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Keine Corona-Notbremse im Landkreis Stade

Interview mit Ärztlichem Direktor Dr. Christian Pott
Corona-Jahr aus Sicht eines Mediziners

Ärztlicher Direktor am Krankenhaus Buchholz: Dr. Christian Pott
  • Ärztlicher Direktor am Krankenhaus Buchholz: Dr. Christian Pott
  • Foto: Krankenhaus Buchholz
  • hochgeladen von Oliver Sander

os. Buchholz. Ein Jahr Corona - und (vorerst) kein Ende. In der vergangenen Woche kam die Politik zum Thema Pandemie zu Wort: Landrat Rainer Rempe zog in einem Interview ein Fazit zum bisherigen Verlauf der Pandemie in der Region und äußerte sich zu den Aussichten für die Zukunft. Nun soll das Thema noch einmal aus medizinischer Sicht beleuchtet werden. Das WOCHENBLATT sprach mit dem Ärztlichen Direktor des Krankenhauses Buchholz, Dr. Christian Pott, darüber, wie die Situation im Krankenhaus während der ersten Corona-Welle war und wie sich die Lage heute darstellt.
WOCHENBLATT: Wie haben Sie damals die Nachricht des ersten Corona-Falles im Landkreis Harburg aufgenommen?
Dr. Christian Pott: Zunächst schien die Pandemie weit weg, auch ich habe anfangs das Geschehen in China bagatellisiert. Erschreckend war das Ankommen des Virus in Deutschland. Ab da konnten wir exponentiell ausrechnen, wann dieses auch bei uns ankommt.
WOCHENBLATT: Wie bewerten Sie im Nachhinein die Maßnahmen während der ersten Corona-Welle – insbesondere das Herunterfahren der Kapazitäten, um Betten für COVID-19-Erkrankte freizuhalten?
Pott: Die Maßnahmen waren absolut angemessen. Sie waren eine wichtige Erleichterung für uns, durch die wir uns gut vorbereiten konnten. Ich erinnere mich an einen Brief eines Arztes aus Mailand, der über eine Fachgesellschaft an uns weitergeleitet wurde. Er mahnte uns, die Auswirkungen des Virus auf keinen Fall zu leicht zu nehmen. Das haben wir auch nicht getan. Wir haben uns zum Beispiel intensive Gedanken gemacht, wie man im Notfall in anderen Krankenhäusern wie der Waldklinik in Jesteburg und sogar dem Ginsterhof in Tötensen Menschen beatmen kann. Letztlich haben wir natürlich nicht alle Beatmungsgeräte, die wir zur Erweiterung unserer Intensivstations-Kapazität angeschafft haben, auch eingesetzt. Zum Glück!
WOCHENBLATT: Gab es während der Pandemie in den Krankenhäusern Winsen und Buchholz jemals einen Zeitpunkt, an dem Sie ernsthaft in Sorge waren, dass die Intensivplätze nicht ausreichen?
Pott: Ja, speziell in Winsen gab es einzelne Tage, an denen wir bei der Leitstelle das Haus für Patienten außerhalb des Landkreises abgemeldet haben. Als Ventil hatten wir immer Operationen, die wir kurzfristig absagen konnten, auch um das OP-Personal für die Betreuung der COVID-19-Patienten freizustellen.
WOCHENBLATT: Man hört immer wieder, dass Kranke den Weg in die Klinik gescheut haben, aus Angst, sich mit Corona anzustecken. Welche Erfahrungen haben Sie mit dieser Problematik gemacht?
Pott: In einigen Abteilungen, zum Beispiel bei der HNO-Abteilung, haben wir deutlich weniger Patienten als sonst. Das war sowohl der angeordneten Freihaltung von Kapazitäten als auch der Sorge von Patientinnen und Patienten geschuldet, in dieser Zeit ins Krankenhaus zu gehen. Wir hatten in der ersten Corona-Welle auch weniger Patientinnen mit Brustkrebs, vor allem aber dadurch, weil das Screening ausgefallen ist. Diese Patientinnen kommen jetzt unweigerlich, leider etwas verspätet, zu uns.
WOCHENBLATT: Wann ist damit zu rechnen, dass an den Krankenhäusern Winsen und Buchholz die Beschränkungen hinsichtlich der Patientenbesuche gelockert werden?
Pott: Das ist schwer zu sagen, weil die Entscheidung letztlich ja beim Land Niedersachsen liegt. Wir betreiben aber einen erheblichen Aufwand, um Angehörigen von Schwerstkranken und Sterbenden den Besuch zu ermöglichen. Dafür führt der zuständige Stationsarzt bei ihnen einen Schnelltest durch. Das ist natürlich nur in kleinem Rahmen möglich. Zudem haben wir extra iPads angeschafft, um zumindest Besuche per Video zu ermöglichen. Bei Besuchen müssen wir aber weiter vorsichtig und eher restriktiv sein. Für uns wäre es das Schlimmste, wenn durch einen Corona-Ausbruch der Krankenhausbetrieb zusammenbricht.
WOCHENBLATT: Zum Thema "Impfangebot": Wie viele Angehörige des medizinischen Personals und wie viele Pflegekräfte sind bis jetzt geimpft worden?
Pott: Wir rechnen damit, dass wir bis zu diesem Wochenende den Großteil der Belegschaft geimpft haben. Ohne Impfangebot sind dann nur noch Urlauber oder z. B. Mitarbeiter, die derzeit in Elternzeit sind.
WOCHENBLATT: Gibt es Mitarbeiter, die bisher ein Impfangebot abgelehnt haben?
Pott: Ja, einzelne Mitarbeiter wollen nicht geimpft werden. Das ist ihre Entscheidung, wir haben intensiv aufgeklärt und dann müssen sie diese auch treffen dürfen.
WOCHENBLATT: Herr Dr. Pott, vielen Dank für das Gespräch.

Autor:

Oliver Sander aus Buchholz

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