nw/tw. Buchholz. Der Verein Kammermusik in Buchholz (KIB) veranstaltet ab Oktober wieder klangvolle Konzerte am Albert-Einstein-Gymnasium in Buchholz. Um die Hygieneauflagen zu erfüllen und trotzdem vielen Zuhörern den klassischen Kammermusikgenuss zu ermöglichen, werden alle fünf Saisonkonzerte zweimal gespielt. Auf dem Programm steht dieses Jahr die ganze Bandbreite der Musik der letzten 250 Jahre. Weitere Infos unter www.kammermusik-buchholz.de.
Was die Corona-Krise für die Musiker bedeutet und welche Wege zurück in den Konzertsaal führen, erläutert im Interview mit dem WOCHENBLATT Michael Dorner, erster Vorsitzender der KIB. Er ist zudem selbst Konzertpianist und als Dozent an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar in der Begabtenförderung am dortigen Hochbegabtenzentrum Musikgymnasium Schloss Belvedere tätig.

Wochenblatt: Auf Konzerte mussten Besucher monatelang verzichten, als Zuhörer ist dies leichter zu verkraften, was bedeutete die Corona-Krise aber für die Musiker?
Michael Dorner: Für Musiker hängt es davon ab, in welchem Genre sie tätig sind. In der Klassik bedeuten Absagen für Selbstständige einen harten Einschnitt. Wenn jemand das Glück hat, an einer staatlichen Institution, wie einer Hochschule, Konservatorium oder einer städtischen Musikschule tätig zu sein, hat es sie oder ihn wohl weniger getroffen. Die Selbstständigen haben wirklich Einkommensausfälle in großem Maße hinnehmen müssen.

Wochenblatt: Was bedeutet es für einen Musiker, nicht live spielen zu dürfen?
Dorner:: Das ist insofern nicht so leicht hinzunehmen, da wir Musiker sehr darauf konzentriert sind, in Form zu bleiben - das ist wie im Sport. Wenn wir keine Auftrittsmöglichkeiten haben, muss man große Disziplin aufbringen und man fühlt sich dann auch minderwertig oder nicht gebraucht, was für die Psyche eine große Rolle spielt. Man muss versuchen, sich selbst Ziele zu setzen in der Zeit wo man keinen Konzertsaal sieht, um am Ball zu bleiben. Ich habe selbst mit Orchestermusikern von den Hamburger Philharmonikern gesprochen, die nicht spielen durften, dass es für sie einen großen inneren Einbruch gab, obwohl sie finanziell abgesichert waren.

Wochenblatt: Gibt es Besonderheiten in der Klassik, die Musiker aus der Pop-Welt nicht so hart treffen?
Dorner: Das würde ich doch sagen, da die Pop-Welt eher mit den modernen Medien vernetzt ist und auch davon lebt. Die Klassik-Welt ist auf den Live-Auftritt, auf die reale Präsentation angewiesen.
Wochenblatt: Wer trägt die Kosten eines abgesagten Konzerts?

Dorner: Die Kosten trägt in erste Linie der Veranstalter, aber es kommt darauf an. Die Musiker wurden zum großen Teil auch nicht bezahlt. Wenn ich nicht spiele, bekommen ich keine Gage - das ist vollkommen klar. Die Veranstalter haben Säle gebucht, haben Unkosten, die sie teilweise nicht einfach so absagen können. Und eine Konzertveranstaltung ist ja nicht nur von den Musikern und vom Publikum abhängig, sondern auch von der ganzen Organisation drum herum: Agenturen, Ticketverkauf, Garderobe, Reinigungskräfte, Wachmänner, etc. Da hängen viele Jobs dran.

Wochenblatt: Der Besuch von Live-Konzerten gehörte für viele Menschen zum Kanon ihrer sozialen Aktivitäten, denken Sie dass dies nach dem Ende aller Einschränkungen wieder so sein wird?
Dorner: Ich hoffe es. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Nachwirkungen der Corona-Krise noch weithin bis ins nächste Jahr, wenn nicht bis ins übernächste Jahr hineinspielen werden.

Wochenblatt: Es gab staatlichen Hilfen für Unternehmen und Selbstständige. Bei Musiker ist das Einkommen häufig eine Mischung aus Auftritten und anderen Jobs. Gab es Hilfen, die sich speziell an Musiker oder andere Künstler gerichtet hat?
Dorner: Es gab diese Programme von den Bundesländern für Freiberufler, darunter fallen auch Privat - Musiklehrer und Musiker, die nur von ihren Auftritten leben. Ich kenne auch Musiker, die Hilfen bekommen haben, ich kenne aber auch welche, da hat es nicht geklappt. Leute, die bei Institutionen angestellt sind, wie z. B. staatliche Musikschulen, die nach dem TVÖD-Verträgen bezahlen, waren eher nicht betroffen, da es dort teilweise Kurzarbeit gab. Die privaten Musikschulen und kleineren Musikschulen konnten sich glücklicherweise, soweit ich weiß, auf weiter gezahlte Beiträge stützen.

Wochenblatt: Die Corona-Krise hatte in vielen Bereiche, z.B. in der Arbeitswelt beim Thema Home-Office, auch katalytische Wirkung. Sehen sie neuen Entwicklungen in der Klassik-Welt, die durch die die Krise gefördert werden?
Dorner: Ganz klar. Besonders in den neuen Medien, ob es jetzt YouTube, oder Spotify oder Facebook ist. Da haben ganz viele Musiker die Initiative ergriffen und vom Wohnzimmer aus Aufnahmen gemacht und ins Netz gestellt. Die mediale Vernetzung hat einen großen Schub nach vorne gemacht. Ob das immer der Qualität der klassischen Musik zugute kommt, weiß ich noch nicht. Denn es mischt sich sehr Vieles. Wenn ich einen Musiktitel bei YouTube eingebe, da spielen dann Leute, die man nicht unbedingt als Konzertagent weiter vermitteln möchte, es sind aber auch Highlights dabei. Die große Bandbreite der Leute, die bisher gar nicht in Erscheinung traten haben plötzlich ein Podium im Internet gefunden. Was die Qualität der Musik, auch im Bezug auf die Kompression auf MP3, betrifft, sehe ich eher eine Minderwertigkeit - ein Massenprodukt, weil ich eben nicht mehr das ganze Hörerlebnis habe, wie ich es im Konzertsaal hätte; das spielt auch eine Rolle, nicht nur die mediale Verbreitung der Person.

Wochenblatt: Sie unterrichten auch am Belvedere Musikgymnasium in Weimar, also junge Menschen, die Profimusiker werden wollen, wie wird dort über die Krise und ihre Auswirkung auf die eigenen Karriereaussichten gedacht?
Dorner: Das sind junge Menschen, die sehr optimistisch sind und sich nicht allzu große Gedanken machen. Einige hat es besonders getroffen, wenn sie z.B. im Bundesjugendorchester spielen, wo die ganzen Arbeitsphasen jetzt erst einmal ausfällt. Das haben die Schüler in der 10. bis 13. Jahrgangsstufe schon gemerkt, dass es nicht mehr so leicht sein wird. Wir wollten auch 3 hochbegabte Musiker für das Sommerfestival zur KIB einladen, die waren sehr enttäuscht, dass sie nicht spielen konnten. Aber im Allgemeinen sind unsere Schüler optimistisch und vertrauen weiter darauf, dass sie ihr Ziel anstreben können, Berufsmusiker zu werden. Hier und da gab es Absagen, haben Leute aufgehört ihre Kindern weiter ans Belvedere zu schicken. Kann sein, das Corona da eine Rolle gespielt hat, ich habe nicht speziell nachgefragt.

Wochenblatt: Die KIB hat ebenfalls insgesamt 4 Konzerte in der letzten Saison vor dem Sommer absagen müssen. Haben sie da schon über alternative Konzepte nachgedacht?
Dorner: Ja sofort, wir hatten Online-Streaming-Konzerte bereits in Planung. Das große Problem war, dass sich die Maßgaben der Politik, auch der kommunalen, sich Woche zu Woche geändert haben, so dass man sich auf gar nichts einstellen konnte. Uns war klar, dass mindestens der Sommer ausfällt. Wir wollten ein kleines Sommerfestival im Sniers Hus machen, hatten auch schon Verträge gemacht, das ist dann leider ausgefallen und das wollen wir nächstes Jahr zum Teil nachholen.

Wochenblatt: Die Konzerte der KIB am Ende Oktober sind jetzt geplant im AEG mit Hygienekonzept und jeweils zwei Konzerten hintereinander, damit möglichst vielen Besucher das Konzert hören können, auch wenn die Platzanzahl durch die Abstandsregelung begrenzt ist. War es schwierig die Musiker zu überzeugen, zweimal zu spielen?
Dorner: Es war nicht schwierig und da spreche ich einen großen Dank an meine konzertierenden Kollegen aus. Ich selber hatte innere Skrupel, die Leute darauf anzusprechen, weil ich weiß was es heißt, zwei Brahms-Sextette oder ein große Klavierquintett oder ein Beethoven-Streichquartett zu spielen. Das ist sehr anstrengend und wir haben doch sehr hochkarätige Leute wieder für die kommende Saison gewinnen können. Ich war dann sehr erstaunt, wie offen man mir bei den Vorschlag, das Konzert zweimal zu spielen, begegnet ist - auch bei den Agenturen. Da stieß ich offene Türen ein und war dann sehr glücklich darüber, dass wir alle regulären Konzerte doppelt spielen können in 2020/21. Wie es dann im Sommer aussieht, wenn wir ein kleines Festival machen, wird man sehen. Auch großen Dank an Herrn Wolff vom Albert-Einstein-Gymnasium, wo die Konzerte der KIB weiterhin stattfinden, der uns sofort einbezog in die Planungen, wieviele Leute wir reinlassen dürfen, etc. Obwohl unter Einhaltung der Abstandsregelungen mehr möglich wäre haben wir uns auf 115 Personen für jede Veranstaltung/Konzert begrenzt. Bei der KIB haben wir pro Konzert zwei Termine: Einmal 17 Uhr, einmal 20 Uhr. Ich habe von den Agenturen, den Musikern und dem AEG bisher nur Hilfe bekommen. Die Überlegung, dass wir wieder Konzerte veranstalten fußt aber nicht nur darauf, dass die Musiker bereit sind zweimal zu spielen, sondern auch auf der Treue und der großartige Unterstützung, die wir immer wieder durch unsere Mitglieder erfahren haben. Wir haben ein tolles Publikum, wir haben tolle Mitglieder und da vertrauen wir darauf, dass wir trotz Corona volle Haus haben und weiter spielen können.

Wochenblatt: Was erwartet uns in der Saison 2020/21?
Dorner: Musikalische haben wir alles von Barock bis zur Moderne. Hochkarätige Ensembles in der verschiedensten Besetzungen - auch ein Newcomer-Ensemble mit den Baumbach-Schwestern. Wir haben etablierte, die immer wieder nachgefragt werden wie das Mandelring-Quartett oder das Trio Kopenhagen, die schon bei der KIB zu Gast waren. Wir haben das Eröffnungskonzert mit einem sehr jungen Streichquartett - Eliot - plus Bettina Kessler, Cello und Liisa Randalu, Violine - eine seltene gespielte Besetzung, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Wenn die Saison gut verläuft, werden wir im Zuge des Sommerfestivals ein Kinderkonzert für Kinder ab 5 Jahren - eine Neuheit bei der KIB - und ein Freiluftkonzert am Sniers Hus veranstalten. Wir sind glücklich überhaupt weitermachen zu können, denn ich weiß von einigen Veranstalter - auch aus Niedersachsen - die gar nicht spielen. 2021/22 möchten wir dann auch teilweise die Musiker verpflichten, die 2020 ausgefallen sind.

Autor:

Tamara Westphal aus Buchholz

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