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"Regelung macht keinen Sinn!": Neue Abfall-Verordnung erschwert Styropor-Entsorgung / Handwerker und Verbraucher fühlen sich überrumpelt

Vor einem riesigen Berg von Styropor-Altlasten: Dachdecker Wladimir Gert von der Salzhäuser Firma Otto Neben (Foto: Horst Neben junior)
 
"Wohin mit dem Styropor?": Vor dieser Frage steht auch Dachdeckermeister Horst Neben junior
ce. Landkreis. "Diese Regelung stellt Handwerker und Verbraucher in ganz Deutschland vor Riesenprobleme und macht so keinen Sinn!" Dachdeckermeister Horst Neben junior (49) aus Salzhausen (Landkreis Harburg) steht vor einem etwa zehn Kubikmeter großen Berg mit Styropor-Platten, die als Altlasten nach einer Hausdach-Sanierung auf einer Baustelle übrig blieben. Den Abfall wird Neben beim örtlichen Entsorgungsunternehmen nicht mehr los, weil dieser Betrieb die Annahme verweigern muss. "Schuld" daran ist die am 1. Oktober in Kraft getretene Novellierung der Verordnung für Abfälle, die so genannte persistente-organische Schadstoffe enthalten. Sie klassifiziert Styropor mit dem Flammschutzmittel HBCD als "gefährlichen Abfall". Bundesweit gibt es derzeit kaum Entsorgungsanlagen, die derartigen Müll annimmt.
"Neuere Styroporplatten enthalten kein HBCD. Das steht aber nur auf der Verpackung. Beim Gebrauch auf dem Bau sind alte und neue Platten nicht gekennzeichnet und voneinander zu unterscheiden", sagt Horst Neben junior. Seine Branche verwendet Styropor etwa zur Wärmedämmung bei Flachdächern in Alt- und Neubauten. "Wir können laufende Aufträge nicht bearbeiten, solange die Entsorgungs- und Kostenfrage nicht geklärt ist", ärgert er sich. Auch Maler und andere Handwerkszweige würden Styropor-Material benutzen und darauf sitzen bleiben. "Es wäre sinnvoll gewesen, die Verordnung jetzt in Kraft treten zu lassen, aber eine einjährige Übergangszeit einzuräumen. Dann hätten sich Handwerks- und Entsorgungsunternehmen darauf einstellen bzw. umrüsten können", gibt Neben junior zu bedenken. Auch viele Verpackungen in Geschäften enthielten Styropor und stellten die Kunden ebenfalls vor ein Entsorgungsproblem. "Wenn die Verantwortlichen dieses Debakel nicht ganz schnell lösen, wird die illegale Müllentsorgung noch weiter ansteigen", befürchtet Horst Neben junior.

"Neue Verordnung ist existenzbedrohend!"


"Die kurzfristig eingeführte Regelung, dass Styropor ab 1. Oktober als Sondermüll getrennt zu entsorgen ist, ohne dass die Politik die praktische Umsetzung bedacht hat bzw. Alternativen mit beschließt, ist existenzbedrohend für viele Baufirmen." So steht es in einer "offenen Petition", die von einem süddeutschen Handwerksunternehmen, das die Styropor-Neuregelung anprangert, jetzt mit der Hoffnung auf möglichst viele Unterzeichner ins Internet gestellt wurde. "Auch ich habe unterschrieben. Wenn genug betroffene Unternehmer mitmachen, kann die Petition beim Bund eingereicht werden und womöglich noch eine Lösung des Problems bewirken", hofft Dachdeckermeister Horst Neben junior (49) aus Salzhausen (Landkreis Harburg). Auch er "sitzt" auf Bergen von Styropor-Abfällen, die das Flammschutzmittel HBCD enthalten, nach der neuen Verordnung als "gefährlicher Abfall" gelten und bundesweit nur von ganz wenigen Entsorgungsanlagen angenommen werden.
Dort würden für die Styropor-Beseitigung - so heißt es weiter in der Petition - "horrende Preise von bis zu 7.000 Euro pro Tonne" verlangt. "Wie sollen wir unseren Kunden erklären, dass auf einmal die Entsorgung das 15- bis 20-fache des bisherigen Preises kostet?", spricht der Verfasser des Aufrufes auch Horst Neben und anderen Chefs von Handwerksbetrieben in ganz Deutschland aus dem Herzen. "Das kann doch nicht Wille und Ziel unserer Volksvertreter sein. Man kann doch nicht einfach eine EU-Verordnung umsetzen, ohne die Folgen zu bedenken!", mahnt die Petition die Politik zum Handeln.
"Wir stehen diesem großen Problem machtlos gegenüber", sagt Heiko Köhnlein, Leiter des Umweltamtes beim Landkreis Stade und auch zuständig für die Abfallwirtschaft, auf WOCHENBLATT-Anfrage. Der Landkreis bringe seine Abfälle zur Müllverbrennungsanlage Rugenberger Damm in Hamburg. "Dort darf HBCD-haltiges Styropor nicht angenommen werden. Deshalb haben wir jetzt in unserer Schadstoff-Annahmestelle in Stade einen Annahme-Stop verhängt", so Köhnlein.
Auch der Landkreis Harburg hat "keine Lösung für dieses Entsorgungsproblem", wie Kreis-Sprecher Bernhard Frosdorfer gegenüber dem WOCHENBLATT erklärt. Die Kreise Harburg, Stade und Heidekreis würden in einem Abfallverbund ihre Altlasten zur Müllverbrennungsanlage Rugenberger Damm bringen, wo jedoch Styropor mit HBCD abgelehnt werde. "Auch in unseren Annahmestellen wird entsprechender gewerblicher Abfall nicht angenommen, sondern nur privater, den wir in speziellen Container lagern", so Frosdorfer. "Wir prüfen derzeit, ob wir in Kooperation mit der Stadtreinigung Hamburg, die vor dem gleichen Abfallproblem steht wie die Landkreise, einen Lösungsweg finden."