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Mehr Personal an den Grundschulen!

Immer wieder bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit müssen viele Lehrkräfte in ihrem Berufsalltag gehen
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Leserzuschriften zeigen: Unterstützung im Klassenzimmer dringend erforderlich / Antworten aus dem Niedersächsischen Kultusministerium

(ab). inen Sozialarbeiter für jede Grundschule, mehr pädagogische Fachkräfte und Schulpsychologen, die sich zu multiprofessionellen Teams zusammenfinden, Eltern, die mit den Pädagogen an einem Strang ziehen und mehr Anerkennung für das, was Lehrer tagtäglich stemmen: So lauten die Forderungen der WOCHENBLATT-Leser nach einem aufrüttelnden Artikel über die Grundschullehrerin Tanja R.* Sie hatte über ihren Berufsalltag an einer Grundschule im Landkreis Stade berichtet und in deutlichen Worten die Missstände angeprangert, u.a. die zunehmende Aggressivität bei Grundschülern.

Unter den Zuschriften befinden sich viele von Lehrerinnen und Lehrern aus den Landkreisen Harburg und Stade. Diese bestätigen ausnahmslos R.s Schilderungen. Fazit: Das Ausmaß der Probleme ist erschreckend. Weitere Beispiele von Lehrerinnen und Lehrern werden anonymisiert wiedergegeben, die Namen sind der Redaktion bekannt:

• „Während die Sozialpädagogin und ich versuchen, die körperlichen Auseinandersetzungen und Aggressionen der verhaltensauffälligen Schüler der Klasse unter Kontrolle zu halten, werden die übrigen Kinder mit Arbeitsmaterial versorgt - dies kann man optimistisch ,selbstständiges Lernen‘ nennen“, beschreibt ein Lehrer aus dem Landkreis Harburg den Ablauf des Unterrichts.
• In den Klassen säßen Kinder extrem ehrgeiziger, ambitionierter Eltern, die „eine exzellente differenzierte Förderung verlangen und schon gerne mal mit dem Rechtsanwalt drohen“, daneben Kinder Geflüchteter, zum Teil traumatisiert, mit wenigen bis keinen deutschen Sprachkenntnissen und dazu „eine breite Palette von Kindern, die nicht im Mindesten erzogen sind“, schreibt ein weiterer Lehrer. „Wo bleibt da die Zeit für Kinder, die ohne Frühstück, ohne Unterrichtsmaterial und offensichtlich ungewaschen in die Schule kommen oder sich einnässen und ihre Fingernägel bis aufs Blut herunterkauen?“, fragt er.

• Als „ein Tropfen auf dem heißen Stein“ umschreibt auch eine Schulsozialarbeiterin aus dem Landkreis Harburg die zwei Stunden pro Woche und Klasse, die für Kinder mit besonderem Förderbedarf zur Verfügung stehen. Die Theorie der Inklusion sei im Grunde ein guter Gedanke, „doch so, wie die Schulen derzeit personell aufgestellt sind, kann es schlichtweg nicht funktionieren.“

• Das „Pferd“ Inklusion sei von hinten aufgezäumt worden, so ein weiterer WOCHENBLATT-Leser. Sonderschullehrstunden und Lehrstunden würden an den meisten Schulen für die Bedarfe nicht ausreichen. „Schule war einmal gedacht, Kindern Lerninhalte näherzubringen und sekundär Erziehungsarbeit zu leisten. Mittlerweile ist es anders herum“, schreibt der Leser. Extrem heterogene Klassen könnten nicht mehr im „Gleichschritt“ unterrichtet werden. Sein Vorschlag: Jeder Schüler müsse einen individuellen „Fahrplan“ zum Lernen erhalten.

• Dass sich diese Zustände auch gesundheitlich auf die Pädagogen auswirken können, zeigt sich am Beispiel einer Lehrerin aus dem Landkreis Harburg: „Ich persönlich habe mir schon des Öfteren die Frage gestellt, wie lange ich noch in der Lage sein werde, diesen Beruf ohne zu große gesundheitliche Schäden weiter bewältigen zu können. In meiner beruflichen Laufbahn habe ich bereits eine längere Auszeit nehmen müssen, weil ich an meine Grenzen gestoßen bin.“
Deutlich wurde in allen Zuschriften, dass die Lehrkräfte ihren Beruf lieben und sich darum wünschen, jedem einzelnen Schüler gerecht werden zu können. Doch ohne Unterstützung seitens der Politik und der Eltern wird es bei dem Wunsch bleiben.
(*Namen v. d. Redaktion geändert bzw. bekannt)

„Konstruktiver Dialog über Entlastung“

Zur Situation an Grundschulen: WOCHENBLATT erhält Antworten aus dem Kultusministerium

Die dramatischen Zustände an den Grundschulen im Landkreis Stade und im Landkreis Harburg bewegen die Gemüter. Das WOCHENBLATT hat dazu einige Fragen an das Niedersächsische Kultusministerium gestellt und von dem Pressesprecher der Kultusministerin Frauke Heiligenstadt, Sebastian Schumacher, folgende Antworten erhalten.

WOCHENBLATT: Lehrer beklagen Überforderung u.a. durch schwierige Klassenzusammensetzungen (Schüler mit unterschiedlichem Leistungs- und Sprachniveau, mit Aufmerksamkeitsdefizit, mit erhöhtem Förderbedarf). Wie werden Sie diese Probleme in Angriff nehmen?
Sebastian Schumacher: Solche Pauschalaussagen sind unzutreffend und werden der differenzierten Situation an den über 1.600 Grundschulen im Land sicher nicht gerecht. Wir unterstützen die Lehrkräfte dabei, einer zunehmenden Heterogenität im Klassenzimmer gerecht werden zu können. U.a. können sich Lehrkräfte an allen Schulformen fortbilden und mit den Thematiken Heterogenität, Sprachförderung und Inklusion auseinandersetzen. Die Lehrerausbildung (Studium und Vorbereitungsdienst) wurde dahingehend angepasst, dass angehende Lehrkräfte von vorne herein für diese Fragestellungen sensibilisiert und qualifiziert werden.


WB:
Schulgebäude sind zu klein, marode und für eine inklusive Beschulung häufig nicht geeignet. Es fehlt an barrierefreien Gebäuden. Sehen Sie dort Handlungsbedarf?
Schumacher: Diese Frage müssen Sie an die örtlichen Schulträger richten, die gemäß Verfassung hierfür zuständig sind. Das Land überweist zusätzlich zu den regulären Zahlungen durch den kommunalen Finanzausgleich jährlich 30 Millionen Euro an die Kommunen, damit diese auch bauliche Maßnahmen zur Umsetzung der inklusiven Schule bezahlen können. Wir gehen davon aus, dass diese Mittel auch entsprechend eingesetzt werden.

WB: Nur 1.000 von 1.300 ausgeschriebenen Lehrerstellen wurden besetzt. Es fehlen weiterhin welche. Wie wollen Sie den Lehrermangel in den Griff bekommen?
Schumacher: Von den 1.300 Einstellungsermächtigungen sind bereits weit über 1.100 am 1. Februar 2017 besetzt. Das Einstellungsverfahren zum Einstellungstermin 1. Februar wird voraussichtlich erst Ende des Monats abgeschlossen. Daher ist davon auszugehen, dass sich die Zahl der erfolgreichen Besetzungen auch noch weiter erhöhen wird. Es handelt sich also um eine Momentaufnahme mit Stand 1. Februar.

Wenn Einstellungsermächtigungen nicht besetzt werden können, so können hierfür vielschichtige Gründe vorliegen. Zum einen gibt es derzeit bundesweit einen sehr hohen Lehrkräftebedarf. Dies unter anderem aufgrund gestiegener Schülerzahlen im Zusammenhang mit dem Zuzug von Flüchtlingskindern, aber auch wegen des Ausbaus der Ganztagsschulen sowie der Umsetzung der inklusiven Schulen. Weitere Faktoren können die Lage einer Schule und die Schulform sein.

So ist es grundsätzlich schwieriger, Bewerberinnen und Bewerber für kleine Schulen in peripheren Lagen zu finden. Letztlich muss an dieser Stelle aber auch noch einmal betont werden, dass wir bewusst eine sehr hohe Anzahl an Stellen - das sind deutlich mehr als üblich - ausgeschrieben haben, um das Maximum an Bewerberinnen und Bewerbern einstellen zu können. Stellen, die nicht besetzt werden können, werden wir zum 1. August 2017 erneut ausschreiben.

WB: Viele Lehrer und Schulleiter kommen im Schulalltag an ihre Grenzen und benötigen dringend Entlastung und Unterstützung. Wie werden Sie dem entgegenwirken?
Schumacher: Die Landesregierung führt mit den Lehrerverbänden und -Gewerkschaften einen konstruktiven und produktiven Dialog über Entlastungen im Schulalltag. Erste Maßnahmen wie die Reformen bei der Schulinspektion und bei den Vergleichsarbeiten werden bereits umgesetzt. Im Februar trifft sich die Kultusministerin erneut mit den Verbänden, um Entlastungen von Schulleitungen im Grundschulbereich zu diskutieren. Wir sind zuversichtlich, auch hier mit sehr konkreten Maßnahmen aufwarten zu können.

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