Hotel in Fredenbeck ist noch mit Spuren der tödlichen Messerattacke übersät
Einfach zurück an den blutigen Tatort? Flüchtlinge üben Kritik

Der Tatort in der Küche: eine vertrocknete Blutlache auf dem Fußboden und überall Blutspritzer  Foto: jd
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  • Der Tatort in der Küche: eine vertrocknete Blutlache auf dem Fußboden und überall Blutspritzer Foto: jd
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jd. Fredenbeck. Nach der schrecklichen Bluttat in Fredenbeck - ein 23-jähriger Flüchtling aus dem Sudan tötete einen gleichaltrigen Landsmann mit einem Küchenmesser - sollen die Bewohner des Geestdorfes noch immer unter Schock stehen, heißt es in den Medien. Doch was ist eigentlich mit den direkt Betroffenen, den Mitbewohnern, die in derselben Unterkunft wie Täter und Opfer wohnten? Sie kamen bislang nicht zu Wort. Die elf Sudanesen sprachen mit dem WOCHENBLATT über ihre Sorgen und Ängste nach der tödlichen Messerattacke. Sie betrachten sich ebenfalls als Opfer - nicht zu Unrecht.

Was aber für die Sudanesen unfassbar ist: Nach ihren Angaben sei ihnen erklärt worden, dass sie wieder in das ehemalige Hotel zurückkehren können, in dem sie bisher wohnten und in dessen Küche ihr guter Freund getötet wurde - obwohl die Räume von der dafür verantwortlichen Samtgemeinde noch nicht gereinigt wurden.

Der Teppich des Aufenthaltsraums, in dem das Opfer seinen schweren Stichverletzungen erlag, ist blutgetränkt. Überall liegen die Spuren der notärztlichen Versorgung: Verpackungen von Verbandsmaterial, blutige Kompressen und leere Spritzen.

Das ganze Grauen offenbart sich aber, wenn man den Tatort betritt: Eine vertrocknete Blutlache markiert die Stelle, an der das Opfer zu Boden ging. Fußboden und Küchenzeile sind übersät mit Blutspritzern. Auf der Arbeitsplatte steht eine Pfanne mit verkohlten Bohnen. Das Essen wollte sich das Opfer zubereiten, als es nach Aussagen der Mitbewohner hinterrücks angegriffen wurde.

Die Männer sind entsetzt, dass die Verantwortlichen bei der Samtgemeinde Fredenbeck ihnen diesen Anblick zumuten, obwohl sie selbst noch immer unter Schock stehen. "Sollen wir das Blut selber aufwischen?", fragt einer von ihnen. "Wie kann man uns wieder in diese Unterkunft schicken, in der noch alles an diese schreckliche Tat erinnert?"

Die Sudanesen, von denen einige durch die Verfolgung in ihrer Heimat und die Umstände ihrer Flucht ohnehin traumatisiert sind, fühlen sich jetzt zudem für die Tat eines Einzelnen an den Pranger gestellt. "Die Menschen im Ort meiden uns", erklären sie. Sie geben den Behörden die Schuld, dass es so weit gekommen ist.

"Dieser Mann ist gefährlich. Das haben wir immer gesagt, aber die Behörden hat das nicht interessiert." Die Bewohner des ehemaligen Hotels in Fredenbeck, in dem vor einer Woche der junge Sudanese O.* getötet wurde, sind noch immer aufgebracht. Die Flüchtlinge aus dem Sudan sagen, sie hätten zuvor wiederholt vor dem mutmaßlichen Täter A.* - ebenfalls ein Sudanese - gewarnt, seien aber im Fredenbecker Rathaus auf taube Ohren gestoßen.

A. war erst vor ein paar Monaten aus dem Gefängnis entlassen worden. Laut dem Stader Oberstaatsanwalt Kai-Thomas Breas war der abgelehnte Asylbewerber 2016 zu zweieinhalb Jahren Jugendhaft verurteilt worden - wegen gefährlicher Körperverletzung. Nach der Haftentlassung konnte der Straftäter auf eigenen Wunsch in das Hotel zurückkehren, in dem auch seine Mitbewohner von damals noch leben. Die verstehen nicht, dass er dort wieder einziehen durfte. Der Mann habe sich schon immer aggressiv verhalten.

Sein damaliges Opfer, das 2016 ebenfalls mit dem Messer angegriffen wurde, sei weggezogen, als A. aus dem Gefängnis freigekommen sei. "Schon früher hat der Täter immer wieder Streit gesucht", beklagt sich einer der Flüchtlinge. Sobald er aufgetaucht sei, habe es Ärger gegeben.

"Der Täter hat sich den Besten von uns als Opfer ausgesucht", meint einer der Sudanesen. Der junge Mann sei ein positives Beispiel für gelungene Integration gewesen, er habe die Schule besucht und einen Ausbildungsplatz bei einer Sanitärfirma in Stade gefunden. Die Sudanesen gehen davon aus, dass als mögliches Motiv Neid im Spiel war.

Spuren der Bluttat noch nicht beseitigt
Die Flüchtlinge aus Fredenbeck machten am Montag ihrem Unmut Luft und suchten gemeinsam mit anderen Sudanesen aus dem Landkreis unangemeldet das Kreishaus auf, um mit der zuständigen Dezernentin Nicole Streitz über das Thema zu sprechen. Die nahm sich Zeit, um die Situation zu entschärfen, und zog spontan noch Fredenbecks Samtgemeinde-Bürgermeister Ralf Handelsmann hinzu. "Auch wenn der Landkreis beim Thema Unterbringung nicht zuständig ist: Mir war es in diesem Moment wichtig, dass die Betroffenen Gehör finden", erklärt Streitz.

Gleich zu Beginn des Gesprächs hatte Streitz die Nachricht von der Polizei weitergegeben, dass der Zugang zum Hotel wieder möglich sei. Diese Mitteilung empfanden die Männer nach eigenen Angaben wie Hohn: Die Unterkunft ist noch voller Spuren der Tat. Nichts wurde gereinigt. Der Blick in die Küche - dort stach der Täter auf sein Opfer ein - ist der blanke Horror. Wohin man sieht, klebt Blut. Das Hotel in diesem Zustand auch nur zu betreten, geschweige denn, darin zu wohnen, sei eine Zumutung, so die Männer.

In der Pflicht, den Tatort zu reinigen, ist die Samtgemeinde als Betreiber der Unterkunft. Doch selbst wenn alle Spuren beseitigt sind, zurück ins Hotel will niemand mehr. "Dort werden die Erinnerungen an die Tat immer wieder wach. Wir können da nicht mehr wohnen", sagt einer der Sudanesen. Am liebsten würden alle ganz weg aus Fredenbeck ziehen. Die Menschen im Ort hielten jetzt wahrscheinlich alle Sudanesen für Messerstecher. Einer berichtet, schon beschimpft worden zu sein, ein anderer werde angeblich beim Sportverein, in dem er Fußball spiele, von vielen nicht mehr gegrüßt.

Für Abschiebung fehlen die Papiere
Dezernentin Streitz äußert Verständnis für die Flüchtlinge, sieht aber seitens des Landkreises hier keine Handhabe, aktiv zu werden. Die Zuweisung der Asylbewerber in die einzelnen Kommunen erfolge über die Landesaufnahmebehörde. Laut Streitz konnte der mutmaßliche Täter A. aufgrund fehlender Ausweisdokumente bisher nicht abgeschoben werden. Sein Asylantrag sei abgelehnt worden und daher habe er nur noch den Status der Duldung. "Seit dem vergangenen Jahr bemühen wir uns vergeblich um die Rückführung", erklärt Streitz. Doch A. habe jegliche Mitwirkung an der Passbeschaffung und der Erstellung von Ersatzdokumenten verweigert.

Laut Breas stand A. nach Verbüßung seiner Haftstrafe unter sogenannter Führungsaufsicht. Details dazu nannte der Oberstaatsanwalt nicht. Nach WOCHENBLATT-Informationen war für A. eine Betreuerin bestellt, die ähnlich wie ein Bewährungshelfer im Rahmen der Resozialisierung tätig ist. Das muss aber nicht viel heißen. In einem anderen Fall aus dem Landkreis war eine Bewährungshelferin gar nicht richtig mit der Akte ihres Schützlings vertraut und stand nur einmal im Monat mit diesem in persönlichem Kontakt.

Bürgermeister äußern sich zurückhaltend
Fredenbecks Samtgemeinde-Bürgermeister Ralf Handelsmann räumt gegenüber dem WOCHENBLATT ein, dass von Seiten der Samtgemeinde noch Aufräumarbeiten am Tatort zu leisten seien. Man habe den Bewohnern der Unterkunft auch angeboten, kurz- oder langfristig in anderen Unterkünften innerhalb der Samtgemeinde unterzukommen. Es gebe genug freie Plätze in rund 15 zur Verfügung stehenden Objekten, so Handelsmann.

Fredenbecks Bürgermeister Hans-Ulrich Schumacher, der sich zum Vorfall in der Flüchtlingsunterkunft u.a. im Rundfunk kritisch gegenüber dem Landkreis geäußert hatte, hält sich gegenüber dem WOCHENBLATT bedeckt und verweist auf die zuständige Samtgemeinde-Verwaltung. Zur Stimmung im Ort könne er nichts sagen. Er sei noch von niemandem im Ort zu dem Thema angesprochen worden.

*Namen sind der Red. bekannt.

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