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Wie lang ist der DDR-Schatten?

Gedanken zum 28. Tag der Deutschen Einheit

AUF EIN WORT

"Am 31. Dezember 2018 ist Deutschland länger vereint, als Mauer und Stacheldraht es getrennt haben. Das hat vielen ins Bewusstsein gerufen, dass Ostdeutschland aus dem langen Schatten der DDR-Vergangenheit herausgetreten ist." So beginnt der aktuelle Jahresbericht der Bundesregierung zur Deutschen Einheit, den das Wirtschaftsministerium jüngst federführend herausgebracht hat. Doch wie weit ist Ostdeutschland tatsächlich aus dem Schatten der DDR-Vergangenheit herausgetreten? Diese Frage stellt sich gerade jetzt besonders: Am heutigen Mittwoch, 3. Oktober, jährt sich die Wiedervereinigung der deutschen Staaten zum 28. Mal. Die Vorkommnisse in Chemnitz haben jüngst gezeigt: Die Gräben zwischen West und Ost sind noch immer vorhanden.
Dass sich die Lebensverhältnisse in den ostdeutschen Ländern an diejenigen in Westdeutschland angenähert haben, z.B. bei der Infrastruktur, den Wohnverhältnissen oder in der Gesundheitsversorgung, ist unbestritten. Das ist allerdings das Minimum, was man von der Wiedervereinigung erwarten konnte. Wer aber hinter die Kulissen schaut, der merkt, dass es trotz des vermeintlichen Wohlstandes gerade bei den Menschen im Osten Deutschlands gärt. Hier kommt die menschliche Komponente ins Spiel: Mit dem Zusammenbruch der DDR haben viele Ostdeutsche eine Zäsur erlebt, die schwer zu verarbeiten war. Die zum Teil jahrzehntelange Sozialisierung und das Denken von einem Tag auf den anderen zu ändern, ist so leicht eben nicht. Und die Sozialisierung sorgt dafür, dass viele Menschen in Ostdeutschland ein feines Gespür dafür haben, wann ihnen von den Oberen Geschichten erzählt werden. Einheit ist eben, wenn alle Menschen die gleichen Chancen haben. Haben sie in Deutschland aber nicht: Noch immer verdienen Ostdeutsche schlechter als Westdeutsche, sind die Renten in Sachsen im Schnitt niedriger als z.B. in Niedersachsen. Dass 28 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch von den "neuen Bundesländern" geredet wird, ist für mich sinnbildlich für die fehlende Einheit.
Für mich ist der Tag der Deutschen Einheit trotzdem ein Feiertag. Ich habe beide deutschen Staaten hautnah kennengelernt und eine Zwei-Staaten-Lösung ist definitiv kein Modell für die Zukunft. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es bis zur "wirklichen" Einheit noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte brauchen wird. Die Nagelprobe kommt im kommenden Jahr: 2019 ist das letzte Jahr, in dem Mittel aus dem Solidarpakt II in die ostdeutschen Länder fließen wird. Danach sehen wir, ob das Miteinander gefestigt oder fragil ist. Oliver Sander