Abbruch oder Fortsetzung?
Fußball: Kreisverband Harburg und Vereine üben Kritik am Niedersächsischen Fußballverband

Mit dem Kopf durch Wand? Viele Vereine glauben, dass der NFV die Fortsetzung der Saison unbedingt durchsetzen möchte
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  • Mit dem Kopf durch Wand? Viele Vereine glauben, dass der NFV die Fortsetzung der Saison unbedingt durchsetzen möchte
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Am heutigen Samstag rollt wieder der Fußball: 1. und 2. Bundesliga dürfen trotz Corona-Krise wieder trainieren und auf Punktejagd gehen. Unumstritten ist der Start nicht. Kritiker werfen der Liga vor, dass die Gesundheit der Spieler zu Gunsten wirtschaftlicher Interessen geopfert wird. Im Vergleich zu den Profis, die immerhin schon seit Wochen wissen, dass sie wieder kicken dürfen, hängen viele tausende Amateur-Fußballer in Niedersachsen in der Luft.

(mum). Seit Beginn der Krise gelingt es dem Niedersächsischen Fußballverband (NFV) nicht, eine Entscheidung zu treffen. Soll die Saison beendet oder fortgesetzt werden? Und welche Konsequenzen würde diese Entscheidung mit sich bringen?
Jetzt überraschte der NFV die Vereine in Niedersachsen mit einer Abstimmung. Vier Möglichkeiten stehen zur Auswahl:

  • Variante 1: Saisonabbruch 2019/20 mit Auf- und Abstieg nach Quotienten-Regelung (der Quotient ist das Ergebnis der erreichten Punkte geteilt durch die Anzahl der ausgetragenen Spiele)
  • Variante 2: Saisonabbruch nach Quotienten-Regelung mit Aufstieg, aber ohne Abstieg
  • Variante 3: Saisonabbruch durch Annullierung (Kein Auf- und Abstieg)
  • Variante 4: Fortsetzung des Spieljahres 19/20, wenn ein Spielbetrieb wieder möglich ist.

Viele Vereine und auch ganze Kreisverbände werfen dem Vorstand nun Manipulation vor. Denn ob die Saison fortgesetzt werden soll, wurde bereits abgestimmt und mehrheitlich abgelehnt. Was steckt hinter der erneuten Abstimmung?

Mieses Spiel des NFV?

Ende April hatten sich die Vereine bereits in einer Umfrage des Niedersächsischen Fußballverbands (NFV) für den Abbruch der aktuellen Saison ausgesprochen. Von den rund 2.600 Vereinen gaben 1.649 ihre Stimme ab. Davon votierten 448 für den Vorschlag des NFV-Verbandsvorstandes, die Saison fortzusetzen. 1.119 Klubs sprachen sich dagegen aus, 83 Klubs enthielten sich. Im Kreisverband Harburg stimmten 19 Vereine gegen eine Fortsetzung der Saison im Jugend- und Amateurbereich ab Spätsommer. Weiterhin gab es 14 Ja-Stimmen und zwei Enthaltungen.
Dass die Variante "Fortsetzung der Saison" nun wieder vom NFV zur Diskussion gestellt wird, sorgt für Kritik. "Wir haben kein Verständnis, dass diese Variante nochmal als Möglichkeit genannt wird", sagt Frank Dohnke, stellvertretender Vorsitzender des Harburger Kreisverbands. Die Vereine hätten sich niedersachsenweit mit deutlicher Mehrheit für den Abbruch der Saison entschieden. "Für uns entsteht der Eindruck, dass der NFV durch die Hintertür versucht, doch noch seinen zunächst einzigen ausgearbeiteten Vorschlag durchzubringen." Dohnke erklärt seine Vermutung: "Es könnte nun geschehen, dass sich die Stimmen für die vier Varianten so verteilen, dass es am Ende doch zur Fortführung der Saison kommt." Für den Kreisverbands-Vize verliert der NFV mit diesem Vorgehen weiter an Glaubwürdigkeit. Manfred Marquardt als Vorsitzender des NFV-Kreises Harburg habe dieses auch bei den Videokonferenzen innerhalb des NFV deutlich zum Ausdruck gebracht. Dohnke persönlich favorisiert Variante 2 (Abbruch der Saison mit Aufstieg und ohne Abstieg): "Meiner Meinung bietet diese Variante die größte Gerechtigkeit und die wenigsten Vereine hätten einen Grund zur Klage."

Unterstützung bekommt Dohnke etwa von Ralf Meyke, Obmann des MTV Hanstedt: "Obwohl sich mehr als zwei Drittel der Vereine für einen Saisonabbruch ausgesprochen haben, ist die Fortsetzung der aktuellen Saison für den Verband unerklärlicherweise immer noch eine Option. Für uns kommt nur ein Abbruch in Frage, um vernünftig ab dem 30. Juni die neue Saison planen zu können." Auch beim FC Rosengarten ist man von der aktuellen Entwicklung überrascht. VorstandsmitgliedMatthias Schmidthals: "Wir sind für die Variante des Saisonabbruchs mit Wertung nach der Quotientenregel sowie Auf- und Abstiegen. Die Fortsetzung, die es erstaunlicherweise trotz mehrheitlicher Ablehnung auch wieder in die Abstimmung geschafft hat, lehnen wir unverändert ab." Auch beim Buchholzer FC setzt man sich für einen Abbruch mit Auf- und Abstieg nach Quotientenregelung ein. BFC-Vorsitzender Klaas Jensen: "Es sind schon fast 70 Prozent der Saison gespielt und somit spiegelt der Tabellenstand einen gewissen sportlichen Stand wider." Variante 1 scheint laut Jensen am dichtesten an einer realen Saison zu sein (Auf- und Abstieg) und erfordere keine großen Änderungen. "Uns wundert allerdings, dass die Variante 4 wieder auftaucht, da diese ja von den Vereinen bei der Abstimmung der Kreise mehrheitlich abgelehnt worden ist."

Aber es gibt auch Befürworter der NFV-Position. Der TSV Elstorf etwa spricht sich für die Fortsetzung der Saison aus. Thomas Reichling (Jugendobmann) und Nils Gosebeck (Herrenobmann) haben eine Stellungnahme in Umlauf gebracht. Dort heißt es: "Aus unserer Sicht kann die Saison nur durch die Fortsetzung sportlich fair beendet werden. Auch wenn es dann zu keiner oder einer verkürzten Saison 2020/21 kommt." Die Elstorfer werfen eine Frage auf: "Wer weiß denn heute, ob überhaupt im September mit der neuen Saison gestartet werden kann? Sollte eine zweite Corona-Welle auftreten, wird dies nicht der Fall sein und wir stehen dann vor der zweiten Saison, die dann eventuell auch nicht komplett gespielt werden kann."
Wie geht es jetzt weiter? Spätestens am 27. Juni soll ein Verbandstag stattfinden, auf dem die finale Entscheidung getroffen wird. Kommt es dann tatsächlich zu einer Fortsetzung der Saison, könnte der Ball laut NFV-Plan zwischen dem 15. August und dem 1. September wieder rollen.
Am heutigen Samstag findet eine Videokonferenz der 33 Mitgliedsverbände statt. Vielleicht gelingt es, die Hängepartie noch zu verhindern.
• Natürlich respektiere man, dass die überwiegende Zahl der Fußballvereine die Saison abbrechen will, erklärte NFV-Sprecher Manfred Finger auf WOCHENBLATT-Nachfrage. Man müsse aber berücksichtigen, dass 1.000 der 2.600 Vereine am erhobenen Meinungsbild nicht beteiligt waren. Zudem könne man davon ausgehen, dass auf dem Verbandstag einer der Vereine, die die Saison fortsetzen wollen, einen entsprechenden Antrag stellen werde. Finger: "Wir können keinen Antrag zu einer Variante von vornherein ausschließen - auch nicht weitere Abbruchszenarien als die derzeit geclusterten drei."

Kommentar
Der Wunsch der Vereine wird ignoriert
Auf den ersten Blick mag es von NFV-Präsident Günter Distelrath fair sein, die Möglichkeit einer Saison-Fortsetzung wieder auf das Tapet zu bringen. Doch Distelrath ignoriert dabei, dass er über diese Option längst abstimmen ließ. Die Mehrheit seiner Mitglieder lehnten diese Variante ab. Sie jetzt erneut abstimmen zu lassen, bedeutet, den Willen der Vereine zu missachten.
Dass der Verband nun die zweite Richtung - den Abbruch - auf drei Optionen verteilt, ist einfach dreist. Entweder der NFV-Chef hat die Übersicht verloren, oder er treibt ein abgekartetes Spiel und will die Fortsetzung der Saison ohne Rücksicht durchsetzen.
Bleibt zu hoffen, dass die Vereinsfunktionäre das Verhalten Distelraths durchschauen und ihm einen Strich durch die Rechnung machen. Das würde für "Fair Play" stehen. Abgestimmt werden muss dann immer noch - allerdings nur über die Folgen eines Abbruchs.
Ein trauriges Bild gibt in diesem Zusammenhang auch der Deutsche Fußball Bund (DFB) ab. Viele Diskussionen hätten durch eine generelle Entscheidung aus Frankfurt vermieden werden können.
Sascha Mummenhoff

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Autor:

Sascha Mummenhoff aus Jesteburg

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