Aus der Vertrautheit in die Internierung
Mit Coronavirus infizierte Flüchtlinge werden in Buchholz konzentriert

In der Unterkunft An Boerns Soll werden positiv geteteste Flüchtlinge aus dem Landkreis konzentriert
  • In der Unterkunft An Boerns Soll werden positiv geteteste Flüchtlinge aus dem Landkreis konzentriert
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(bim). Abstand halten ist angesichts der Coronavirus-Infektionsgefahr das Gebot der Stunde. Doch was ist mit Menschen, die auf engstem Raum zusammenleben müssen, aber nicht einer Familie angehören, und sich mit Covid-19 angesteckt haben? Aktuell sorgt die Praxis des Landkreises Harburg, am Coronavirus infizierte Flüchtlinge aus ihrem gewohnten Umfeld zu reißen und in der Unterkunft An Boerns Soll in Buchholz zu konzentrieren, für viel Fassungslosigkeit.
Derzeit leben in den 54 Unterkünften im Landkreis Harburg 2.050 Bewohner. Von den bislang 62 dort erfassten Corona-Fällen seien 45 Menschen inzwischen wieder genesen, darunter auch die 21 Bewohner der Flüchtlingsunterkunft in Heidenau, die Anfang April unter Quarantäne gestellt worden war. "Eine medizinische Betreuung ist durch das Gesundheitsamt gewährleistet. Sämtliche Krankheitsverläufe waren bisher unkompliziert", sagt Kreissprecherin Katja Bendig.
Sie bestätigt, dass mit dem Coronavirus infizierte Flüchtlinge in der Unterkunft An Boerns Soll untergebracht werden - wie viele es sind, sagt sie nicht. Es handele sich um eine Maßnahme, die der Krisenstab des Landkreises zusammen mit dem Gesundheitsamt und der Abteilung Migration für den Umgang mit an Covid-19 positiv getesteten Bewohnern von Gemeinschaftsunterkünften sowie Kontaktpersonen, für die ebenfalls eine Quarantäne angeordnet werden muss, ergriffen habe.
Neben den Containern An Boerns Soll würden erkrankte Flüchtlinge auch in anderen geeigneten Unterkünften einquartiert. Unterschieden werde zwischen Anlagen mit Wohneinheiten mit einzelnen und solchen mit gemeinschaftlichen Küchen- und Sanitäranlagen. "Nur wenn eine Trennung innerhalb der Unterkunft möglich ist, kann von einer ganzheitlichen Quarantäne abgesehen werden", so Bendig.
Sollte eine räumliche Trennung nicht möglich sein, würden positiv Getestete in Unterkünfte gebracht, in denen eine Trennung und damit eine bessere Unterbrechung der Infektionsketten gewährleistet werden könne. "Vorsorglich wurden alle leerstehenden Unterkünfte in Betriebsbereitschaft versetzt, sodass eine sofortige Belegung im Notfall möglich wäre", so Bendig.
Für Infizierte und Verdachtsfälle bedeutet das, ungeachtet bestehender Kontakte und der auf wenigen Quadratmetern geschaffenen persönlichen Vertrautheit, für mindestens zwei Wochen in ungewohntes Terrain gebracht zu werden. Für die in den Unterkünften separierten gesunden Bewohner entstehe keine Gefährdung, solange Quarantäne und Kontaktverbote eingehalten würden. Dass das aber auch durch 24-Stunden-Betreuung und Sicherheitsdienste nicht sichergestellt werden kann, berichtet ein Bewohner.

"Warum setzt man uns diesem Risiko aus?"

Dass jetzt alle im Landkreis Harburg positiv auf den Coronavirus getesteten Flüchtlinge in der Buchholzer Unterkunft An Boerns Soll konzentriert werden, bestreitet der Landkreis. Ein Flüchtlingsunterstützer berichtet hingegen: "Die Unterkunft wurde in einem Papier des Landkreises als Konzentrationspunkt für positiv Getestete bezeichnet", berichtet er.
In dieser Flüchtlingsunterkunft mit Platz für 116 Personen würden aber schon rund 50 Geflüchtete leben, die nun komplett von den infizierten Neuankömmlingen abgetrennt werden müssten. "Das geht blockweise, wird aber derzeit nur mit Plastikbändern und aus meiner Sicht sehr lascher Security umgesetzt," sagt der Flüchtlingshelfer.
Dass eine strikte Trennung nicht funktioniert, bestätigt ein Bewohner der Flüchtlingsunterkunft. Er war einer der Ersten, der in die reaktivierten Container An Boerns Soll gezogen war. Dort stehen vier Containeranlagen zur Verfügung. Jede Wohneinheit habe drei Zimmer für je zwei Personen sowie Küche und Bad.
"Wir waren hier mit 50 Bewohnern, alle gesund, und haben gesagt, wir müssen in dieser Zeit der Corona-Krise keinen Besuch bekommen und gehen nur einkaufen. Meine Freundin habe ich deshalb seit zwei Monaten nicht gesehen", berichtet der Bewohner.
Dann seien positiv auf den Coronavirus Getestete und Coronaverdachtsfälle An Boerns Soll aus verschiedenen Unterkünften des Landkreises angekommen. "Am Anfang wurden zwei, drei Leute, später jeden Tag neue Leute gebracht. Letzte Woche waren es schon mehr als 30 infizierte Bewohner." Auf die Frage, warum man die Coronavirus-Infizierten in die Unterkunft bringe, habe er keine Antwort erhalten. "Wir haben gesehen, dass Bereiche mit Plastikbändern abgesperrt wurden. Wir wurden aber anfangs nicht informiert, warum das gemacht wird", sagt der Bewohner.
Erst zwei Wochen später sei die Unterkunft mit Securitypersonal überwacht worden. "Trotzdem sehe ich die Coronavirus-Patienten herumlaufen - und das auch nah an unserer Unterkunft", berichtet er. Ein Flüchtling aus der Quarantäne habe mehrfach nachts an sein Fenster geklopft, wollte mal Brot, mal Hackfleisch oder einen Topf haben. Und das, obwohl der Landkreis sagt, dass eine 24-Stunden-Betreuung der Coronavirus-Patienten und Verdachtsfälle inklusive der Versorgung mit Lebensmitteln organisiert sei.
Seit auch Corona-Patienten An Boerns Soll betreut werden, hätten die Sozialarbeiterin und der Hausmeister außerdem keine Zeit mehr für die gesunden Bewohner.
"Wir haben hier in unseren Sechs-Meter-Containern nicht viel, aber wir hatten unsere Sicherheit. Ich verstehe nicht, warum man uns dem Risiko mit den kranken Menschen aussetzt. Das geht nicht. Es gibt doch so viel Platz anderswo, in Spielhallen oder Hotels. Wir haben große Angst, selbst krank zu werden, oder dass die ganze Unterkunft unter Quarantäne gestellt wird", so der Asylbewerber.

Auf ein Wort: Nur in der Theorie einleuchtend

Die jetzt beschlossene Praxis des Landkreises Harburg, coronainfizierte Flüchtlinge an zentralen Plätzen zusammenzuziehen, ist höchst zweifelhaft. Zum einen ist die Trennung von Infizierten und nicht Infizierten schwer zu kontrollieren, zum anderen macht es Flüchtlinge zu Menschen zweiter Klasse, weil sie anders behandelt werden als ihre deutschen Mitbürger.
In der Theorie mag es einleuchtend sein, infizierte und nicht infizierte Flüchtlinge in weitläufigeren Unterkünften voneinander zu trennen. In der Praxis ist das, und das zeigen die Beispiele aus Buchholz deutlich, de facto nicht kontrollierbar.
Warum werden andere mit Corona infizierte Bürger daheim in Quarantäne gesteckt, Flüchtlinge aber nicht? Ja, anderen Bürgern steht mehr Platz zur Verfügung. Aber gerade die Enge in den Flüchtlingsunterkünften muss doch dazu führen, dass diese nach dem Auftreten eines Coronafalls sowieso komplett unter Quarantäne gestellt werden. Oder habe ich da bislang etwas falsch verstanden, Landrat Rempe? Oliver Sander

Autor:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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