"Fühle mich als Deutscher" - In Deutschland geboren: Junger Syrer sieht sich ungerecht behandelt

Chidir D. will gern Deutscher werden, darf es aber (noch) nicht
  • Chidir D. will gern Deutscher werden, darf es aber (noch) nicht
  • Foto: jd
  • hochgeladen von Jörg Dammann

jd. Stade/Harsefeld. Das deutsche Ausländerrecht ist eine schwierige Materie. Betroffene können oftmals nicht verstehen, warum sie in vielerlei Hinsicht schlechter gestellt sind als Bundesbürger - gerade wenn sie schon lange hier leben. Die Geschichte eines jungen Mannes aus Harsefeld zeigt, dass die komplizierte Gesetzeslage zu folgenreichen Missverständnissen führen kann. Das WOCHENBLATT begleitete den 19-jährigen Syrer, der Kritik an der Ausländerbehörde übt, mit aufs Amt. Der Landkreis hatte unsere Zeitung eingeladen, in diesem konkreten Fall einmal hinter die Kulissen zu schauen.

Chidir D. ist in Deutschland geboren, seine Eltern kamen bereits 1995 aus Syrien hierher. Sie stellten einen Asylantrag. Der wurde abgelehnt - nicht zuletzt, weil sie ihre Herkunft zunächst verschleierten und Angaben nicht nachprüfbar waren. Eine Abschiebung war wegen fehlender Papiere nicht möglich. So erhielt die Familie den niedrigsten Aufenthaltsstatus - die Duldung. Das änderte sich erst 2012: Da war der Bürgerkrieg in Syrien ausgebrochen und Chidir bekam mit seinen Eltern und Geschwistern eine jeweils auf zwei Jahre befristete Aufenthaltserlaubnis. Daran geknüpft war die Verpflichtung, den Wohnsitz im Landkreis Stade zu nehmen.

Für Chidir ist das Ganze schwer nachvollziehbar: "Ich bin hier geboren, zur Schule gegangen, spreche deutsch - und fühle mich als Deutscher. Ich will den deutschen Pass und endlich selbst entscheiden, wo ich wohne." Beim Gespräch in der Ausländerbehörde macht Chidir seinem Unmut Luft. Der junge Mann ist zornig - aus einem bestimmten Grund: Nach Kontroversen mit seinem Lehrherrn war die Ausbildungsstelle im Kreis Stade futsch. Der junge Mann fand eine Firma in Nordhorn, wo er seine Lehre hätte fortsetzen können.

Doch die Beschränkungen in seinem Aufenthaltstitel haben nach seiner Ansicht verhindert, dass er den neuen Job antreten konnte. Auch seine Mutter ärgert sich: "Da möchte ein junger Mensch arbeiten und die Behörden legen ihm Steine in den Weg." In den Augen der Familie D. ist die Stader Ausländerbehörde der "Buhmann".

Doch in diese Rolle will Kreis-Dezernentin Nicole Streitz, der die Ausländerbehörde unterstellt ist, ihr Amt nicht drängen lassen: Sie bat Chidir zum klärenden Gespräch ins Kreishaus - gemeinsam mit dem WOCHENBLATT-Redakteur. Mit ihrer "Transparenz-Offensive" will Streitz deutlich machen: Die Entscheidungen ihrer Behörde basieren auf Recht und Gesetz - der oftmals bemühte "Ermessensspielraum" sei hier nicht gegeben. Zugleich möchte Streitz signalisieren: Jeder Fall werde ernst genommen und nicht nur als Aktenzeichen behandelt.

Aber was lief schief in Chidirs Fall? "Er hat in einem Formular sein Kreuz an einer falschen Stelle gemacht", bringt Streitz es auf den Punkt. Seine Aufenthaltserlaubnis lief ab, ein neuer Antrag musste gestellt werden. Doch Chidir kreuzte stattdessen an, dass er eine Niederlassungserlaubnis beantragt - der höchste Status im Aufenthaltsrecht. Die Sachbearbeiterin wies ihn darauf hin, dass er derzeit laut Gesetz keinerlei Chance habe, diesen Status zu erhalten. Da er sich nicht von seinem Vorhaben abbringen ließ, griff die übliche Vorgehensweise: Chidir erhielt lediglich ein Papier, das seinen Aufenthalt zunächst auf drei Monate befristet.

Beim Treffen in ihrem Büro machte Streitz noch einmal deutlich: Chidirs Antrag auf unbefristete Niederlassung habe keine Erfolgsaussichten. Das Gesetz schreibe eine Mindest-Aufenthaltsdauer von fünf Jahren vor - gerechnet ab 2012. Ausnahmen seien nicht möglich. Er solle bis 2017 warten, so Streitz. Doch wie junge Menschen so sind: Gute Ratschläge werden nicht immer angenommen.

KOMMENTAR:

Chidirs Ärger ist nachvollziehbar: Er ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Dieses Land ist seine Heimat, doch bislang darf er nicht Bürger dieses Staates werden. Ich kann aber auch die Ausländerbehörde verstehen: Da kommt ein junger Mann und will mit trotzigem Auftreten Rechte einfordern, die ihm beim besten Willen (noch) nicht zugestanden werden können.

Was ich aber weder verstehen noch nachvollziehen kann: Warum hat der Gesetzgeber das Ausländerrecht so gestaltet, dass keine Ausnahmen möglich sind? Hier muss unbedingt reagiert werden, denn Chidir ist gewiss kein Einzelfall: Es gibt sicherlich Tausende junger Menschen, die in Deutschland geboren sind, aber offiziell als Ausländer gelten. Da lobe ich mir die USA: Wer dort das Licht der Welt erblickt, wird automatisch - egal, welcher Nationalität seine Eltern sind - US-Bürger.

Jörg Dammann

Autor:

Jörg Dammann aus Stade

Panorama
  3 Bilder

Eklat zwischen dem Künstler Erwin Hilbert und dem Vorstand der St.-Petri-Kirche
Kunstausstellung in Buxtehuder Kirche vorzeitig beendet

sla. Buxtehude. Nach etlichen Vorfällen, über die das WOCHENBLATT berichtete, hat der Kirchenvorstand der St.-Petri-Kirchengemeinde die Kunstausstellung "Jesus und andere Gestalten" sowie die weitere Zusammenarbeit mit dem Künstler Erwin Hilbert vorzeitig beendet. Der Entschluss wurde durch Pastor Michael Glawion nach dem Druck der Wochenendausgabe bekanntgegeben. Die genauen Hintergründe, die zu dieser Entscheidung führten, werden in der nächsten WOCHENBLATT-Ausgabe am Mittwoch ausführlich...

Politik
Wenn sich in der Biotonne Maden sammeln, ist das nicht gefährlich, beruhigt der Landkreis

Antwort des Landkreises Harburg auf FDP-Antrag
Maden in Biotonnen sind ungefährlich

(os). Wenn sich in der Biotonne Maden sammeln oder die Tonne einen unangenehmen Geruch verbreitet, ist das für Menschen ungefährlich. Das geht aus der Antwort des Landkreises Harburg auf eine Anfrage der FDP-Kreistagsfraktion hervor. Wie berichtet, wollten die Freidemokraten wissen, ob es möglich ist, die Biotonne in den Monaten zwischen Mai und September jede Woche und nicht wie derzeit alle 14 Tage leeren zu lassen. Die FDP-Fraktion hatte auf viele Klagen von Bürgern verwiesen, denen beim...

Panorama
Die DLRG rät, nur an bewachten Badestellen ins Wasser zu gehen

Viele Tote an ungesicherten Badestellen
24 Menschen sind bisher in Niedersachsen ertrunken

(bim). Eine Zwischenbilanz der bisherigen Ertrinkungszahlen veröffentlichte jetzt der DLRG-Bundesverband. Demnach sind in Niedersachsen 24 Menschen ertrunken und damit fünf weniger als im Vorjahr. Im Ländervergleich erreicht Niedersachsen dennoch den dritthöchsten Wert (in Nordrhein-Westfalen sind es 26, in Bayern 35). Bundesweit wurden 192 Ertrunkene registriert. Die meisten Unfälle ereignen sich nach wie vor im Binnenland - besondere Gefahr besteht an ungesicherten Badestellen, wie...

Panorama
Bei Drochtersen soll die A 20 die Elbe unterqueren. Der Tunnelbau könnte - wenn alles gut läuft - 2025 beginnen

Fertigstellung der A 20 weiter für 2030 angepeilt
Neuer Elbtunnel: Baubeginn soll 2025 sein

Ab 2030 sollen die ersten Autos durch den neuen Elbtunnel bei Drochtersen rollen.(jd).  Der Termin 2030 wurde in den Vorjahren immer wieder von Planern und Politikern genannt. Jetzt bestätigte der schleswig-holsteinische Verkehrsminister Bernd Buchholz noch einmal indirekt die Zeitplanung: Er rechne damit, dass die A 20 in seinem Bundesland ab 2030 in ihrer kompletten Länge befahren werden kann, erklärte der Minister. Er dürfte dabei auch an die Elbquerung gedacht haben. Denn ohne den Tunnel...

Politik
Auf dem Gelände der Stadtwerke an der Maurerstraße soll in einer Halle ein Feuerwehrfahrzeug stationiert werden

Sechsmonatige Probephase geplant
Feuerwehrstandort bei den Buchholzer Stadtwerken?

os. Buchholz. Steht bald ein Löschfahrzeug der Freiwilligen Feuerwehr Holm in der Waschhalle der Buchholzer Stadtwerke, um von der Maurerstraße zu Einsätzen z. B. ein Steinbeck auszurücken? Das sehen zumindest die Pläne der Stadtverwaltung und der Feuerwehrspitze vor, die Buchholz' Stadtjustiziarin Hilke Henningsmeyer jüngst im Bauausschuss vorstellte. Demnach soll es einen sechsmonatigen Probebetrieb geben und hinterher über weitere Schritte entschieden werden. Hintergrund der Maßnahme ist...

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen