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"Die Probleme werden einfach ausgesessen"

Tierheimleiterin Melanie Neumann ist eine von wenigen Personen, zu denen "Al Capone" Vertrauen aufgebaut hat (Foto: Tierheim Buchholz)
 
Will die Kosten eintreiben: Rolf Schekerka (li.), hier mit Tierheim-Mitarbeiter Marenglen Pisha (Foto: archiv)

Streit um Hund "Al Capone" eskaliert: Jetzt soll die Polizei für die Unterbringung des Hundes im Buchholzer Tierheim zahlen

os. Buchholz/Winsen. "Das ist typisch Deutschland. Hier werden die Probleme einfach ausgesessen und niemand fühlt sich verantwortlich!" Rolf Schekerka, Vorsitzender des Tierschutzvereins Buchholz, ist mächtig sauer, vor allem auf die Stadt Winsen. Grund: Die Mitarbeiter des vom Tierschutzverein betriebenen Tierheims in der Nordheidestadt kümmern sich seit mehr als fünf Monaten mit großem Aufwand um den in Winsen sichergestellten Mischlingshund (Staffordshire Bulldog / Dogo Argentino) "Al Capone". Die Kosten hat bislang aber allein der Tierschutzverein getragen.
Alle Bemühungen von Schekerka und dem Schatzmeister des Tierschutzvereins, Michael Frühauf, die Kosten in Höhe von 5.279 Euro bei der Stadt Winsen einzutreiben, scheiterten bislang. Grund: Die Stadt Winsen fühlt sich nicht für "Al Capone" verantwortlich, da er kein Fundhund sei. Zudem habe die Polizei nicht in ihrem Auftrag gehandelt. An den Eigentümer des Mischlings kommt niemand heran: Er ist nirgends gemeldet, er soll als Obdachloser in Hamburg leben.
Der Tierschutzverein hat in seiner Not jetzt eine Rechnung an die Polizei in Winsen geschrieben, die "Al Capone" im April sichergestellt und mit Hilfe von Kollegen aus Buchholz in die Nordheidestadt transportiert hat. "Ich habe es erst nicht glauben wollen, als mir ein Anwalt sagte, dass ich notfalls die Polizei verklagen muss, um unsere Kosten ersetzt zu bekommen", kritisiert Rolf Schekerka. Er fühle sich unwohl dabei, die Polizei habe wahrlich andere Sorgen.
Wilfried Haensch, Leiter des Polizeikommissariats in Winsen, sieht die Stadt Winsen in der Pflicht, für die Unterbringungskosten von "Al Capone" aufzukommen. Die Stadt sei die klassische Abwehrbehörde, die Polizei helfe bei der Lösung der Probleme. "Das ist z.B. so, wenn aus einem Auto Öl ausläuft. Analog haben wir das mit dem Hund gesehen", so Haensch. Man habe das Tier aus einer Gefahrenlage befreien müssen. "In einer ähnlichen Situation müssten wir wieder genauso handeln", betont Wilfried Haensch. Wenn die Polizei nicht tätig werde und einem Menschen durch einen aggressiven Hund etwas zustößt, "stehen wir mit einem Bein im Gefängnis". Wenn die Polizei für die Kosten aufkommen müsse, werde das ein Loch in den Haushalt schlagen. Die Polizeikommissariate verfügen über einen eigenen Etat, um die laufenden Kosten zu tragen, u.a. Heizung und Pkw. Zwischen der Stadt Winsen und der Polizei hat es bereits Gespräche gegeben. "Wir haben der Polizei unsere Auffassung mitgeteilt", erklärt Winsens Stadtsprecher Theodor Peters. Heißt: Die Stadt wird für die Unterbringungskosten nicht aufkommen.
Derweil versucht Tierheim-Leiterin Melanie Neumann, "Al Capone" Schritt für Schritt in ein besseres Leben zu führen. "Unsere Aufgabe ist es, ihm Sicherheit zu vermitteln, sodass er Vertrauen zu Menschen fassen kann", erklärt Neumann. Man nehme an, dass der Hund massiv verprügelt wurde. In den vergangenen Monaten habe sich "Al Capone" gut gemacht, es bedürfe aber weiterer großer Bemühungen. Diese will Melanie Neumann gerne aufwenden: "'Al Capone' ist ein toller Hund!"
Gerne würden Neumann und Schekerka den dreijährigen Mischlingsrüden kastrieren lassen. "Wir dürfen aber nichts unternehmen, weil wir nicht die Eigentümer sind", erklärt Schekerka. Und der Eigentümer ist offiziell nicht auffindbar...

AUF EIN WORT

Stadt Winsen ist in der Verantwortung

Die Vogel-Strauß-Taktik der Stadt Winsen ist das Schlechteste, was in der verfahreren Situation geschehen kann. Schon jetzt hat der Fall nur Verlierer hervorgebracht: den Tierschutzverein, der einen Hund bekommt aus einer Stadt, mit der er - im Vergleich zu anderen Gemeinden im Landkreis Harburg - keinen Vertrag geschlossen hat. Die Polizei, der die Zahlung von mehr als 5.000 Euro droht, obwohl sie nur ihre Arbeit gemacht hat. Und die Stadt Winsen, die den Eindruck erweckt, ihr sei es herzlich egal, was in ihren Stadtgrenzen geschieht.
Alle Beteiligten müssen schleunigst an einen Tisch, um das Problem zu lösen. Für mich ist die Stadt Winsen in der Verantwortung. Wenn sie selbst nicht zahlen will, muss sie stattdessen alle Anstrengungen unternehmen, den Eigentümer von "Al Capone" ausfindig zu machen. Dass jemand einfach abtaucht und unauffindbar ist, halte ich für abwegig.
Ebenso wichtig ist es, dass sich alle Beteiligten Gedanken machen, wie in einer ähnlichen Situation zu verfahren ist. Wie groß wäre wohl der Aufschrei, wenn sich der vor Ort eintreffende Polizist in seiner verzweifelten Lage entschließt, den Hund zu erschießen? Soweit darf es die Stadt Winsen nicht kommen lassen. Bürgermeister Wiese, übernehmen Sie Verantwortung!
Oliver Sander