Antibiotika Datenbank: Geheimniskrämerei wie bei NSA-Akten

In der Tiermast werden häufig Antibiotika eingesetzt - das soll sich ändern
3Bilder
  • In der Tiermast werden häufig Antibiotika eingesetzt - das soll sich ändern
  • Foto: Wendt
  • hochgeladen von Tom Kreib

tk. Landkreis. Gleich zwei Ministerien der Bundesregierung, Justiz sowie Landwirtschaft, behandeln die Antibiotika-Datenbank als Geheimsache. Garadezu so, als wären es geheime Kanzlerinnen-Abhörprotokolle der NSA. Das bringt vor allem die Kritiker der industriellen Mega-Mast auf die Palme. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) erklärt im WOCHENBLATT: "Die Geheimniskrämerei des Bundes ist kontraproduktiv." Die Redaktion hat mit dem Ministerium und Experten aus der Region über den Maulkorberlass des Bundes und den eigentlichen Sinn der Datenbank gesprochen.

Darum geht es: Der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Tiermast ist eine der Ursachen für das Anwachsen der Krankheitserreger, gegen die kein Antibiotikum wirkt. An diesen multiresistenten Keimen (MRSA) sterben in Deutschland schätzungsweise 15.000 Menschen jährlich.

Als Reaktion darauf wurde 2014 das Arzneimittelgestz geändert. Bauern, die Masttiere halten, sind per Gesetz verpflichtet, alle sechs Monate den Antibiotika-Einsatz zu melden (siehe Infokasten). Landwirte, die eine bestimmte Kennzahl überschreiten, müssen einen Minimierungsplan vorlegen. Verstöße können geahndet werden.

In Niedersachsen haben 21.000 Betriebe die Daten gemeldet. "Die Meldedisziplin war sehr hoch", so Minister Meyer. Die Ergebnisse, die eigentlich für mehr Transparenz sorgen sollten, will das Bundeslandwirtschaftsministerium nun doch nicht veröffentlichen. Weder auf Politiker- noch Medien-Nachfrage. Die Ergebnisse sollten bis auf Landkreis-Ebene heruntergebrochen werden.

In einem Schreiben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, das dem WOCHENBLATT vorliegt, heißt es: "Nach Auffassung der Bundesregierung dürfen auch statistische Daten (...) die sich auf einen Landkreis oder ein Land beziehen ausschließlich zum Zweck der Überwachung (,,,) verwendet werden. Die Unterrichtung einer interessierten Fraktion in einem Landtag (...) ist nicht zulässig; ebenso die Weitergabe (...) an die Medien oder die allgemeine Öffentlichkeit." Diese Anordnung kann Agrarminister Meyer "nicht nachvollziehen". Bundesminister Schmidt und seine Vorgängerin Aigner (beide CSU) hatten "hoch und heilig Transparenz versprochen".
Harsche Kritik kommt auch von Eckhardt Wendt, Vorsitzender der "Arbeitsgemeinschaft für artgerechte Nutztierhaltung" (AGfaN) aus Stelle. "Hier wird Datenschutz überstrapaziert." Sein treffender Vergleich: "Wer sein Auto nicht zum TüV bringt muss auch damit rechnen, dass es stillgelegt wird." Der Maulkorberlass schütze diejenigen, die sich in einer Grauzone bewegen.

Weil Transparenz neben der Verringerung des Antibiotika-Einsatzes im Stall ein Kern der Gesetzesreform war, nennt das Ministerium in Hannover die Zahlen für Niedersachsen: Von 21.000 erfassten Betrieben müssen rund 6.000 einen Minimierungsplan vorlegen. Besorgniserregend sei der Medikamenteneinsatz besonders in der Putenzucht: Im Durchschnitt bekommt jede Pute jeden dritten Tag ein Antibiotikum. "Diese Daten sind erschreckend", sagt Christian Meyer.

So funktioniert die Antibiotika-Datenbank

Landwirte, die mehr als 10.000 Masthühner, 250 Mastschweine über 30 Kilo, 250 Mastferkel unter 30 Kilo, 20 Mastrinder älter als acht Monate, 20 Mastkälber unter acht Monaten sowie ab 1.000 Mastputen halten, sind per Gesetz verpflichtet, den Antibiotika-Verbrauch in ihren Ställen in die Datenbank einzutragen. Die Daten müssen alle sechs Monate gemeldet werden.
Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat Kennzahlen ermittelt, bei deren Erreichen der betroffene Bauer einen Minimierungsplan für den Antibiotika-Einsatz aufstellen muss. Bei Nichteinhalten drohen Strafen. Weil die Daten aber zum ersten Mal ausgewertet wurden, wurden bislang keine Sanktionen verhängt. Laut einem Artikel in der Fachzeitschrift "Land & Forst" sollen rund ein Viertel aller Betriebe in Niedersachsen den Maßnahmenplan erstellen müssen.
Antibiotika werden in der Tiermast zu einen zur Krankheitsbekämpfung eingesetzt. Weil die Mastzeiten - etwa bei Hähnchen - extrem kurz sind, haben diese Tiere kaum ein eigenes Immunsystem. Außerdem sind bei Hunderten bis Tausende von Masttieren auf einer kleinen Fläche die Gefahr einer Massenepedemie groß. In vielen Fällen wird ein Antibiotikum daher nicht gegen eine bestimmte Krankheit, sondern schon prophylaktisch gegeben. Hinzu kommt, dass das Medikament beim schnellen Wachstum der Masttiere hilft. Bestimmte Darmbakterien werden abgetötet, sodass die Futteraufnahme besser wird. Die "Turbo-Tiere" wachsen schneller.

Landwirtschaftsminister Christian Meyer zum Maulkorberlass

Das Statement von Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) zum Maulkorberlass des Bundes in Sachen Antibiotika-Datenbank im Wortlaut:
„Die Anordnung des Bundeslandwirtschaftsministeriums, die Daten nicht herauszugeben, kann ich nicht nachvollziehen. Erst dann wissen die Landwirte, wo sie im Bundesvergleich beim Antibiotikaverbrauch stehen und ob sie Maßnahmen zur Verringerung des Antibiotika-Einsatzes ergreifen müssen. Die Geheimniskrämerei ist vollkommen kontraproduktiv. Denn das Arzneimittelgesetz sollte ja Transparenz schaffen. Das haben der jetzige Bundesagrarminister Christian Schmidt und seine Vorgängerin Ilse Aigner hoch und heilig versprochen. Herr Schmidt hat ja sogar noch im April die Länder ultimativ aufgefordert, Vollzugsdefizite abzustellen. Da muss er sich schon entscheiden, was er will: Veröffentlichen oder vertuschen? Das Thema ist zu wichtig, um es unter den Teppich zu kehren.
Die Resistenzen gegen den für den Menschen wichtige Antibiotika nehmen zu. Mitverantwortlich dafür sind auch die in den Tierställen eingesetzten Antibiotika. Nicht von ungefähr gelten ja Landwirte in Krankenhäusern sogleich als Risikopatienten zur Übertragung solcher Keime. Hinzu kommt: Die von der Weltgesundheitsorganisation als „Reserveantibiotika“ für den Menschen bezeichnete Gruppe wird auch in Niedersachsens Ställen zunehmend verwendet. Genau diese „harten“ Antibiotika sollten aber dem Menschen vorbehalten bleiben. Jedenfalls dürfen sie keinesfalls zur Kaschierung mangelhafter Haltungsbedingungen in Mastställen eingesetzt werden.“

Autor:

Tom Kreib aus Buxtehude

Panorama
Stramme Waden und äußerst fesche Dirndl: Die WOCHENBLATT-Leser zeigen, dass auch Norddeutsche im zünftigen Oktoberfest-Outfit eine sehr gute Figur machen. Zudem so originell wie dieses „O' zapft is!“-Foto
30 Bilder

Schöner geht es kaum
Das sind die Gewinner der Foto-Aktion im WOCHENBLATT: Zeigt uns eure Waden!

(tw). Was für eine überwältigende Resonanz: Sie, liebe WOCHENBLATT-Leser, haben uns wirklich sehr schöne Fotos von ihren "Wadln" geschickt und sind oftmals sogar extra in Dirndl und Krachlederne geschlüpft. Dies machte die Entscheidung so schwer, dass das WOCHENBLATT-Redaktionsteam den Lostopf aktivierte und die Gewinner daraus zog. Die drei zünftigen Oktoberfestpakete für je drei bis fünf Personen erhalten - - im Landkreis Harburg:  Uwe Kugel aus Buchholz, Maike Häcker aus Holm-Seppensen...

Panorama
"Inspirierender Abend": Auch Empore-Chef Onne Hennecke (li.) war beeindruckt vom Gastspiel des Filmproduzenten, Autors und TV-Moderators Hubertus Meyer-Burckhardt
3 Bilder

Interview mit dem Filmproduzenten, Autor und TV-Moderator
Hubertus Meyer-Burckhardt las in Buchholz aus neuem Buch

ce. Buchholz. "Seine NDR-Talkshow ist eine TV-Instanz wie die Tagesschau und der 'Tatort'": So fulminant kündigte Onne Hennecke, Geschäftsführer des Buchholzer Veranstaltungszentrum Empore, Hubertus Meyer-Burckhardt (64) an, als der dort am Mittwoch aus seinem neuen Buch "Diese ganze Scheiße mit der Zeit - Meine Entdeckung des Jetzt" (ISBN 978-3-8338-7037-8) las. Es war die erste Veranstaltung in der Empore nach halbjähriger Corona-Pause vor - wenn auch reduziertem - Publikum. Eine bei...

Politik
Klaus-Jörg Bossow, Geschäftsführer der kreiseigenen Rettungsdienstgesellschaft

Einstimmiger Beschluss
Unterversorgt: Landkreis Harburg will zusätzlichen Notarzt

(ts). Der Landkreis Harburg sieht den dringenden Bedarf für ein zusätzliches Notarztfahrzeug im 24-Stunden-Betrieb in seinem Gebiet. Die Kreisverwaltung wird deshalb in Verhandlungen mit den Krankenkassen treten, die die Kosten übernehmen müssten. Den Auftrag dazu hat der Ausschuss für Ordnung und Feuerschutz des Kreistags am vergangenen Dienstag einstimmig erteilt. Das politische Mandat, der Bedarfsfeststellungsbeschluss des Kreistags, gilt als hilfreich bei den Verhandlungen mit den...

Blaulicht

Prozess vor dem Amtsgericht Buxtehude
Versuchter Missbrauch und Kinderpornos: 1.500 Euro Strafe

tk. Buxtehude. Wenn der Richter eindringlich nachfragt, ob der Angeklagte viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, etwa als Jugendtrainer, und die Anklage auf den Besitz von Kinder- und Jugendpornographie lautet, dann sollte der Mann auf der Anklagebank ahnen, dass eine Geldstrafe noch ein relativ milder Schlussstrich unter einem Verfahren ist. In Buxtehude wurde ein 56-Jähriger wegen Besitzes dieser Pornos zu 60 Tagessätzen zu je 25 Euro verurteilt.   Bei dem Buxtehuder, der ohne...

Blaulicht

zehn tage Bauarbeiten
A7 im Horster Dreieck wird in Richtung Hamburg gesperrt

(ts/ce). Wegen Fahrbahnerneuerungsarbeiten wird die A7 im Bereich des Horster Dreiecks in Richtung Hamburg von Montag, 21. September, 7 Uhr, bis voraussichtlich Mittwoch, 30. September, 18 Uhr, voll gesperrt. Das teilt das Landesstraßenbauamt mit. Die Umleitung erfolgt innerhalb des Autobahnnetzes: Der Kraftfahrzeugverkehr wird für die Dauer der Bauarbeiten ab dem Horster Dreieck über das Maschener Kreuz auf die Autobahn 1 in Fahrtrichtung Bremen bzw. auf die Autobahn 39 und anschließend auf...

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen