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Wie sich die Werkstatt-Kette "A.T.U" ihre Billigpreise leistet

In Buxtehude (Foto) und in Winsen hat "Auto-Teile-Unger" Filialen. Die Zweigstelle in Stade ist mittlerweile geschlossen (Foto: tk)
(bc). „Schurkenstück“ nennt es der „Aktionsbund Aktiver Anlegerschutz“, eine „skandalöse Sanierung“ der Brancheninformationsdienst „finanztip“: Wie sich die finanziell ins Schlingern geratene Werkstatt-Kette „Auto-Teile-Unger“ (A.T.U), die über Filialen in Winsen und Buxtehude verfügt, von einer Schuldenlast von 600 Millionen Euro entledigt hat, stößt auf massive Kritik.

Die Gelackmeierten sind etliche private Zeichner einer Anleihe. Deren Depotwerte wurden auf Null gesetzt. Aber auch genauso viele kleinere Werkstatt-Unternehmen und Reifen-Händler aus der Region fühlen sich am Nasenring durch die Manege gezogen. Sie haben mit den aggressiven Rabattaktionen von A.T.U zu kämpfen und fragen sich jetzt: Wie kann man sich soviel Wettbewerbsfähigkeit eigentlich leisten?

Erst vor Kurzem stellte die SWR-Sendung „Marktcheck“ fest, dass bei A.T.U ein Satz Reifen derselben Größe und Marke gut 200 Euro billiger als beim teuersten getesteten Mitbewerber ist.

Möglich gemacht hat den Schuldenschnitt bei A.T.U eine verschachtelte Konzernstruktur. Nach dem Einstieg von Finanzinvestor KKR wurden über Tochtergesellschaften 2004 und 2010 zwei Anleihen im Gesamtwert von 600 Mio. Euro ausgegeben. Das bedeutet: Gläubiger leihen dem Unternehmen in Form einer Anleihe Geld und lassen es sich verzinsen.

Da die Anleihen offenbar unter ausländischem Recht ausgegeben wurden, konnten Großgläubiger Anfang 2014 einen Schuldenverzicht zulasten der leer ausgehenden Privatanleger aushandeln. Denn erstere verzichten zwar auf Rückzahlungen, tauschen ihre Ansprüche aber in Eigentumsanteile um. Neuer Mehrheitseigner wurde so der bisher größte Gläubiger, der US-Investmentkonzern Centerbridge aus Manhattan.

Das WOCHENBLATT sprach mit dem Düsseldorfer Finanzexperten Dr. Ludger Steckelbach ("finanztip"). Er kritisiert das Geschäftsgebaren von A.T.U: „Sie haben schlicht Schulden nicht zurückgezahlt und machen jetzt weiter, als wäre nichts gewesen.“ Jede kleine Autowerkstatt müsse Insolvenz anmelden, sofern sie ihre Verbindlichkeiten bei den Banken nicht mehr bezahlen könne.

Marktkenner Hans-Jürgen Lenz (Chefredakteur Auto-Redaktion bei "markt-intern") dazu: „Wenn A.T.U es tatsächlich schafft, sich ungestraft so seiner riesigen Schulden zu entledigen, geht die für die heimischen mittelständischen Werkstätten brutale Preisdrückerei der Kette munter weiter.“

Ein Reifenhändler aus Winsen, der nicht genannt werden möchte, bestätigt gegenüber dem WOCHENBLATT, dass ihn das Unternehmen A.T.U mit seinen Kampfpreisen in seiner Existenz bedrohe.

Gerhard Wiebusch, Obermeister der Kfz-Innung des Landkreises Stade, sagt: „Wir beobachten seit Längerem, dass A.T.U teilweise Leistungen unter Preis anbietet."
Claus Rieper von "Reifen Rieper" in Jork will nicht von unlauterem Wettbewerb sprechen. Er sagt nur: "Wir sind machtlos, können nur mit gutem Service und fairen Preisen dagegenhalten.“

A.T.U selbst spricht von einem Sanierungserfolg, der ihnen gelungen sei. "Die finanzielle Restrukturierung von A.T.U erfüllt alle gesetzlichen und regulatorischen Bestimmungen", schreibt ein Firmensprecher auf WOCHENBLATT-Anfrage. Die Unterstellung eines unlauteren Wettbewerbs entbehre jeglicher Grundlage. So habe das Bundeskartellamt beispielsweise den Vorwurf einer Dumpingpreis-Strategie nach intensiver Prüfung im Juli 2014 in aller Deutlichkeit zurückgewiesen. Norbert Scheuch, Vorsitzender der A.T.U-Geschäftsführung, äußerte sich damals in einer Pressemitteilung: „Die Erklärung unserer günstigen Preise ist ganz einfach: Aufgrund des hohen Einkaufsvolumens erhält A.T.U Preisvorteile, die wir an die Kunden weiterreichen.“

Nichtsdestotrotz: A.T.U hat seiner Bilanz durch ein umstrittenes Finanzinstrument wieder zu einem besseren Aussehen verholfen. Zum Leidwesen vieler Kleinanleger und vieler regionaler Werkstatt-Inhaber, die unter ganz anderen Rahmenbedingungen im Markt bestehen müssen.