjahr - immer mehr Azubis wird dieser Luxus zuteil. Zunehmend locken Arbeitgeber junge Nachwuchskräfte, die über gute Schulnoten verfügen, mit Konsum-Ködern. Insbesondere in industriellen Ballungsräumen Deutschlands treibt das Hauen und Stechen um die Besten Schulabgänger solche Prämien-Blüten. Auch in ländlichen Regionen wie den Landkreisen Stade und Harburg sind Ausläufer des Prämien-Trends spürbar - wenngleich in moderater Form.

Hintergrund ist die demografische Entwicklung mit einer sinkenden Zahl junger Menschen bei einer hohen Zahl offener Stellen. Seit Oktober 2014 wurden der Agentur für Arbeit für den Landkreis Stade 1.244 Ausbildungsplätze gemeldet. Ende Juni waren davon noch knapp 400 unbesetzt.

Besonderer Mangel herrscht an technischem Nachwuchs: Im Landkreis Stade konnten die in der Industrie- und Handelskammer (IHK) organisierten Betriebe im Jahr 2014 noch 690 Verträge abschließen, in diesem Jahr werden es knapp 670 sein.
Aber auch der Handel kämpft um Nachwuchs: Der Baustofffachhändler und Baumarktbetreiber "Bauking AG" mit Sitz in Hannover und Niederlassung im Nordheide-Ort Tostedt bot allen angehenden Groß- und Außenhandelskaufleuten im zweiten Lehrjahr ein fünftägiges Azubi-Camp mit Workshops, Treffen mit Branchen-Führungskräften und buntem Abendprogramm. Zum Abschluss des Camps gab es während der Kieler Woche eine Schifffahrt.

Den Trend zur frühzeitigen Belohnung betrachtet der Stader Arbeitsmarktexperte Dr. Bodo Stange als neue Facette des "Employer Branding" (Arbeitgebermarkenbildung). Dies ist eine strategische Maßnahme, mit der sich ein Unternehmen als attraktiver Arbeitgeber von Konkurrenten positiv abhebt. "Wir vergeben allerdings noch keine materiellen Boni", sagt Dr. Bodo Stange, Chef des Bereichs Aus- und Weiterbildung bei der IHK Stade. Um die talentiertesten Schulabgänger mit Top-Noten in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) für sich zu gewinnen, beteiligen sich regionale Unternehmen an dem sogenannten MINT-Programm: An einem Tag im Monat besuchen die Schüler immer einen anderen Betrieb: Beim Flugzeugbauer Airbus in Stade fertigen sie trendige Handy-Schalen aus dem Wunder-Leichtbauwerkstoff CFK, bei Unilever in Buxtehude mixen sie Duschgel nach eigener Rezeptur. Andere Betriebe inszenieren die Lehrvertragsunterzeichnung mit einer Party oder laden Azubis weit vor Antritt der Ausbildung zu Betriebsfeiern ein.

Nicht am Azubi-Hype beteiligt sich der Stader Chemie-Riese Dow: "Wir haben keine Nachwuchsprobleme", sagt Dow-Sprecher Carsten Müsing. Zwar veranstaltet der Konzern für neue Auszubildende eine Kennenlern-Fahrt in die Region, lässt ansonsten aber seinen Ruf als "guter Arbeitgeber" mit eigenem Azubi-Trainings-Center sprechen. Dow konnte in diesem Jahr bei 18 zu besetzenden Lehrstellen für den Beruf des Chemikanten aus 32 Bewerbern wählen.

Im starken Kontrast zur Industrie steht die Lage im Handwerk. Dort bleiben bereits seit Jahren Lehrstellen unbesetzt: "Im Bäckereiwesen gibt es viele Kollegen, die große Probleme haben, geeigneten Nachwuchs zu finden", sagt Andrea Richter, die mit ihrem Ehemann Carsten das mittelständische Filial-Unternehmen Bäckerei Richter in Himmelpforten betreibt. "Ich habe schon davon gehört, dass Azubis Führerscheine bezahlt werden. Wir konnten zum Glück immer alle Stellen besetzen. Es ist aber schwer, gute Leute zu bekommen."