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"Keine Misshandlung gesehen"

thl. Winsen. Ist die Angeklagte wirklich Deutschlands schlimmste Altenpflegerin? Oder hat ihr Arbeitgeber nur versucht, sie auf eine perfide Art los zu werden?
Zweiter Verhandlungstag vor dem Winsener Amtsgericht gegen einen 31-Jährige, die in einem Pflegeheim in der Samtgemeinde Salzhausen zwei ihrer Schützlinge genötigt und misshandelt haben soll. "Wir wollen die Vorwürfe gründlich aufarbeiten", sagte der Richter. Deswegen habe er nach dem ersten Verhandlungstag im Pflegeheim von der Polizei die Pflegedokumentation der Patienten sowie die Personalakte samt Dienstplänen der Angeklagten sicherstellen lassen. Und deshalb hat er auch vorsorglich noch drei weitere Verhandlungstermine angesetzt.
Dass eine gründliche Aufarbeitung nötig ist, zeigten die Aussagen der drei geladenen Zeugen. Der Ehemann einer Patientin sagte, er sei öfter mit der Pflege seiner Frau nicht zufrieden gewesen, habe dieses auch der Betreuerin mitgeteilt. Er hätte es gerne gesehen, wenn seine Frau in ein anderes Heim verlegt worden wäre.
Der Hausarzt einer Patientin, die laut Anklage von der Angeklagten besonders schwer drangsaliert worden sein soll, beschrieb seinen Schützling so: Eine alkoholkranke Frau, die fünf Kinder in die Welt gesetzt hat, seit 2010 aufgrund von Leberzirrhose, Demenz und eines Krampfleidens ein Pflegefall war und nur einzelne Worte sprechen konnte. Die Frau war sehr unruhig und musste deswegen am Bett fixiert werden. Nur unter dem Einfluss von Morphium sei es besser geworden. Verletzungen, die von Misshandlungen herrührten, habe er bei seiner Patientin nie gesehen. "Nur einmal hatte sie ein blaues Auge. Es wurde allerdings nicht darüber gesprochen, woher dieses stammte. Grundsätzlich könnte sie sich auch selbst verletzt haben, wenn die Fixierung mal los war", so der Mediziner.
Unglaubiges Staunen gab es in den Reihen der Zuhörer, als die Betreuerin der Patientin aussagte, die seinerzeit auch die Strafanzeige gegen die Altenpflegerin gestellt hatte. "Ich wurde von der Heimleitung ins Büro gebeten. Dort wurde mir erzählt, dass man einen Arbeitsgerichtsprozess gegen die Altenpflegerin verloren hätte und sie nun wieder einstellen oder zumindest eine Abfindung zahlen müsse. Dann wurde mir gesagt, dass die Frau meinen Schützling misshandelt haben soll und ich wurde gefragt, ob ich Strafanzeige erstatten würde, weil das Heim es aufgrund einer vor dem Arbeitsgericht geschlossenen Vereinbarung nicht dürfe", so die Betreuerin. Geschockt von den angeblichen Machenschaften der Pflegerin, stellte sie gleich am nächsten Tag Strafanzeige gegen die Frau. Natürlich habe sie im Heim nachgefragt, warum nicht gleich mit der ursprünglich fristlosen Kündigung Anzeige gegen die Frau erstattet wurde, so die Betreuerin weiter. Da habe es geheißen, aus humanitären Gründen haben man darauf verzichtet, um ihr nicht die Zukunft zu verbauen. Übrigens: Anhaltspunkte von Misshandlungen habe sie bei ihrem Schützling nicht ausmachen können, so die Betreuerin. Allerdings hätten sich rund ein halbes Jahr vor dem Ableben der kranken Frau die Verletzungen gehäuft. Dafür hätte die Heimleitung aber immer plausible Gründe gehabt.
Der Prozess geht am Dienstag, 3. September, weiter.