Die Buxtehuder Stadtteileltern mahnen: Bei Integration nicht nachlassen
"Hier geboren, aber kaum deutsche Freunde"

Die "Stadtteileltern" egangieren sich in Buxtehude für eine gelingende Integration. Sie mahnen an, dass die Anstrengungen dafür nicht nachlassen dürfen
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tk. Buxtehude. Die "Stadtteileltern" in Buxtehude, die sich seit vielen Jahren für Integration in der Hansestadt einsetzen, sind zum zweiten Mal mit einem Preis des Wettbewerbs "Aktiv für Toleranz und Demokratie" ausgezeichnet worden. Die mit 3.000 Euro dotierte Auszeichnung gab es für die Fülle an Projekten und Angeboten, die von 2014 bis heute dabei helfen, Menschen aus anderen Ländern in Buxtehude eine Heimat zu schaffen, Barrieren abzubauen und interkulturelle Verständigung voranzubringen. "Wir wollen nicht in einem guten Licht erscheinen, sondern die Auszeichnung nutzen, um andere zum Nachmachen aufzufordern und das Thema Integration wieder stärker in den Fokus zu rücken", sagt Dr. Dunja Sabra, die zu den Gründerinnen der "Stadtteileltern" gehört. Sie betont: "Wir dürfen nicht locker lassen." Wer denke, dass Starthilfe ausreiche, der irre sich gewaltig.

Das WOCHENBLATT hat das letzte Treffen der "Stadtteileltern" vor Weihnachten besucht. Auf der einen Seite ist das eine gemütliche und sympatische Runde von Mehrheimischen* und in Deutschland geborenen Buxtehudern. Auf der anderen Seite wird beim Gespräch mit den Besucherinnen und Besuchern jedoch deutlich: Um von wirklicher Integration zu sprechen, muss noch ein ziemlich langer Weg zurückgelegt werden. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür: Mehrere Mütter aus dieser Runde berichten, dass ihre Kinder fast nur Freundinnen und Freunde unter mehrheimischen Kindern haben. Dass Klassenkameraden aus einheimischen Familien zu Besuch kämen, sei bei vielen eine absolute Ausnahme. Eine Mutter: "Meine Tochter wurde hier geboren, deutsche Freunde hat sie kaum."
Die Situationsbeschreibung wird von denen geteilt, die sich ehrenamtlich engagieren. Kita und Schule müssten hier noch mehr leisten. "Wir müssen die Menschen noch besser  zusammenbringen", sagt Ingrid Smerdka-Arhelger. "Wir dürfen in unseren Bemühungen nicht nachlassen", ergänzt Dunja Sabra. Ein Projekt, das die "Stadtteileltern" 2020 daher angehen wollen: Mit den Buxtehuder Schulen und deren Leitungen ins Gespräch zu kommen, um zu klären, wo der Austausch verbessert werden und wie die  Gruppe dabei helfen kann. Luca Jäger, der als FSJler Deutschunterricht erteilt: "Wenn wir alle miteinander ins Gespräch kommen, entwickelt sich vieles von selbst."

Einig sind sich alle in der Runde, dass Kommunikation - und für Mehrheimische vor allem Deutschkenntnisse - der zentrale Schlüssel zur Integration sind. Niemand lache, wenn Menschen Fehler beim Sprechen machen, berichten alle bei dem Treffen.  "Wir müssen die Angst nehmen", sagt Laila Al-Sayed. Es sei ein großer Erfolg, wenn sich beispielsweise Frauen, die noch nicht lange in Deutschland leben, vieles zutrauen, weil sie sich verständigen können. "Die positiven Vorbilder, wie das funktioniert, sitzen hier", sagt Dunja Sabra mit Blick auf einige ihre Mitstreiterinnen.

Es seien oft "1.000 Kleinigkeiten", um die sich Ehrenamtliche kümmern müssten. "Um halbwegs anzukommen, braucht es zwei bis vier Jahre", schätzt Ingrid Smerdka-Arhelger.  Und auch die, die gut angekommen seien und schnell vorankämen, bräuchten weiterhin Unterstützung, so Dunja Sabra. Etwa beim Schreiben von Bewerbungen.  

Ein Thema, mit dem sich die "Stadtteileltern" intensiv befassen wollen, reicht weit über Buxtehude hinaus, denn es geht um Bildungspolitik - und die ist Ländersache. Es fehle Unterricht in den Muttersprachen der Schüler. Es sei wissenschaftlich nachgewiesen, dass Unterricht in der Herkunftssprache dabei helfe, Deutsch zu lernen. Zudem helfen Sprachkenntnisse auch dabei, Radikalisierung - etwa mit einem islamistischen Hintergrund - vorzubeugen. Wer Texte selber lesen könne, brauche nicht eine fehlgeleitete Interpretation durch Dritte. "Wenn wir so etwas wie Unterricht in den Muttersprachen fordern, dann sind wir keine Spinner, sondern Menschen, die die Probleme an der Basis erleben", sagt Dunja Sabra.

Wenn Integration immer so funktionieren würde wie bei den "Stadtteileltern", dann wäre ein gutes und harmonisches Miteinander beinahe ein Selbstläufer. Weil das nicht so ist, wird die ehrenamtliche Arbeit in dieser und anderen Gruppen noch lange wichtig sein. Es gehe darum zu erkennen, wo Stolpersteine liegen, und dann aktiv zu werden - das ist die Überzeugung bei den Stadtteileltern.

* Die "Stadtteileltern" vermeiden Begriffe wie Flüchtlinge, Ausländer oder Menschen mit Migrationserfahrung. Das seien Wörter, die Ausgrenzung fördern. Die Gruppe spricht daher von Mehrheimischen. Das Wort sei positiv behaftet und erlaube dennoch eine Unterscheidung.
• Mehr über die "Stadtteileltern" und ihre Projekte unter www.willkommen-vielfalt.de/.

Autor:

Tom Kreib

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