(tk). Die rassismuskritischen Wochen im März, getragen von einem breiten Bündnis von vielen Akteuren aus dem Kreis Stade, sind zu Ende. Das WOCHENBLATT hat bei Dr. Dunja Sabra und Anna-Lena Passior, die zum Organisationsteam gehören, nach ihren Erfahrungen gefragt.

Welches Fazit ziehen Sie nach den Onlineveranstaltungen und der Rassismus-Serie im Wochenblatt?
Anna-Lena Passior: „Ich bin sehr dankbar für das starke Bündnis, das sich zusammengefunden hat. Wir können nur gemeinsam über Veränderungen und eine neue Gestaltung unserer Gesellschaft reden. Dieses Gemeinsame ist in dem letzten Monat sehr deutlich geworden.

In der Rassismus-Serie im Wochenblatt haben von Rassismus betroffene Menschen Alltagsrassismus auch bei uns im Landkreis Stade sichtbar gemacht.

Die Veranstaltungen waren alle sehr gut besucht und es gab viele positive Rückmeldungen. Leider waren einige Workshops so ausgebucht, dass manche Menschen auf der Warteliste standen – eine Wiederholung würde sich also auf jeden Fall lohnen."

Dunja Manal Sabra: „Mein Fazit fällt positiv aus. Die bemerkenswerte Resonanz und das positive Feedback zeigen, dass sowohl die Veranstaltungen als auch die Artikel im Wochenblatt wahrgenommen wurden. Das heißt, dass Leser und Teilnehmer an den unterschiedlichen Veranstaltungen sich mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben. Und genau das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Für die meisten Menschen in dieser Gesellschaft ist Rassismus kein Thema, weil sie einfach nicht davon betroffen sind. Also liegt es an denjenigen, die Rassismus und Ausgrenzung erfahren, für diese Problematik zu sensibilisieren."

Haben Sie auch Menschen erreicht, die sich mit strukturellem Rassismus bisher noch nicht beschäftigt haben?
Anna-Lena Passior: „Weiße Menschen haben das Privileg, sich nicht mit Rassismus beschäftigen zu müssen. Jeder kann das Graffito am Bahnhof in Stade sehen, die Banner an den Kirchen, die Plakate mit den angebotenen Veranstaltungen und die Zeitungsartikel lesen. Sichtbar wurde das Thema „Rassismus“ diesen Monat auf jeden Fall. Doch die aktive Beschäftigung ist etwas, wo sich jeder selbst bewegen muss."

Dunja Manal Sabra
: „Das ist schwer zu sagen. Ich vermute, dass man beim Durchblättern des Wochenblatts eher den Artikel liest, als an einer Veranstaltung teilzunehmen, wenn einen das Thema struktureller Rassismus wenig beschäftigt. Die Möglichkeit, über das Wochenblatt in der Ich-Form direkt zu den Leser zu sprechen, hat die unterschiedlichen Lebensrealitäten und Erfahrungswelten aufgezeigt und die Vielfalt dieser Gesellschaft auf einer persönlich greifbaren Ebene widergespiegelt. Es kamen Menschen zu Wort, die selten gehört werden. Die Tatsache, dass es zwischen Menschen immer Schnittmengen gibt, stellt die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund. Vielleicht müssen wir gar nicht über Rassismus reden. Vielleicht reicht es, weniger Spaltung, Ausgrenzung und Ungleichheit und mehr Einheit, Gemeinschaftsgeist und Solidarität zu fordern. Für alle Menschen in diesem Land.“

Es gibt aktuell ein Ansteigen des Antisemitismus. Ein Thema, das bei den Onlineveranstaltungen nicht vorkam. Ein Fehler?
Anna-Lena Passior: „Mit 'Solidarität.Grenzenlos' verbinden wir ein weites Solidaritätsverständnis – Solidarität mit allen von Diskriminierung betroffenen Menschen. Trotzdem konnten wir leider nicht alle Facetten von Rassismus in den Veranstaltungen behandeln. Es gibt einen antisemitischen Rassismus, jedoch ist Antisemitismus von seiner Geschichte und Wirkfaktoren her auch nochmal ein ganz anderes Thema. Wir würden uns natürlich freuen, wenn es im Landkreis in Zukunft auch nochmal Veranstaltungen zum Thema Rassismus und Antisemitismus geben würde – sehen uns da aber nicht alleine in der Verantwortung.“

Dunja Manal Sabra:
„Die Umsetzung der rassismuskritischen Wochen im März war eine beachtliche Leistung eines Bündnisses mit 16 Mitgliedern, das sehr spontan und kurzfristig aus eigener Kraft und mit begrenzten finanziellen Eigenressourcen eine Veranstaltungsreihe organisiert hat. Die Umsetzung vieler guter Ideen musste daher verschoben werden. Das Gute daran ist allerdings, dass es nicht bei den Aktionen im März bleiben wird. Es werden weitere Veranstaltungen über das Jahr verteilt folgen. Dazu kann auch eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Antiziganismus gehören."

Wie geht Ihre Antirassismus-Arbeit im Alltag weiter, um Veränderung in der Gesellschaft zu bewirken?

Anna-Lena Passior: „Dieser Monat war ein Anstoß, um zu zeigen, dass wir auch im Landkreis Stade ein Problem mit Rassismus haben, und was möglich ist, was auch größtenteils von Ehrenamtlichen auf die Beine gestellt werden kann. Es geht nicht nur um individuelle Lernprozesse, sondern auch um strukturelle Veränderungen, z.B. unabhängige Diskriminierungsmeldestellen, rassismuskritische Auseinandersetzungen. Im Landkreis Stade ist das nicht nur unsere Verantwortung – wir müssen auf allen Ebenen gemeinsam dran arbeiten. Der Start ist getan und wir sind optimistisch, dass neue Lernräume für Antirassismus folgen werden."

Dunja Manal Sabra: „Immer dann, wenn Vertreter von Minderheiten und der Mehrheitsgesellschaft sich begegnen und austauschen, verschieben sich Grenzen und erweitern sich Perspektiven. Auch das ist Antirassimus-Arbeit im Alltag. Wir dürfen nicht aufhören, auch unangenehme Diskussionen zu führen und über Themen zu sprechen, die uns alle emotional bedrücken. Das ist eine langfristige Aufgabe, die viel Geduld und einen langen Atem benötigt."

Dr. Dunja Sabra
Anna-Lena Passior
Autor:

Tom Kreib aus Buxtehude

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Blaulicht
Polizeikommissar Laurin Maier kontrollierte auch das Pedelec von Fritz Koch und sprach mit ihm über Diebstahlsicherung
2 Bilder

Bundesweite Kontrolle
Radfahrer sollen "sicher.mobil.leben"

(bim). Immer wieder appelliert der Allgemeinde Deutsche Fahrradclub (ADFC) an die motorisierten Verkehrsteilnehmer, auf den Schutz von Radfahrern und die einzuhaltenden Abstände zu achten. Radfahrer haben auch immer wieder mit auf Radfahrstreifen parkenden oder haltenden Lieferfahrzeugen oder Pkw zu kämpfen. Aber es gibt auch echte Rüpel-Radfahrer, die Autofahrer zur Verzweiflung bringen, ohne zu gucken über den Zebrastreifen "kacheln" oder rote Ampeln umfahren. Um beide Seiten für eine...

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen