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"Gesunde Basis für Behandlung": Experten über die Gesprächsmethode "Trialog" zum Verständnis psychischer Erkrankungen

Nach dem Interview (v. li.): Dr. Peter Schlegel (Sozialpsychiatrischer Dienst Landkreis Harburg), Stefanie Oertzen und Holger Maack ("HiPsy") und Kreis-Pressesprecher Johannes Freudewald, der das Gespräch koordinierte
ce. Landkreis. Wenn Heranwachsende unter einer psychischen Erkrankung leiden, unternehmen Eltern oft alles, um die Kinder vor der Außenwelt zu verbergen. Eine rechtzeitige Hilfe für die Erkrankten wird so erschwert oder unmöglich gemacht. Hier setzt der "Trialog" als Hilfe bei psychischer Krankheit an. Dabei reden Betroffene, Angehörige und Psychiater "auf Augenhöhe" miteinander und tauschen ihre unterschiedlichen Wahrnehmungen aus. Der "Trialog" war auch Thema einer Fachtagung, zu der sich jetzt die Partner des Sozialpsychiatrischen Verbundes im Landkreis Harburg trafen. Vor der Tagung sprach WOCHENBLATT-Redakteur Christoph Ehlermann mit Dr. Peter Schlegel, Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Kreis Harburg, sowie mit Holger Maack und Stefanie Oertzen von der gemeinnützigen HiPsy GmbH (Hilfe für psychisch kranke Menschen) über ihre Arbeit und darüber, wie sie durch den "Trialog" erleichtert werden kann.
WOCHENBLATT: Herr Dr. Schlegel, ist Ihnen ein Fall wie in Bayern, wo ein Mann mit psychischer Erkrankung gut 30 Jahre von seinen Eltern vor der Öffentlichkeit "versteckt" und erst kürzlich befreit wurde, schon untergekommen?
Dr. Peter Schlegel: Einen der Situation in Bayern entsprechenden Fall habe ich in meiner 25-jährigen Tätigkeit als Psychiater und Psychotherapeut zwar noch nicht erlebt. Was ich aber oft erlebe, ist fehlendes Wissen der Angehörigen von Erkrankten über deren psychische Störungen.
WOCHENBLATT: Wozu führt diese Unkenntnis?
Schlegel: Eltern geben sich beispielsweise die Schuld dafür, wenn sich ihr Kind verändert. Sie schämen sich, sind hilflos und überfordert und wissen nicht, an wen sie sich wenden können.
WOCHENBLATT: Was war der krasseste Fall, den Sie erlebt haben?
Schlegel: Ich habe immer wieder Situationen erlebt, in denen psychisch Erkrankte über viele Jahre in ihrem familiären System gehalten und dort auch oft gut versorgt wurden, aber eine Inanspruchnahme von professioneller Hilfe nie erfolgt ist. Nicht selten ist es dann so, dass die Behandlungsmöglichkeiten von psychischen Erkrankungen, die sich über zehn oder gar 15 Jahren hinweg verfestigt haben, leider dann nur noch sehr eingeschränkt sind oder zumindest wesentlich schwieriger und langwieriger verlaufen.
Die geschilderte Problematik gilt aber nicht nur für Angehörige, sondern oft auch für Betroffene selbst: Eine Veränderung wird entweder selbst gar nicht bemerkt, oder es werden aus Gründen von Scham, Unsicherheit und fehlendem Wissen keine Hilfen in Anspruch genommen.
WOCHENBLATT: Herr Maack und Frau Oertzen, sind Ihnen auch Fälle bekannt, wo psychisch Kranke Hilfe brauchen, die Eltern sich aber querstellen?
Hoger Maack: Den Begriff des „sich Querstellens“ empfinde ich an dieser Stelle als schwierig. Wenn man Eltern zum Beispiel in einem gesellschaftlichen Umfeld leben, in dem die Psychiatrie immer noch stigmatisiert ist, kann man schon auch die Bedenken nachvollziehen, sein Kind in ein solches System geben zu müssen. Auch hier in der Region sind uns Fälle bekannt, bei denen betroffene Erkrankte in ihrem Umfeld versorgt wurden, ohne dass eine professionelle Hilfe zur Behandlung der psychischen Erkrankung hinzugezogen wurde.
WOCHENBLATT: Die Angehörigen der psychisch Erkrankten, diese selbst und die Psychiater sollen beim "Trialog" kooperieren. Was ist das Ziel dieser Methode?
Schlegel: Wir wollen mit dem "Trialog" deutlich machen: Wir müssen wissen, wie die Angehörigen den Betroffenen, aber auch die Behandler erleben, damit wir Erkrankungen und die sich daraus ergebenden Auswirkungen auf die Beziehungen untereinander besser verstehen können. Von den Psychiatrie-Erfahrenen wollen wir wissen, wie sie uns und ihre Angehörigen wahrnehmen. Wenn wir alle diese Blickwinkel und Perspektiven zusammennehmen, bekommen wir eine gesunde Basis für das gemeinsame Verständnis des Krankheitsbildes und für mögliche Behandlungsansätze.
WOCHENBLATT: Entstanden ist die Gesprächsform "Trialog" bereits Anfang der 1990er Jahre in Hamburg am UKE. Warum erreicht sie erst jetzt den Landkreis Harburg?
Holger Maack: Im Landkreis Harburg gibt es eine gute und lange Tradition der Vernetzung der in der psychiatrischen Versorgung tätigen Mitarbeiter und Institutionen. Nichtsdestotrotz hatten Psychiatrie-Erfahrene und ihre Angehörigen oft Schwierigkeiten, in dieses Netzwerk einzusteigen. Deshalb hat sich der Sozialpsychiatrische Verbund jetzt vorgenommen, diesen einzigartigen Versorgungsbaustein nun auch im Landkreis aufzubauen. Ein "Trialog" ist heute wichtiger ist denn je.
WOCHENBLATT: Wie kann die Gesellschaft für das Anliegen des "Trialogs" noch mehr sensibilisiert werden?
Schlegel: Die Grundbotschaft ist: Psychische Erkrankungen sind Erkrankungen wie alle anderen auch. Und sie werden nicht besser dadurch, dass man sie leugnet, verschweigt und versteckt. Es ist wichtig, die Dinge so offen und natürlich wie möglich anzusprechen und mit allen Beteiligten im Gespräch zu bleiben.
WOCHENBLATT: Vielen Dank für das Gespräch.
- Infos zum "Trialog" beim Sozialpsychiatrischen Dienst des Landkreises (Tel. 04171 - 693517 oder 04181 - 201980) oder unter http://www.landkreis-harburg.de/trialog.