Pflegenotstand: Insider packen aus

Gute Pflege, egal ob im Krankenhaus oder in einem Seniorenheim, braucht Zeit und eine 
ausreichende Honorierung Foto: AOK Medienservice
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Der Inhaber eines ambulanten Pflegedienstes: "Fehlende Fachkräfte sind nur ein Problem in der Pflege. Ich bekomme nicht einmal genügend Hilfskräfte." Dieser Pflegedienst musste daher schon Kunden ablehnen. "Wie andere auch", sagt der Mann. Was den Experten vor allem aufregt: Regeln, die in Niedersachsen gelten, in anderen Bundesländern nicht, und die für ihn sinnfrei sind. Beispiel: Eine Pflegehilfskraft darf nur dann die Tabletteneinnahme überwachen oder Kompressionsstrümpfe wechseln (das sind Leistungen aus dem Bereich der Krankenpflege), wenn sie beim selben Patienten auch Pflegedienstleistungen wie etwa Waschen vornimmt. Ist Waschen nicht vorgesehen, darf die Krankenpflege nicht erfolgen. In Nordrhein-Westfalen würden Pflegehilfskräfte mit einer Schulung qualifiziert und diese Regel entfällt.

Außerdem reichen die festen Sätze, die die Pflegekassen zahlen, in vielen Fällen kaum. Beispiel 1: "Wir leben in einer ländlichen Region und die Anfahrt zu den Klienten ist mitunter weit." Pro Hin- und Rückfahrt zahlen die Kassen 4,04 Euro. Darin sind die Kosten für Benzin, Kfz-Versicherung, Wiederbeschaffung eines Fahrzeugs und die Arbeitszeit der Mitarbeiter enthalten. "Dass das nicht kostendeckend sein kann, sieht jeder."
Beispiel 2: Für die Überwachung der Medikamenteneinnahme gibt es exakt 3,44 Euro. Wenn es schnell geht, ist das auskömmlich. "Die Praxis sieht in der Regel anders aus, weil es sich häufig um demente Patienten handelt."  Statt einer gingen oft zehn Minuten ins Land und dokumentiert muss der Einsatz natürlich auch werden - Vorschrift!
"Es wird Zeit, dass sich endlich ein Politiker hinstellt und ehrlich sagt, dass wir für Pflege deutlich mehr bezahlen müssen", sagt der Leiter eines Seniorenheims. Er macht eine einfache Beispielrechnung auf: Wer während seines Berufslebens jeden Monat 100 Euro in die Pflegekasse zahle und im Alter 20 Jahre 3.000 Euro für Pflege oder Heim benötige, sei Lichtjahre davon entfernt, die Kosten auch nur ansatzweise zu decken. Dem System Pflege fehle es insgesamt an Mitteln. Daher sei die vollmundige Ankündigung, dass die Jobs besser bezahlt werden sollen, unehrlich. "40 bis 60 Prozent aller Pflegeheimwohner in Deutschland beziehen heute schon Sozialleistungen, um die Unterbringung zu finanzieren." Sprich: Neben den Pflegekassen bezahlen in steigendem Maße die Kommunen. Wer einem Mitarbeiter 100 Euro mehr im Monat zahlen wolle, müsse das auch erwirtschaften. "Die Kassen und Kommunen werden jede deutliche Erhöhung der Pflegesätze ablehnen", so der Heimleiter. Im Schnitt liege die Steigerung der Pflegesätze in Niedersachsen bei 1,4 bis 1,6 Prozent im Jahr.

Dass es in der Pflege Probleme gibt, hat nach Ansicht dieses Experten auch damit zu tun, dass es zu viele bürokratische Hürden gibt. Die in Niedersachsen 2017 eingeführte Pflegekammer, dort muss jeder Zwangsmitglied sein, der mit Pflege zu tun hat, bezeichnet der Mann als "überflüssiges bürokratisches Monster." Was ihm mit Blick in die Zukunft auch Sorge bereitet: Die Ausbildung von Alten-, Kranken- und Kinderpflegern soll weitestgehend vereinheitlicht werden. "Leider hat der Beruf des Altenpflegers ein schlechteres Image im Vergleich zum Krankenpfleger. In der Ausbildung werden sich mehr junge Menschen fürs Krankenhaus und gegen das Seniorenheim entscheiden."
Neben deutlich mehr Geld müsse es bundeseinheitliche Regelungen geben. So zahle Hamburg höhere Pflegesätze und schreibe auch keine Zwangsmitgliedschaft in einer Kammer vor. "Für Arbeitnehmer also deutlich attraktiver als beim Nachbarn Niedersachsen."

Ein Krankenhaus-Mitarbeiter aus der Region mit vielen Jahren Berufserfahrung sagt ganz klar: "Wir leiden unter den schlechten Rahmenbedingungen. Krankenschwestern und -pfleger hätten hohe Ansprüche an sich selbst, die sie kaum noch erfüllen können." Ein Grund: Wer heute in die Klinik komme, sei sehr viel kränker als vor einigen Jahren. Die  "leichten Fälle" würden gar nicht mehr aufgenommen. Das bedeutet mehr Pflege pro Patient. "Daher gilt leider oft der Spruch: Hauptsache satt und sauber." Mehr sei zeitlich vielfach nicht machbar. Das führt so großem Frust, dass viele Mitarbeiter gehen. Die durchschnittliche Verweildauer als examinierter Arbeitnehmer in der Krankenhauspflege betrage fünf Jahre. "Bei drei Jahren vorangehender Ausbildung ist das erschreckend kurz."
Der Klinik-Mitarbeiter kritisiert die Ankündigungen aus der Politik, dass alles besser werde als "Blendwerk". Vor einigen Jahren gab es ein auf drei Jahre befristetes Programm, das mit 660 Millionen Euro für mehr Pflegekräfte sorgen sollte. "Das hört sich gewaltig an", sagt der Krankenpfleger. Bezogen auf das Krankenhaus in dem er arbeitet, wäre das eine Stelle mehr gewesen - befristet auf drei Jahre.
"Mitarbeiter schieben Frust"
"Es ist wirklich bitter", sagt der Mann, "früher konnte ich mich stundenlang an des Bett eines Sterbenden ohne Angehörige setzen. Heute geht das wegen des Zeitdrucks in der Pflege nicht mehr."

Autor:

Tom Kreib aus Buxtehude

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