Corona-Maßnahmen im Landkreis Harburg
Uwe Harden fordert: "Mündige Bürger statt Sanktionsregime"

Uwe Harden

(bim). Drages Bürgermeister Uwe Harden, der auch stellvertretender Landrat des Landkreises Harburg ist, hat einen Leserbrief zur Schließung der Abstrichzentren der Kassenärztlichen Vereinigung in Winsen und Buchholz verfasst. Im Grunde ist es aber eine Einschätzung bisheriger Corona-Maßnahmen auf Landkreis- und Bundesebene, die wir hier veröffentlichen:

"Ich finde, die Kreisverwaltung hat bislang in der Corona-Pandemie lobenswerte Arbeit geleistet. Die Bevölkerung ist vergleichsweise gut durch den Pandemie-Höhepunkt im März und April gekommen. Zwar sind bis Mitte Mai dreizehn Menschen im Alter von 79 bis 99 Jahren an oder mit Covid-19 im Landkreis Harburg verstorben, aber seitdem niemand mehr. Die Zahl der wirklich Erkrankten, die ärztlich versorgt werden oder im Krankenhaus behandelt werden müssen, ist minimal.
Inzwischen wissen die Ärzte, wie mit der Krankheit umzugehen ist. Behandlungsschemata hat man entwickelt, sie nehmen der Krankheit ihren Schrecken.
Das zeigt sich auch an der bundesweiten Statistik: Waren Anfang April über 6.000 Menschen mit Covid-19 im Hospital, sind es seit Anfang Juni nur mehr 300 oder sogar darunter, derzeit 235.
Zahl der positiv Getesten
steigt wieder an

Demgegenüber steigt die absolute Zahl der positiv auf das SARS CoV-2 Virus Getesteten wieder an, wie auch die Zahl der Testungen. Das ist auch im Landkreis so. Zum Glück nutzt der Kreis einen zweistufigen Test, der die Zahl der „falsch Positiven“ deutlich reduziert. Doch was sagt der Test aus? Er zeigt an, dass der Getestete mit Corona-Viren zu tun hat oder hatte. Er stellt keine medzinische Diagnose, er bedeutet im Positiv-Fall, dass auch Kontaktpersonen quarantänisiert werden, bis hin zur 14-tägigen Schließung von Abteilungen und ganzen Firmen. Davor haben viele Angst. Und das Testergebnis kann sogar falsch sein.
Ein realistisches Bild der Schwere der Pandemie können nur die Arztpraxen und Krankenhäuser liefern. Und von Aus- oder gar Überlastung ist man dort bei bundesweit 235 Patienten mit 9.400 freien Betten auf den Intensivstationen weit entfernt. Natürlich muss man die Situation im Auge behalten - aber für Angst, Hysterie oder Panik gibt es absolut keinen Grund. Die Zahl der täglich an Covid-19 Verstorbenen liegt im einstelligen Bereich – bei täglich rund 2.500 Sterbefällen in Deutschland.
Sorgen um
die Folgeschäden

Ich mache mir inzwischen mehr Sorgen um die Folgeschäden der Coronapandemie und der Maßnahmen zu ihrer Eindämmung: Viele Gaststätten im Landkreis Harburg haben wirtschaftlich schwer zu kämpfen, trotz Zuschüssen und Kurzarbeit. Ebenso geht es dem Veranstaltungsmanagement, den Schaustellern, den Busunternehmen, den Reisebüros und vielen, von denen wir es noch nicht wissen. Wird es bei den Volksfesten im nächsten Jahr noch ein Karussell, eine Los- oder Schießbude geben? Liebesäpfel und gebrannte Mandeln, bietet die noch jemand an? Können die Vereine noch mit Standgeldern rechnen oder müssen sie welche bezahlen?
Wieviel Schicksale und Lebenswerke stehen hier auf der Kippe? Zu welchen Verzweiflungsreaktionen führen im Einzelfall vernichtete Existenzen? Und wieviele verlieren ihre Arbeitsstelle?
Wie lange soll das soziale Leben sich dem Corona-Regime fügen? Monate etwa? Oder sogar Jahre? Hier müssen Antworten her und zwar bald. Warten auf einen Impfstoff ist bestimmt keine realistische Option. Auch ohne Impfstoff muss das Leben wieder in geordnete Bahnen zurückkehren.
Keine unbegründete
Angst verbreiten

Bundes- und Landespolitiker sollten nicht wie die reichweitenstarken Medien – vor allem das Fernsehen – unbegründete Angst vor einer zweiten Welle verbreiten, sondern Sorgen nehmen und Mut machen. Vor allem sollten sie sich nicht nur von einer Stelle beraten lassen, sondern Mediziner verschiedener Fachrichtungen und Immunologen hinzuziehen.
Die Pandemie haben wir im Griff, die Angst davor lässt viele nicht los. Für eine große Zahl von Menschen bedeutet das eine enorm hohe psychische Belastung. Man könnte diese teilweise abbauen, wenn man Erfahrungen aus dem nahen Ausland beherzigen würde: In Dänemark und Schweden wurden KiTas und Grundschulen nicht geschlossen. Weder erkrankten die Kinder noch Erzieher oder Lehrer. Mund- und Nasenschutz ist dort – ohne nachteilige Folgen – nicht vorgeschreiben, Handhygiene und Abstand schon.
Und es bleiben Fragen:
Wie soll man sich beim Aufenthalt im Freien anstecken können - mir bleibt das schleierhaft. Unsere Eltern haben uns Kinder immer nach draußen geschickt - Bewegung, frische Luft und Sonne stärken das Immunsystem.
Keine Ansteckungsfälle
im Freien bekannt

Es sind bislang keine Fälle der Ansteckung im Freien bekannt (Fußballstadien sind vielfach fast
geschlossen), warum also die Beschränkungen? Eine neue US-Studie zeigt, dass das Corona-Virus in Sekunden an der Sonne inaktiv wird. Warum der weite Abstand im Freien, der sowieso nicht eingehalten wird, wie ein Bild des Bundespräsidenten zeigt und wie viele von uns wissen?
Es ist inzwischen genügend Wissen angesammelt, um gut durch die nächsten Monate zu kommen, warum also überbieten sich Politiker in immer härteren Forderungen nach höheren Strafen für Menschen, die die (vielfach unüberschaubaren und von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen) Vorschriften übertreten? Mein Eindruck ist: Die Verantwortlichen haben sich in eine Situation gebracht, aus der sie keinen Ausweg wissen.
Vorstoß von Althusmann
fand ich sympathisch

Mir wäre mehr Vertrauen zum „mündigen“ Bürger lieber als das Sanktionsregime. Insofern fand ich den Vorstoß von Wirtschaftsminister Bernd Althusmann vor einigen Wochen sympathisch und richtig, der vorschlug, die Vorschriften in Empfehlungen umzuwandeln. Das verbindet deutsche und skandinavische Erfahrungen.
Es wäre indes schon viel gewonnen, wenn die lieben Mitmenschen wenigstens tolerant zu denen wären, die aus medizinischen Gründen keinen Mund- und Nasenschutz tragen müssen, wie es die Verordnung zugesteht.
Ansteckungsgefahr geht nur von Erkrankten mit Symptomen aus, die symptomlose Übertragung von Krankheitserregern, die immer noch durch die Lande geistert, ist eine Legende. Krank sein ohne Symptome nimmt einem zu Recht kein Arzt und kein Arbeitgeber ab."

Autor:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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